Frühchen überlebt – nicht nur wegen eines Frühstückbeutels

Emily wurde in der 24. Schwangerschaftswoche geboren und wog knapp 530 Gramm. Dass die zarte Kleine nun bald die Klinik gesund verlassen darf, verdankt das schottische „Wunderbaby“ der Liebe ihrer Familie, ihrer eigenen Kraft und vielen Ideen des medizinischen Personals.

Claire Cressy (34) ist unendlich stolz auf ihre Tochter Emily. Denn das kleine Mädchen ist in ganz Schottland bekannt als wahre Kämpferin. Emily wurde am 27. Februar in der 24. Schwangerschaftswoche geboren und war mit knapp 530 Gramm eines der winzigsten Kinder, das dort bisher geboren wurde.

Das „kleine Wunder“ war rasch in den Medien. Vor allem ein Bild ging um die ganze Welt: die zarte Emily im Inkubator, so klein, dass ein zusätzlicher Schutz nötig war. Aus der Plastiktüte, so groß, dass ein Sandwich hinein passt, wurde rasch in den Medien ein Frühstücksbeutel.  Frühchen überlebt dank Frühstücksbeutel, so war es weltweit zu lesen. Mutter Claire kann darüber mittlerweile schmunzeln. Fast. „Ich lese überall, dass meine Tochter ihr Leben einem Sandwichbeutel verdankt. Das stimmt nicht. Sie verdankt ihr Leben dem wundervollen Einsatz des medizinischen Personals.“  Und sicher auch der eigenen Kraft und der Liebe ihrer Familie.

Der Inkubator war für Emily zu groß - die Ärzte hatten eine Idee.... © privat/Emilys Journey
Der Inkubator war für Emily zu groß – die Ärzte hatten eine Idee…. © mit freundlicher Gennehmigung von privat/Emilys Journey

Die jetzt vierfache Mutter Claire war voller Panik, als im sechsten Schwangerschaftsmonat Wehen bekam. Knapp vier Stunden dauerte Geburt im Borders General Hospital. Das Fachpersonal reagierte schnell und sorgte dafür, dass Mutter und Kind sofort mit einem speziellen Krankenwagen in das gut 80 Kilometer entfernte Edinburgh verlegt wurden.  „Ich hatte solche Angst,“ berichtet Claire. „Als ich sah, wie klein sie war, konnte ich nur weinen.“ Denn Emily wog knapp 530 Gramm und war zu zart und winzig, um überhaupt gehalten zu werden. Sie passte in eine Handfläche und war selbst für einen Brutkasten zu winzig.

So zart und doch so stark - Emily hält Mamas Hand Frühchen Emily überlebt dank Liebe und Unterstützung © ( © mit freundlicher Genehmigung von privat/ Emilys Journey
So zart und doch so stark – Emily hält Mamas Hand.
© mit freundlicher Genehmigung von privat/ Emilys Journey

Die Spezialisten in der Neonatologie des  Edinburgh Royal Infirmary halfen dem kleinen Frühchen mit raffinierten Ideen. Damit die Temperatur des Mädchens stabil blieb – auch wenn der Inkubator zu groß war – wurde sie von einer Plastiktüte umhüllt.  Das Bild von der kleinen Emily in der Plastiktüte ging um die Welt.

Emilys Schwestern und Papa sind zu Besuch © privat/ Emilys Journey
Emilys Schwestern und Papa sind zu Besuch © privat/ Emilys Journey

Das Personal half nicht nur dem kleinen Mädchen. „Ich war noch nicht so weit. Ich hatte überhaupt noch nicht mit der Geburt gerechnet. Als Mutter ist das wirklich ein Schock, es fühlt sich zu früh und einfach nicht richtig an.“ Claire bekam Trost und Unterstützung, die Ärzte, Hebammen und Schwestern machten ihr Mut und halfen ihr in den besonders schweren ersten Tagen.

Zunächst war Claire allein in der schottischen Hauptstadt. Ihr Mann Alan (47) kümmerte sich zu Hause um Emilys drei großen Schwestern Caitlin (8), Millie (4) und Brooke (15 Monate). Edinburgh ist mehr als 80 Kilometer entfernt, aber Alan mit den Mädchen in die Klinik, sobald er konnte.

Berühren konnten sie die winzige Emily nicht. Aber mit ihr reden. Für sie da sein. Als Emily drei Tage alt war, war bereits keine Beatmung mehr nötig.

Mutter Claire konnte Emily mit gespendeter Muttermilch füttern © privat/Emilys Journey
Mutter Claire konnte Emily mit gespendeter Muttermilch füttern © privat/Emilys Journey

 

Zunächst war jeder Tag ein kleines Wunder. Die Familie feierte jede Woche wie einen Geburtstag. Und war unendlich glücklich, als Emily endlich gehalten werden konnte. Mittlerweile ist Emily fast zwölf Wochen alt und darf wahrscheinlich an ihrem errechneten Geburtstag, dem 16. Juni, nach Hause zu ihren Schwestern. Die Familie hofft, dass Emily schon vorher in eines der örtlichen Krankenhäuser verlegt werden kann.

Emily  - elf Wochen nach ihrer Geburt © privat /Emilys Journey
Emily darf in wenigen Wochen nach Hause © privat /Emilys Journey

Dass die kleine Emily heute so rund und rosig und gesund ist, verdankt sie auch der Tatsache, dass sie Muttermilch von einer Muttermilchbank bekam. Ihre eigene Mutter konnte nicht abpumpen und gerade für so frühe Frühchen ist Fläschennahrung allerdings schwer zu verdauen, berichtet Claire. „Ich war sehr froh, als ich Emily endlich allein halten und füttern konnte. Und vor allem dankbar, für die Spende von anderen Müttern.“ Auch in Schottland gibt es nicht viele Muttermilchbanken.

Auch Spenden anderer Art bekam die Familie. Denn Alan bekam nur 10 Tage frei. Damit Claire sich um die drei anderen Kinder und um Emily kümmern konnte, war die Familie auf soviel Unterstützung wie möglich angewiesen. Eine Spendenaktion wurde ins Leben gerufen.

Die großen Schwestern mit ihrem Papa und Emily  ©privat/ Emilys Journey
Die großen Schwestern mit ihrem Papa und Emily ©privat/ Emilys Journey

Claire kann oft ihr Glück im Unglück nicht fassen. „So viele wundervolle Menschen haben ihr bestes für uns getan.“ Und Emily selbst hat von Anfang an gezeigt, dass sie ein starkes kleines Mädchen ist.

Auch in Deutschland werden Kinder schon früh geboren. Als eines der kleinsten gilt die 2010 in Fürth geborene Frieda. Sie wurde in der 21. Schwangerschaftswoche geboren und wog bei der Geburt 460 Gramm. Heute ist das kleine Mädchen wohlauf, wie Medien berichten. Jährlich werden in Deutschland etwa 1000 Frühchen in der 24. bis 25. Schwangerschaftswoche geboren, sehr leichte und sehr junge Frühchen haben es allerdings schwer.

Emilys Reise ist noch ganz am Anfang. Ihre Mutter berichtet auf Facebook unter „Emilys Journey“ vom Wohlergehen der Kleinen. „Sie ist unser Wunder, ganz einfach.“