Langzeitstillen

In Deutschland stillen rund 9% der Mütter ihr einjähriges Kind noch. Dafür ernten die stillfreudigen Mamas häufig schräge Blicke – dabei war das früher ganz normal.

„Da Mumi drinken,“ ruft die knapp 18 Monate alte Pia, läuft auf wackeligen Beinen zu ihrer Mutter und schiebt deren Pullover hoch und beginnt genüsslich an der Brust zu trinken.

Ein Bild, das die meisten eher irritiert. Auch wenn der Vorteil von Muttermilch unumstritten ist und die meisten Mütter ihr Neugeborenes gern stillen möchten: Ihr Kleinkind wollen die wenigsten noch an der Brust haben.

Langzeitstillen - im Kleinkindalter wird in Deutschland selten noch gestillt (© Thinkstock)
Langzeitstillen – im Kleinkindalter wird in Deutschland selten noch gestillt (© Thinkstock)

In Deutschland beträgt die durchschnittliche Stilldauer 6,9 Monate, so Experten. Vollgestillt werden die meisten Kinder etwa fünf Monate. Mit neun Monaten stillen noch etwa 21 Prozent,  mit einem Jahr gut neun Prozent. Länger als 24 Monate werden weniger als ein Prozent der Kinder gestillt.

In vielen Ländern der Welt ist üblich länger zu stillen. Im westlichen Kulturkreis werden Mütter, die Kleinkinder stillen mit Unverständis und sogar mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Dabei empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation Kinder bis zu 24 Monaten zu stillen, das optimale biologische Abstillalter liegt laut der amerikanischen Anthropologin Katherine Dettwyler bei mindestens 2,3 bis maximal 6-7 Jahren.

Für ein langes Stillen spricht, dass die gehaltvolle Muttermilch auch bei Kleinkinder viele Vitamine abdeckt und die Kinder vor Krankheitserregern geschützt werden.

Doch die wenigsten Mütter nehmen sich von Anfang an vor, ihre Kinder über das erste Lebensjahr hinaus zu stillen. Die Hamburger Hebamme und Stillberaterin Regine Gresens betreut die Gruppe „Stillfans“, in der sich Mütter austauschen, die Kleinkinder stillen. Wenn Kinder die Beikost verweigern, sehen viele Mütter keine andere Möglichkeit als dem Kind weiterhin Muttermilch anzubieten. „Wenn sie sich dann informieren und erfahren, dass das lange Stillen ungefährlich ist und in Ordnung ist, sind sie beruhigt und stillen weiter.“

„Die Mütter erleben, wie gut das Stillen dem Kind tut. Sie möchten dieses Bedürfnis des Kindes weiterhin befriedigen und es nicht mit Druck abstillen und ihm etwas Gutes vorenthalten“, so die Hebamme, die ihr eigenes Kind auch lange stillte. Ihrer Ansicht nach spricht nichts dagegen, Kinder solange an die Brust zu nehmen, wie sie es möchten. Die meisten Kinder stillen sich dann im Alter zwischen zwei und drei Jahren selbst ab.

Doch auf Verständis der Umwelt stoßen Mütter, die ein Kleinkind noch stillen, oft nicht. Davon berichtet auch Pias Mutter „Ich muss mir immer anhören, dass ich nicht loslassen könne und mein Kind völlig verwöhne.“ Auch Regine Gresens kennt die Kritik. „Mütter, die lange stillen, brauchen sehr viel Selbstvertrauen in ihren eigenen Instinkt und ihr Kind, um sich nicht vom Stillen abbringen zu lassen.“ Sie empfielt auf vorwurfsvolle Fragen, wie etwa. „Was du stillst noch?!“ einfach kühl und sachlich. „Ja, wir stillen noch“ zu antworten.

Gleichgesinnte finden Langzeitstillende im Internet – oder durch Zufall. „Ich habe nur zu Hause und eher versteckt gestillt,“ räumt Pias Mutter ein. Erst seit eine Freundin offen erklärt hat, sogar Tandemstillen (sowohl ein Neugeborenes als auch die 20 Monate alte Schwester) zu praktizieren, traut sie sich über das Stillen von Pia offen zu reden.

Sie ist sich sicher, dass das kleine Mädchen irgendwann selbst nicht mehr gestillt werden möchte. „Aber im Moment genießen wir beide diese Nähe, warum sollten wir dann etwas daran ändern?“