Vertauschte Kinder: rund zwei Millionen Schmerzensgeld

Vor 20 Jahren wurden in einer Klinik zwei Neugeborene vertauscht – die Mädchen wuchsen unbemerkt in den falschen Familien auf. Erst ein Vaterschaftstest brachte die Wahrheit ans Licht. Heute bekamen die Familien vor Gericht Schmerzensgeld in Millionenhöhe zugesprochen.

Zwei Frauen bekamen vor zwanzig Jahren im südfranzösischen Cannes zwei Töchter. Die Säuglinge Manon und Mathilde hatten beide eine Neugeborenen-Gelbsucht – zur Behandlung holte einen Kinderkrankenschwester die Mädchen ab und legte sie nebeneinander unter ein UV-Licht. Die Schwester verwechselte die fünf Tage alten Kinder. Dabei sahen sich die Kinder nicht einmal sehr ähnlich, denn ein Elternpaar stammte von der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean. Die jungen Mütter wunderten sich zwar, doch ihre Zweifel wurden mit der medizinischen Behandlung erklärt.

Acht Jahre lang wuchsen die Mädchen bei den falschen Eltern auf, ohne das jemand etwas vom Tausch ahnte. Dann wurde die Verwechslung entdeckt. Als sich Sophie Serrano (heute 39) und ihr Mann trennten, bestand der auf einen Vaterschaftstest. Denn wie sonst könnte zu erklären sein, dass Tochter Manon einen so viel dunkleren Teint als ihre Eltern hat? Eine Woche später stand fest: er ist tatsächlich nicht der leibliche Vater. Und Sophie nicht die leibliche Mutter. Für die Mutter brach eine Welt zusammen. „Ich hatte eine Tochter aufgezogen, die eigentlich nicht mir gehörte. Und ich wusste nicht einmal, ob meine leibliche Tochter noch lebte, ob sie es gut hatte,“ gegenüber der Zeitschrift „Eltern family“, die in ihrer aktuellen Ausgabe ausführlich über den Fall berichtet.

Heute schützen Namensbändchen Neugeborene © Agenturbild, Thinkstock
Heute schützen Namensbändchen Neugeborene © Agenturbild, Thinkstock

Monate später konnte die Polizei die zweite Familie mit Hilfe der Krankenhausakten finden. Sie wohnte nur 30 Kilometer entfernt. Die Familien trafen sich – bleiben aber Fremde. Anders als in einem Fall aus dem Saarland, bei dem die Verwechslung nach sechs Monaten herausgefunden wurde, tauschten die Paare die Kinder nicht zurück. Der Kontakt brach ab. Sophie Serrano litt darunter, dass sie ihre leibliche Tochter wieder verlor. „Sie wohnt nur wenige Kilometer entfernt, aber ich konnte keine Verbindung mehr zu ihr aufbauen. Das war so bitter.“

Heute füllt die Geschichte der Verwechslung viele Akten. Die Familien von Manon und Mathilde hatten die Klinik um Entschädigung gebeten. Doch die weigerte sich, freiwillig zu zahlen. Erst heute, zwanzig Jahre später, wurde den beiden 20jährigen je 400.000 Euro vom Gericht zugesprochen. Auch ihre Eltern und Geschwister werden entschädigt, insgesamt sprach das Gericht den Betroffenen knapp zwei Millionen Euro Schadensersatz zu, wie französische Medien berichten. Auf das Urteil haben sie lang gewartet. Im ausführlichen Bericht der „Eltern family“ schildert Sophie Serrano, wie wichtig der Richterspruch für sie ist. „Mein Leben hängt seit Jahren in der Schwebe. Mit dem Urteil kann ich diese Geschichte zu den Akten legen.“

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