Grundlage für PC-Spielsucht kann schon in Schwangerschaft entstehen

Rund zwei Prozent aller Jugendlichen zeigen Anzeichen einer Computerspielabhängigkeit. Wissenschaftler haben nun einen Risikofaktor dafür erkannt – Mütter, die zu viele männliche Hormone haben.

Spielsucht ist gefährlich – anders als Glücksspielsucht ist der Zwang am Computer zu spielen allerdings in Europa noch keine anerkannte Krankheit. Da PC-Spielsucht in den USA als Krankheit diagnostiziert wird, gehen Experten davon aus, dass das Phänomen demnächst auch hier in die Diagnosen miteinbezogen wird. Wissenschaftlich-klinisch wird sie allerdings schon jetzt sehr wohl gesehen und zunehmend untersucht.

Die Forscherteams um Prof. Dr. Johannes Kornhuber aus Erlangen und Dr. Thomas Mößle aus Hannover haben mögliche Risikofaktoren der Computerspielabhängigkeit untersucht. Sie stellten fest, dass betroffene Studienteilnehmer ein kleineres Verhältnis von Zeigefingerlänge zu Ringfingerlänge zeigten, in der medizinischen Fachsprache 2D:4D. Dies ist ein Indiz für einen erhöhten vorgeburtlichen Testosteronspiegel. Im Mutterleib sind Männer sind aufgrund der eigenen Testosteronproduktion generell einem höheren Testosteronspiegel ausgesetzt und haben daher kleinere 2D:4D-Verhältnisse, hat die Mutter jedoch zusätzlich erhöhte Hormonwerte, etwa durch ein PCO-Syndrom, steigt der Testeronspiegel noch höher.

Vorgeburtlicher Testosteroneinfluss ist Risikofaktor für Computerspielesucht (© Thinkstock)
Vorgeburtlicher Testosteroneinfluss ist Risikofaktor für Computerspielesucht (© Thinkstock)

Die Wissenschaftler untersuchten nun im Rahmen des FLIP-Projekts (Finger Length in Psychiatry) in einer aktuellen Studie mit Hilfe des 2D:4D-Verhältnisses, welche Bedeutung ein vorgeburtlicher Testosteroneinfluss auf die Entstehung von Computerspielabhängigkeit hat. Sie verglichen die 2D:4D-Verhältnisse von 27 männlichen riskant oder abhängig Computerspielenden mit 27 unproblematisch spielenden Männern. Die Vermutung der Forscher wurde durch das Studienergebnis bestätigt: die Computerspielerkrankten zeigten ein kleinere 2D:4D-Verhältnisse. Das führte zum Fazit, dass ein hoher Testosteronspiegel vor der Geburt auch das Risiko für eine spätere Computerspielabhängigkeit steigert.

Doch nicht nur für ein erhöhtes Risiko einer Computerspielsucht, auch für Autismus, AHDS, Alkoholismus und Kommunikationsprobleme soll das erhöhte Testosteron in der Schwangerschaft ein Auslöser sein.„Natürlich entscheiden viele weitere biologische, soziale und psychologische Faktoren darüber mit, ob jemand tatsächlich eine Abhängigkeit entwickelt oder nicht“, erklärt Prof. Dr. Johannes Kornhuber. „Daher werden weitere Studien erst noch belegen müssen, inwieweit sich das 2D:4D-Verhältnis für eine Risikoabschätzung eignet.“

Originalpublikation: Low 2D:4D Values Are Associated with Video Game Addiction, Johannes Kornhuber et al.; PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0079539; 2013