Wissenschaft: Eltern können Immunschutz auf Kinder übertragen

Werden Kinder während einer Krankheitswelle gezeugt, sind sie offenbar resistenter gegen andere Epidemien. Der Immunschutz der Eltern wird auf die Kinder übertragen, aber nicht auf genetischem Wege. Zu diesem Ergebnis kommen Rostocker Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung.

Unsere Menschheitsgeschichte zeigt: Werden Kinder während einer Epidemie gezeugt, dann erhalten sie von ihren Eltern offenbar einen zusätzlichen Schutz gegen kommende Krankheitswellen.

Zu dieser neuen Erkenntnis kommen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock anhand historischer Aufzeichnungen. Sie betonen auch, dass die höhere Widerstandskraft gegen Epidemien mit einem recht hohen Preis verbunden sei.

Veröffentlicht haben die Forscher ihre Ergebnisse vor kurzem im Wissenschaftsjournal „PLOS ONE“ (DOI: 10.1371/journal.pone.0093868).

Mutter mit Neugeborenem auf dem Arm
Wissenschaft: Eltern übertragen Immunschutz auf Kinder (© Thinkstock)

Die bisherige Annahme, dass jeder Mensch seinen Immunschutz ausschließlich nach der Geburt selbst erwirbt, ist aufgrund dieser neuen Erkenntnis der Rostocker Wissenschaftler scheinbar hinfällig.

Stattdessen gehen Kai Willführ vom Rostocker MPI und Mikko Myrskylä von der London School of Economics and Political Science davon aus, dass die Widerstandskraft zu einem gewissen Grad auch von den Eltern selbst auf die eigenen Kinder übertragen werden kann, und zwar nicht auf genetischem Wege.

Dafür analysierten sie historische Aufzeichnungen von den tödlichen Masern- und Pockenepidemien aus dem 18. Jahrhundert. So wütete in den Jahren 1714/15 in der kanadischen Provinz Québec eine Masernepidemie, die 15 Jahre später von einer schweren Pockenepidemie gefolgt wurde. Abschriften der Kirchenbücher aus Québec belegen für die Geburtsjahrgänge 1705 bis 1724, dass Kinder, die zur Zeit der Masernepidemie gezeugt wurden, deutlich seltener an den Pocken 15 Jahre später starben als ältere Kinder.

Der Immunschutz gegen die Erreger funktionierte demnach in der nächsten Generation besser: „Wir belegen erstmals für den Menschen, dass Eltern ihre Kinder quasi auf kommende Krankheiten vorbereiten können“, betont Biodemograf Willführ.

Dieser Effekt habe allerdings einen hohen Preis, betonen die Wissenschaflter: So war in den Jahren zwischen den beiden Krankheitswellen, von 1715 bis 1730 also, die Sterblichkeit der Pocken-resistenteren Kinder dreimal höher als die ihrer älteren und jüngeren Geschwister. Willführ und seine Kollegen gehen daher davon aus, dass das Abwehrsystem der Pocken-resistenteren Kinder auf eine Welt mit hoher Erregerbelastung optimiert gewesen sei. Zu einer Lebenswelt mit weniger Erregern passe es dann scheinbar weniger gut und funktioniere mithin schlechter.