Geschlechtsbestimmung kann irren

Darf man sich wirklich auf die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung verlassen? Eine Mutter berichtet von ihren Erfahrungen mit der pränatalen Diagnostik…

Die Diagnose war eindeutig – sagte der Frauenarzt. Als Svenja Baumann (36) in der 19. Schwangerschaftswoche war, fragte der Arzt die Hamburgerin beim Ultraschall, ob sie das Geschlecht ihres Kindes wissen wolle. „Na klar,“ war die aufgeregte Antwort. Man könne ganz klar einen Penis erkennen, so der Gynäkologe zu der werdenden Mutter. Svenja selbst sah zwar nur grauen Schatten, aber sie freute sich. „Irgendwie habe ich mich immer mehr als Jungs-Mama gesehen. So auf Zickenalarm in rosa Rüschen hatte ich echt keine Lust,“ sagt sie.

Auch ihr Mann Karsten freute sich auf den Junior. Bei der Aufnahmeuntersuchung im Krankenhaus in der 30. SSW blickte die Ärztin lange auf das Ultraschall-Gerät, als Svenja fragte, wie es ihrem Sohn ginge. „So ganz sicher bin ich nicht, es sieht schon eher nach Junge aus, aber ich will mich nicht festlegen.“ Eine Woche vorher hatte Svenjas Frauenarzt schon geschallt- und er war sich sicher. „Karsten und ich hatten nun drei Diagnosen: zweimal eindeutig Junge und einmal eher Junge. Und mein Bauchgefühl war auch ganz klar auf kleinen Kerl eingestellt.“

Sie sprachen mit ihrem Niklas und alle Freunde und Verwandten wussten auch, dass männlicher Nachwuchs ins Haus kam. Warum auch ein Geheimnis daraus machen? „Ich fand es praktisch, es allen zu sagen. Das erspart Verlegenheitsgeschenke oder komische neutrale Babystrampler in gelb,“ meint Svenja. Karsten tapezierte das Babyzimmer in einem freundlichen hellblau und Svenja freute sich über Mini-Sportschuhe und kleine Baseballkappen.

Die Geburt verlief nicht gut. Zwei Tage vor dem Stichtag bekam Svenja leichte Wehen. „Die waren einfach nicht doll genug, aber mir war so unendlich schlecht.“ Sie kam ins Krankenhaus, doch der Muttermund öffnete sich nur langsam. Als die Wehen endlich stärker wurden, waren schon fast zwanzig Stunden um. Eine gefühlte Ewigkeit. Dann wurden die Herztöne des Babys plötzlich schwach. Und Svenjas auch.


Es wurde hektisch. Karsten wurde rausgeschickt. Notkaiserschnitt. Alles ging gut. „Ihrer Frau und ihrer Tochter geht es gut,“ sagte die Hebamme zu dem frischgebackenen Vater, der auf dem Flur stand. Unter Tränen durfte Karsten sein Kind in den Arm nehmen. Er war so glücklich, dass beide gesund waren, dass er ein entscheidendes Wort gar nicht richtig gehört hatte. Das kleine Babygesicht, die Faust die gleich seinen Finger umschloss, mehr brauchte er nicht, um sich als Vater zu fühlen.

Svenja ging es anders. „Als ich aufwachte, wollte ich gleich meinen Sohn sehen. Als die Schwester mich da so komisch anguckte, hatte ich riesige Angst. Was war passiert? Die sagte nur, dass sie jetzt mein Kind holt und kam dann wieder. Und sagte: Hier ist ihre Tochter- ein richtige kleine Puppe.“ Svenja nahm den Säugling entgegen, starrte das Kind mit dem schwarzen Haarschopf an und dachte: „Das ist nicht mein Kind. Ich habe doch einen Sohn.“

Die ersten Wochen werden schwierig. Miriam ist ein Schreibaby, hat Koliken und will nicht gestillt werden. „Meine Tochter trug blaue Strampler, bekam lauter kleine Jungs-Geschenke und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie nicht zu uns gehört,“ sagt Svenja. Die Kinderärztin meint, die schwere Geburt habe dem Baby das Ankommen erschwert. Heute, ein Jahr später, meint Svenja, dass es vor allem der Geburtschock war, der die erste Zeit so schwer gemacht habe. „Die Geburt war schlimm – aber der Schock war, dass es ein Mädchen war. Wir hatten ja nicht einmal einen Namen für sie. Und ich glaube sie spürte meine Ablehnung.“

Tatsächlich ist die pränatale Geschlechtsbestimmung nicht immer zuverlässig. Hält das Baby einen Finger zwischen die Oberschenkel oder hängt die Nabelschnur ein wenig, sieht dies mitunter auf dem Ultraschallgerät wie ein Penis aus. Auch eine Beckenendlage erschwert es dem Arzt eindeutig zu sehen, ob im Bauch ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen strampelt.

Die erste Vorhersage zwischend der 15. und 18. SSW ist besonders unzuverlässig, hier gilt eine Fehlerquote von gut 19 Prozent. Die meisten Mediziner schweigen daher lieber. Auch wenn die Untersuchungen im 3-D Ultraschall und nach der 20. SSW  – vom erfahrenen Fachmann – als sehr zuverlässig gelten, manchmal stimmt die Diagnose eben nicht.

Zuverlässig ist die Bestimmung des Geschlechtes nur bei einer Fruchtwasseruntersuchung, einer Chorizotten-Biopsie oder durch einen genetischen Test. Eine englische Firma bietet solche Tests auch für den deutschen Markt an – allerdings kostet der gut 150 Euro. Experten befürchten, dass so eine Untersuchung, die schon  ab der 8. Schwangerschaftswoche möglich ist, dazu führen könnte, dass das „falsche“ Geschlecht noch abgetrieben werden könnte.

Doch in den zwei Jahren, in denen der Test auf dem Markt ist, hält sich die Nachfrage zurück. Anders als in China oder Indien wollen in Deutschland die meisten Eltern zwar gern das Geschlecht wissen – aber nur weil sie gern den Namen aussuchen möchten oder sich so ihrem Baby näher fühlen.

Foto: © Carey Hope für istockphoto.com