Marla – Geburt im Auto

Jede Geburt ist aufregend. Marla aus Konstanz und ihre Eltern hatten allerdings ein ganz besonders unvergessliches Geburtserlebnis – denn das kleine Mädchen wollte nicht mehr bis zur Ankunft in der Klinik warten. Sie erblickte das Licht der Welt mitten im Stau im elterlichen Kleinbus. Heike und Jan Seehausen haben der liliput-lounge von ihrem Abenteuer berichtet.

Marla hatte es eilig auf die Welt zu kommen – sehr eilig. Doch das konnten ihre Eltern Heike (36) und Jan (40) nicht wissen. Der Stichtag für das zweite Kind der Familie Seehausen war der 13. Februar. Samstag, der 5. Februar begann ganz friedlich für die Konstanzer Familie. Heike fühlte sich fit, es gab ein gemeinsames schönes Frühstück und das Paar machte noch einmal Bilder vom Babybauch. Zusammen mit dem fast dreijährigen Arne wollte Jan noch ein paar Kleinigkeiten besorgen. Was dann passierte, kann das Paar noch immer kaum glauben.

„Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, was passiert“

Als Jan Seehausen nach einer knappen Stunde wieder nach Hause kam, begrüßte ihn die Schwiegermutter im Treppenhaus: „Die Fruchtblase ist geplatzt.“ Der Koffer war schon gepackt, Heike und Jan hatten regelmäßig Kontakt zur Hebamme. Für die Geburt hatte sich die Familie das Klinikum Münsterlingen in der Schweiz ausgesucht – von der Stadt am Bodensee aus eine Fahrt von gut zwanzig Minuten. „Wir müssen los“,sagte Jan Seehausen, der schon den Koffer in den Kleinbus der Familie gepackt hatte.

 „Was mein Mann nicht zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass nicht nur die Fruchtblase geplatzt war, ich hatte auch schon eine erste Presswehe“, berichtet Heike Seehausen. Vorher lag das Baby noch recht weit oben, Heike hatte noch keine Senkwehen. Doch diese starke Wehe hatte den Kopf des Kindes tief ins Becken gedrückt. Aber vor der Geburtsklinik mussten erst die heimischen Treppen bewältigt werden. „Irgendwie gelang es mir die vier Stockwerke nach unten zu gehen. Ich merkte nur, dass ich überhaupt nicht mehr konnte. Und überhaupt nicht einschätzen konnte, was hier passiert.“

Werbung

Jan kämpfte mit dem Verkehr – Heike mit den Wehen

Eigentlich nutzt die Familie den Mercedesbus gerne für Ausflüge, er hat eine kleine Küche und auch die Campingausrüstung ist an Bord. Jan Seehausen klappte die Rückbank um, damit seine Frau es möglichst bequem hatte. „Die einzige mögliche Haltung war für mich der Vierfüßlerstand. So fuhr ich dann hinter dem Beifahrersitz mit dem Po in Fahrtrichtung.“

Zunächst musste Jan Seehausen das Auto aus der historischen Konstanzer Altstadt fahren – denn dort lebt die Familie. Die Konstanzer Innenstadt ist an einem Samstagvormittag meist sehr überfüllt. „Ich fuhr richtig Schlangenlinien“, erzählt Jan Seehausen. Er war schweißgebadet – und Heike kämpfte mit den Wehen. Dann mussten sie einen Kreisel passieren. Und der ist ein Nadelöhr, denn hier staut sich immer wieder der Verkehr. Langsam näherte sich das Paar der Grenze. vor dem Grenzübergang stockte der Verkehr endgültig.

Zeit und Raum lösten sich in Luft auf

Werbung

Für Panik blieb keine Zeit. „Der Kopf ist da“, rief Heike. Jan Seehausen griff mit der Hand nach hinten und spürte tatsächlich das Köpfchen. Er stellte den Warnblinker an, sprang aus dem Bus und rief dem Fahrer im Wagen hinter ihm zu, er möge den Krankenwagen rufen, hier käme jetzt ein Kind zur Welt.

Jan Seehausen polstere mit Handtüchern und Schlafsäcken alles noch mehr aus – und wurde dann zum Geburtshelfer. „Der Kopf des Babys war blau. Das war ein Riesenschock. Ich schickte ein Stoßgebet nach oben, versuchte meine Frau zu beruhigen und hatte keine Ahnung, was ich jetzt mit der Nabelschnur machen sollte. Die Zeit stand still. Ich hatte dieses blaue Kind im Arm und unendliche Angst. Dann endlich schrie die Kleine.“

Später erfuhr Jan Seehausen von einer Ärztin, dass so eine Gesichtsfarbe bei der Geburt durchaus normal ist. Das Baby schrie, der Vater wickelte sie erst einmal in ein Laken. Und das Elternpaar konnte ausatmen. „Es war, als haben sich Zeit und Raum aufgelöst.“

Von draußen konnte keiner durch die abgetönten Scheiben hineinblicken. Der Innenraum des Busses war zu einem ganz privaten kleinem Geburtsraum geworden. Die Sonne schien hinein und auf das Gesicht des Babys. „Wir hatten drei Namen in der engsten Wahl. Aber in diesem Moment wussten wir beide, dass dies eine kleine Marla ist“, sagt Jan Seehausen. Der Vater improvisiert, mit einem Messer aus dem Besteckkasten durchtrennt er die Nabelschnur und bindet sie mit einer gelben Plastikklemme ab, die sonst für Lebensmittel genutzt wird.

Werbung

Plötzlich wurde an den Bus geklopft. Ein Zöllner wollte wissen, warum der Wagen den Grenzübergang blockierte. „Wir haben gerade eine Entbindung“, erklärte der frischgebackene Vater. Heike lacht heute: „ Das Gesicht des jungen Mannes in diesem Moment war einmalig.“ Rasch lässt er die Familie allein und sorgt dafür, dass der Verkehr umgeleitet wird.

Dann kommt auch der gerufene Krankenwagen mit der Notärztin. Die reißt die Tür auf und sagte: „Oh, es ist ja schon alles passiert!“ Sie lobt Heike und Jan Seehausen für ihre Umsicht. Und nimmt ihnen die Angst, irgendetwas falsch gemacht zu haben. „Sie holte uns aus der Schockstarre zurück in die Wirklichkeit“, sagt Jan Seehausen.

Alle sind gesund  – und die Familie erholt sich von der Geburt

Mit Blaulicht werden Heike Seehausen und ihr Baby in das Konstanzer Krankenhaus gefahren. Der Vater folgt im Bus. Denn noch war Heikes Nachgeburt nicht gekommen. Und eigentlich hätte sie auch während der Geburt Antibiotikum erhalten sollen. Doch alles geht gut. Heike Seehausen hat keine Kompilikationen. Mutter und Kind sind völlig gesund. Die kleine Marla Charlotte Seehausen wog 2870 Gramm, war  50 Zentimeter groß und putzmunter.

Werbung

Der große Bruder Arne durfte seine Schwester dann auch bald besuchen. Die hatte sogar ein Geschenk für ihn. Von den aufregenden Umständen von Marlas Geburt weiß er noch nichts. Eine kleine Schwester und einen Betonmischer zu bekommen war aufregend genug für einen Zweijährigen.

Nach drei Tagen konnten Heike und Marla die Klinik verlassen. Von der Geburt hat sich die Familie erholt – der nächste Ausflug im Familienbus wird sicher weniger aufregend.

Foto: © Familie Seehausen

Lesen Sie auch:

Werbung

Ungewöhnliche Geburtsorte
Kurz vor der Geburt
Geburtspositionen
Blasensprung
Wahrheiten nach der Geburt

Werbung