Mats* – nur 3 Stunden im Kreißsaal

Am Stichtag war ein Ziehen. Das können keine Wehen sein, oder? Kein Kind kommt am Termin – dachte ich. Bei meiner zweiten Geburt war alles anders…
Ich weiß gar nicht mehr, wann ich die ersten leichten Wehen bemerkte. Etwa eine Woche vor dem Stichtag? Aber es waren nur ab und zu leichte Übungswehen. Da meine Tochter vier Tage nach dem Stichtag kam, war ich mir sicher, dass auch mein Sohn ein Nesthocker war und sich Zeit lassen würde. Die letzte Geburt war ja erst 20 Monate her, ich wusste ja, was auf mich zu kam. Dachte ich.
 
Der Stichtag für das zweite Baby war der 26. September. Alles war organisiert: die Kliniktasche und eine Betreuung für Mia. Es war ein ganz normaler Werktag, meine Tochter war bei der Tagesmutter und mein Mann arbeitete. Ich puddelte im Haushalt rum und irgendwie wurden die Übungswehen stärker. Erst als ich mich auf den Weg zur Tagesmutter machte merkte ich: ich kann kaum noch laufen! Also ging ich die etwa 200 Meter die ich gerade mal geschafft hatte zurück und rief meinen Mann und die Tagesmutter an. Mia blieb länger und mein Mann kam um mich zu Klinik zu begleiten. Ich hielt das für Quatsch und wollte erst alleine ins Krankenhaus mit dem Taxi fahren. Denn ich war überzeugt, dass es ein Fehlalarm war. Schon allein das Datum zeigt es. Wer hat denn schon davon gehört, dass ein Baby am berrechneten Geburtstermin kommt?
 
Wir fuhren aber doch zu zweit. Da der werdende Vater nichts von einer Taxifahrt wissen. Aber es sah so aus, als hätte ich Recht. Auf dem CTG tat sich fast nichts. „Ja, es sind Wehen, aber nicht genug“ hieß es. Der Muttermund war circa zwei Zentimeter geöffnet – aber das war er schon seit fünf Tagen. Ich bekam eine wehenfördernde Kräuterteemischung mit nach Hause und sollte ab Abend einen Sekt trinken : „Dann klappt es auch bald mit stärkeren Wehen.“ Nun gut, die Abstände waren ca. alle 25 Minuten. Es war auch auszuhalten, wie sehr starke Menstruationskrämpfe.
 
Wir fuhren erst einmal zum türkischen Imbiss und aßen einen Döner, dann holten wir Mia von der Tagesmutter ab und fuhren noch in eine Ladenpassage. Wir hatten Mia nämlich ein Buch versprochen. Zu Hause gab es dann Abendbrot und Mia und ich setzen uns im Kinderzimmer in die Kuschelecke und lasen. Und dann um genau 19 Uhr passiert es: plötzlich floss ein Schwall Wasser aus mir. Es war merkwürdig warm und mir war sofort klar: Meine Fruchtblase war geplatzt! Oh je, auf dem Kinderzimmerteppich!
 
„Stefan,“ rief ich ganz laut und versuchte ruhig zu bleiben. Mia sah mich an „Mama Pipi macht?“ Als keine Reaktion aus dem Wohnzimmer kam, rief ich laut „Komm schnell, meine Fruchblase ist geplatzt.“ Blitzschnell war er da. Schiere Panik im Gesicht. Ich wollte nur schnell etwas Trockenes anziehen und dachte an den Teppich. Mein Mann warf einen Lappen auf den Teppich, ich warf meine nasse Kleidung in die Wanne und zog mich um.  „Bist du sicher, dass wir keinen Krankenwagen rufen sollen?“ So ein Quatsch, meinte ich. Abgestützt auf meinen Mann wankte ich zum Auto und wir fuhren los ins Krankenhaus, Mia war mit. Die Fahrt dauert eigentlich zehn Minuten, aber das Gaspedal wurde durchgedrückt und wir waren schon nach fünf Minuten in der Klinik.  Die beiden lieferten mich im Kreißsaal ab und dann brachte mein Mann die Große zur Tagesmutter. Da die Großeltern in einer anderen Stadt leben, war dies die beste Lösung. Mia übernachtete in einer ihr bekannten Umgebung.
 
Ich war zunächst allein mit der Hebamme. Es war wieder Solveig, die mich auch bei meiner ersten Geburt so toll unterstützt hatte! Auf dem CTG waren jetzt heftige Wehen zu sehen. Sofort ging es in den Kreißsaal, es war mittlerweile 20.30 Uhr. Ich konnte die Wehen gut veratmen, mein Mann war auch bald wieder da und half mir.
 
An die nächsten zwei Stunden kann ich mich kaum erinnern. Ich weiß nur, dass ich die Wehen witzigerweise am besten im Vierfüßlerstand veratmen konnte. Und den hatte ich im Vorbereitungskurs gehasst! Es war allerdings eine Mischform, ich kniete auf dem Kreißsaalbett und hielt mich am hochgestellten Kopfteil fest. Irgendwie hatte ich das Gefühl völlig auf den Körper reduziert zu sein. Es roch nach Schweiß und ich konnte gar nicht mehr denken. Nur noch versuchen zu Atmen und den Schmerz irgendwie auszuhalten. Vor der Geburt war ich mir ganz sicher, dass ich wieder keine PDA wollte – bei der ersten Geburt hatte ich es ja auch so geschafft.
 
Und dann ein Ziehen. „Ja, richtig tolle Presswehen,“ rief die Hebamme begeistert. Oh Gott! Und wie!!!! „Und jetzt schieben, ganz doll!“ Sehr witzig! Ich konnte nur schreien vor Schmerz. Die Ärztin kam. „DAS SOLL AUFHÖREN. PDA!“ schrie ich. „Sind sie wütend?“ Oh Schmerz!  „P…D…A…“ keuchte ich. „Das willst du doch gar nicht,“ flüsterte mein Mann, dem ich die Hand zerquetschte – vor Schmerz und Zorn. „Los lassen Sie die Wut auf uns raus, richtig doll schieben, bei der nächsten Wehe!“ Das soll aufhören ich will das nicht mehr – und ich schiebe wirklich so doll ich kann. Und dann wieder ein anderer Schmerz. Der Kopf hat sich seinen Weg gebahnt, ich kann das sehen! Und schon die Schulter. Unfassbar.
 
Nach nur 15 Minuten Presswehen und kaum drei Stunden Aufenthalt im Kreißsaal wurde Mats um 23 .08 Uhr geboren. Er war 54 Zentimeter groß und wog 3.900 Gramm. Er kam mir viel größer und kräftiger vor als damals seine Schwester. Er hatte eine riesige süße Stupsnase, die er gleich suchend in die Luft streckte. Das Stillen klappte sofort – die Geburt hatte ihn offensichtlich sehr hungrig gemacht.
 
Wir Eltern waren einfach nur glücklich. Über das gesunde lebhafte zweite Kind und über die diesmal schnelle und unkomplizierte Geburt. Auch beim zweiten Kind musste ich zwar etwas genäht werden, hatte aber kaum Blut verloren und war auch gut bei Kräften geblieben. Wie bei der ersten Geburt hatte ich übrigens mit Übelkeit zu kämpfen. Der Döner war keine so gute Idee gewesen (ich habe seit Mats Geburt keinen mehr angerührt).
 
Was mir übrigens nie jemand gesagt hatte, war dass die Nachwehen bei der zweiten Geburt viel schlimmer sind. Aber dagegen bekam ich Schmerzmittel, das half gut. Und natürlich hatte ich gar keine Zeit für Schmerzen, denn am nächsten Morgen hatte mein Mann Mia abgeholt und gleich mitgebracht.
 
Mia hatte zum ersten Mal eine Nacht ohne mich verbracht und als ich meine 20 Monate alteTochter sah, kam sie mir plötzlich riesig vor. Sie freute sich so mich zu sehen – das Baby fand sie nicht so aufregend. Mats verschlief die erste Begegnung der Geschwister.
 
Dass der kleine Kerl zu uns gehört, begriff Mia erst am nächsten Tag, als wir gemeinsam nach Hause fuhren. Ungläubig sah sie immer wieder auf den Maxi Cosi, der neben ihrem Sitz war. „Da – mein Baby!“ rief sie. Wir Eltern mussten lachen und es war schön, dass wir nun zu viert waren und alles so gut gelaufen war.
 
* Diese Geburtsgeschichte ist auf Wunsch der Eltern anonymisiert. 
 
 
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