Vollnarkose vor dem zweiten Lebensjahr schadet dem Gedächtnis

Vollnarkosen von Babys und Kleinkindern sind manchmal notwendig. Sie sind allerdings keinesfalls harmlos, wie nun eine neue Studie zeigt. Denn die Narkosemittel beeinflussen die kindliche Entwicklung massiv.

Die meisten Eltern machen sich die Entscheidung, ob ihr Kind eine Vollnarkose bekommen soll, nicht leicht. Leider gibt es aber auch Situationen, bei denen eine Betäubung scheinbar einfach, aber nicht unbedingt notwendig ist – etwa bei Zahnarztbehandlungen. Das Ergebnis einer aktuellen Studie allerdings sollten Mütter und Väter kennen: Denn sie zeigt, dass Kinder, die vor ihrem zweiten Lebensjahr eine Vollnarkose hatten, schlechtere Gedächtnis- und Lernprozesse zeigen. Schon vor über zehn Jahren gab es erste Studien, die nahelegten, dass die Auswirkung von Narkosemitteln für Kinder kritisch zu sehen sein sollten. Viele Wissenschaftler haben seitdem durchaus widersprüchliche Studien erstellt.

Der Ansatz vom Forscherteam der University of California in San Francisco so ist allerdings ganz neu. Der Leiter, Greg Statmann veröffentlichte das Ergebnis jetzt im  „Neuropsychopharmacology“. Untersucht wurde eine Gruppe von 28 Kindern. Alle waren zwischen sechs und elf Jahre alt und hatten vor ihrem zweiten Lebensjahr eine Vollnarkose. Über zehn Monate lang wurden sie mit Gleichaltrigen ohne Narkose verglichen, sie mussten Gedächtnistest machen und diese Leistung wurde verglichen. Das Resultat war eindeutig: Die Kinder, die mit Narkosemitteln behandelt wurden, zeigten eine Gedächtnisleistung, die langfristig um etwa 25 Prozent reduziert ist.

Auswirkungen von Vollnarkosen vor dem zweiten Lebensjahr (© Thinkstock)
Auswirkungen von Vollnarkosen vor dem zweiten Lebensjahr (© Thinkstock)

Noch ein paar Ergebnisse waren auffällig: Jungen waren für  Gedächtniseinbußen empfindlicher als Mädchen und nicht die Häufigkeit von Narkosen, sondern die Länge der Betäubungszeit nahm Einfluss auf das Gedächtnis.

Die Forscher können dies auch erklären, denn bis zum zweiten Lebensjahr ist das Gehirn noch in einer Entwicklungsstufe, bei der die Nervenzellen erst Kontakt miteinander knüpfen müssen. Die Nervenzellen des Gedächtniszentrum verbinden sich erst im dritten Lebensjahr mit anderen Bereichen des Gehirns.

Die meist verwendeten Narkosemitteln wirken sich anscheinend auf genau diese sich bildenden Nervenverbindungen aus. Sie blockieren, dass wichtige Botenstoffe ihre Informationen übertragen können.

Auch die Nervenzellen des Gedächtniszentrums verbinden sich erst im Laufe der Zeit mit jenen in anderen Bereichen des Gehirns – das ist unter anderem ein Grund dafür, warum sich Kinder nicht an Ereignisse vor ihrem dritten Geburtstag erinnern können. Im Alter zwischen zwischen fünf und zehn Jahren dann, in der Phase, in der auch die Forscher die Tests durchführten, macht die Gedächtnisleistung dann erhebliche Sprünge.

Gängige Narkosemittel für Kinder scheinen die Bildung der Verbindungen zwischen den Nervenzellen empfindlich zu stören, wie bereits Vesna Jevtovic-Todorovic in ihrer ersten Studie zum Thema vermutete. Demnach blockieren die Narkosemittel die Rezeptoren für den im Gehirn sehr wichtigen Botenstoff Glutamat, und verhindern so, dass Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten übertragen werden. Diese Information hatten Wissenschaftler schon aus Versuchen mit Tieren gewonnen, doch die Studie der kalifornischen Forscher bestätigt dies.

„Bis vor einigen Jahren dachte man, dass Narkosemittel für Kinder völlig sicher seien“, sagt Studienleiter Greg Stratmann. Doch nun sei klar, dass Vollnarkosen eben nicht harmlos seien.  „Das Erinnerungsvermögen spielt eine Rolle für das autobiografische Verständnis, Vorhersagen für die Zukunft, das Lernen im Klassenraum, das Leseverständnis. Deshalb haben selbst kleine Defizite hier unmittelbare Konsequenzen und mindern das Potenzial des Kindes zu lernen,“ so das Fazit der Studie.

Vollnarkosen sollten bei Babys und Kleinkindern sollten immer nur im Notfall gemacht werden – und Eltern sollten sich nach einer solchen Behandlung auf die Gedächtnisleistung besonders achten und diese nach einem Eingriff gezielt fördern.