Mia* – Wehentropf und starker Blutverlust

Mich verlässt jedes Gefühl für Zeit und Raum, fühle nur noch Schmerz. Der Arzt hatte regelmäßig vorbeigeschaut, jetzt bleibt er da. Die Hebamme tut mir mit ihrer ruhigen sanften Art so gut. Und mein Mann hält mich fest und versucht mich zum regelmäßigen Atmen zu bewegen. Das kann ich kaum noch. Will nur, dass es aufhört…

20. Januar. Stichtag. Ich fühle mich wie ein Walfisch, schwer, unbeweglich und nicht für ein Leben auf zwei Beinen geeignet. Mein Bauchumfang ist fast 115 Zentimeter – und das bei einer Körpergröße von 163 Zentimeter. Wie lange muss ich noch warten? Das Baby kann sich kaum noch bewegen und drückt überall. Meine Kliniktasche ist seit zwei Wochen gepackt, das Kind auch schon brav in Startposition, aber es tut sich noch rein gar nichts. Seufz.
 
Am 22. Januar geht es endlich los. Erste Krämpfe, etwa so wie ich sie vom ersten Tag meiner Periode kenne. Und sehr unregelmäßig, mit stundenlangen Abständen. Wir gehen spazieren und warten. Nachts kann ich kaum schlafen.
Am Sonntagmorgen fahren wir dann ins Krankenhaus – und nach dem CTG wieder zurück nach Hause. Der Muttermund ist erst einen Zentimeter geöffnet und die Wehen kommen jetzt alle 30 Minuten.
 
Den Tag verbringe ich mit Lesen, Baden und Atemübungen. Es ist auszuhalten. Aber wie lange soll das so weitergehen? Nachts kann ich wieder kaum schlafen. Und dann wird mir übel. Kotzübel. Ich wecke meinen schlafenden Schatz und zehn Minuten später sitze ich mit dem Spuckeimer auf dem Schoß im Auto.
 
Um 3 Uhr morgens kommen wir bei klirrender Kälte und Glatteis in der Klinik an. Das CTG zeigt immer noch schwache unregelmäßige Wehen an, der Muttermund ist jetzt drei Zentimeter geöffnet. Aber wegen der Übelkeit und des miesen Wetters soll ich dableiben. Der Papa in spe wird nach Hause geschickt. Ich bekomme einen Medikamenten-Cocktail und dämmere mit Wehen im Krankenhausbett und auf dem WC vor mich hin. Irgendwie gelingt es mir ein bisschen zu schlafen.
 
Um 11 Uhr werde ich abgeholt, endlich zeigt das CTG kräftige regelmäßige Wehen, auch die Fruchtblase ist geplatzt. Hatte ich gar nicht gemerkt zwischen Durchfall und Übelkeit…Nun darf ich endlich in den Kreißsaal. Mein Liebster ist auch wieder da und hat unsere Tasche dabei. Die Geburtsvorbereitungshebamme hatte uns geraten CDs und Verpflegung für den Vater einzustecken.
 
Gemeinsam machen wir die Atemübungen, immer wieder zählt mein Mann: „21, 22, 23 und pffffffff“. Tatsächlich hilft das. Ich sitze auf einem Ball, gehe in die Badewanne. Die Hebamme massiert mich, es gibt homöphatische Tropfen, ich hatte mich vorher entschieden nur im Notfall eine PDA zu wollen. Aber es dauert. Schließlich kommen gegen 16.30h die ersten Presswehen. Heftig. Schmerzhaft.
 
Mich verlässt jedes Gefühl für Zeit und Raum, fühle nur noch Schmerz. Der Arzt hatte regelmäßig vorbeigeschaut, jetzt bleibt er da. Die Hebamme tut mir mit ihrer ruhigen sanften Art so gut. Und mein Mann hält mich fest und versucht mich zum regelmäßigen Atmen zu bewegen. Das kann ich kaum noch. Will nur, dass es aufhört. Und eine PDA. Jetzt! Das ist jetzt zu spät, sagt die Hebamme. Mir egal. „Sie sind ganz tapfer und so ein tolles Team,“ brummt der Oberarzt.
 
Weil die Wehen noch nicht so sind wie sie sein sollten, kriege ich einen Wehentropf und dann hören die Wehen nicht mehr auf. Irgendwo höre ich ein Murmeln, Geräte piepen. „Der Kopf ist zu sehen. Möchten sie ihn fühlen?“ Nein will ich nicht, ich will, dass das alles aufhört! Plötzlich stoppen die Wehen. Ich habe das Gefühl wegzudriften. „Sie schaffen das!“ ruft die Hebamme. Alle werden hektisch. Die Saugglocke wird geholt. Unbeschreiblicher Schmerz. „Nur einmal noch, ganz langsam.“ Ich sehe rote Blitze und habe das Gefühl zu zerreißen. Es ist 18.28 Uhr als meine Tochter geboren wird.
 
Tatsächlich war die letzte Stunde gefährlich, da meine Herzwerte schlecht waren und ich entkräftet war und schon viel Blut verloren hatte. Mein Mann hatte die Werte auf dem Monitor verfolgen können und als der Chefarzt im Raum blieb sorgte er sich sehr. Doch nun ist alles überstanden. Ohne PDA und ohne Saugglocke.
 
Unsere Tochter zeigt sofort, dass sie ein Temperamentbündel ist. Sie schreit kräftig. Sie ist so klein mit vielen schwarzen Haaren. Mein Mann darf sie abnabeln und weint. Mia ist 51 Zentimeter groß und wiegt 3390 Gramm. Die Nachgeburt bekomme ich kaum mit, ich sehe nur wie meine Kleine gewogen und gemessen wird. Dann bekomme ich sie in den Arm und gleich sucht ihr kleiner Mund meine Brust.
 
Alles ist plötzlich so unendlich wunderbar. Ich fühle mich stark und fit, der große Blutverlust, die Wunden (D-schnitt und sehr hoher S-Riss) merke ich nicht.
Wir drei bleiben noch ein gute halbe Stunde im Kreißsaal, dann geht es in Zimmer. Ich falle über das Abendbrottablett her und bin so glücklich. Die erste gemeinsame Nacht verbringe ich damit meine Tochter anzugucken… sie ist das Schönste, was mir je passiert ist.
 
* Diese Geburtsgeschichte ist auf Wunsch der Eltern anonymisiert worden. Foto: privat.
 
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