Kritik an neuer Studie „Schreien lassen schadet Babys nicht“

Wenn Babys schlecht schlafen, sind Eltern verzweifelt. Schreien lassen? Eine neue Studie spricht sich für sehr umstrittene Schlafprogramme aus. Aber Experten sehen das kritisch.

Schlaf. Kaum etwas vermissen Eltern so sehr. Kein Wunder, denn Kinder müssen das Schlafen noch lernen. „Mit einem halben Jahr schläft gerade mal ein Drittel aller Kinder durch, mit einem Jahr  etwa die Hälfte“, erklärt Hebamme und Fachautorin Birgit Laue. Etwa jedes fünfte Baby wacht in der Nacht so oft auf, dass seine Eltern unendlich müde sind. Und nun?

Viele verzweifelte Mütter und Väter suchen Rat bei Verwandten und in Büchern. Und sehr oft landen unausgeschlafene, verzweifelte Eltern auch bei so genannten „Schlaflernprogrammen.“ Oft lesen sie dann von der „Ferber-Methode“,  die in Deutschland sehr umstritten ist. Sie basiert auf der Annahme, dass man Kindern beibringen könne,  sich selbst zu beruhigen, auch wenn sie nachts aufwachen. Kritiker sprechen sich gegen diese Praxis aus, doch eine wissenschaftliche Antwort wie nützlich oder schädlich sie ist, fehlte bisher.

Kritik an neuer Studie
Kritik an neuer Studie „Schreien lassen schadet Babys nicht“ (c) Thinkstock

 

Schadet Schlaftraining oder nicht?

Forscher um Michael Gradisar von der australischen Flinders University wollen die Frage klären, ob Schlaftraining schadet. Wie das Fachjournal „Pediatrics“ berichtet, führten sie eine Schlafstudie mit 43 Kindern im Alter zwischen sechs  und 16 Monaten aus. Alle Eltern der Kinder gaben an, dass diese massive Schlafprobleme hatten. Die Kinder wurden in drei Gruppen eingeteilt.

Die erste Gruppe wandte die „Ferber-Methode“ an.  Die Eltern sollten ihre Kinder nicht hochnehmen, wenn sie weinten und nur kurz mit ihnen sprechen, kein Licht anmachen. Die Kinder in der zweiten Gruppe wurden jeden Tag 15 Minuten später ins Bett gebracht, so dass sie zunehmend müder waren. In der dritten Gruppe, der Kontrollgruppe, bekamen die Eltern nur allgemeine Informationen zum Thema Babyschlaf. Das Training dauerte eine Woche, in dieser Zeit untersuchten die Forscher den Cortisolwert im Speichel des Babys und der Mutter. So konnte der Stresslevel gemessen werden. Ein Jahr nach dem Training untersuchten die Forscher zusätzlich, wie sicher die Bindung zwischen Mutter und Kind war.

Ergebnis der Studie: Nach einer Woche schliefen die Kinder der ersten und zweiten Gruppe schneller ein und wachten seltener auf, als die Babys in der Kontrollgruppe. Im Bereich der Mutter-Kind-Bindung gab es zwischen den Gruppen keine Unterschiede. Forschungsleiter Michael Gradisar rät übermüdeten Eltern daher, es mit einer der Methoden zu probieren, denn seiner Meinung nach zeige die Studie, dass Schlafprogramme den Kindern höchstwahrscheinlich nicht schadeten, aber den Eltern helfen können.

Kritik von bekannten Experten

Doch das Studienergebnis ist umstritten. Mit 43 teilnehmenden Kindern ist die Gruppe sehr klein. Unklar ist auch, wie genau die sichere Bindung gemessen und beurteilt wird.  Der dänische Erziehungsexperte Jesper Juul äußert sich auf Facebook sehr deutlich: „Das Einzige, was diese Studie belegt ist, dass die Kinder immer kooperieren und Umstände anzupassen. Das Argument, dass so ein Training keine Auswirkungen auf das Kind und emotionale Beziehung zu den Eltern auf lange Sicht hat, ist nicht im geringsten dokumentiert.“

Damit bestätigt er die schon lange bekannte Kritik an der „Ferber-Methode“.  Auch Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster warnt davor, Babys lange schreien zu lassen. Sie hätten ein angeborenes Schutzbedürfnis, das noch auf die Zeit unserer Vorfahren zurückgehe, als es für Babys lebensgefährlich war, allein ohne ihre Eltern zu sein. Diesem Bedürfnis nicht nachzukommen könne das Ur-Vertrauen des Kindes nachhaltig schaden.

weinendes Baby
Kritiker sind gegen Schlafenlernen durch Schreien lassen (c) Thinkstock

Tipps, Rat und ausführliche Infos in unserem Artikel: Babyschlaf – was hilft beim Ein- und Durchschlafen.

Ein deutliches Beispiel, wie sich die „Ferber-Methode“ für das Kind anfühlt, zeigt dieses Video von Nestling:

Ein kleiner Selbstversuch - Schlaflernprogramme für Babys