Neue internationale Studie: „Kinder sind eine Strafe fürs Gehalt bei Müttern“

Ein internationales Forscherteam hat untersucht, wie sich das Einkommen von Eltern nach der Geburt ihres ersten Kindes entwickelt. 61 Prozent weniger Einkommen sollen demnach Mütter in Deutschland nach der Geburt des ersten Kindes verdienen. Dieses Ergebnis gilt es, kritisch zu beleuchten.

Ein internationales Forscherteam, bestehend aus aus Henrik Kleven von der Princeton Universität, Camille Landais von der London School of Economics, Johanna Posch vom European University Institute, Andreas Steinhauer von der Universität Edinburgh und Josef Zweimüller von der Züricher Universität hat untersucht, wie sich das Einkommen von Eltern nach der Geburt ihres ersten Kindes entwickelt. Die Süddeutsche Zeitung titelt daraufhin “Kinder sind beim Gehalt eine Strafe” und zitiert damit den Ökonomieprofessor Josef Zweimüller, der an der Studie mitbeteiligt war. Daraufhin führte die SZ ein Interview mit Josef Zweimüller, dass weitere Einblicke in die Studie und ihre Ergebnisse ergab.

Die Studie hat in den letzten Tagen für Aufsehen gesorgt. Denn die Ergebnisse sind höchst interessant – und lassen auch Deutschland in keinem guten Licht dastehen, was Gleichberechtigung und Chancengleichheit anbelangt.  Das Forscherteam untersuchte aber nicht nur Deutschland, sondern erhob ebenfalls Zahlen in den Ländern Schweden, Dänemark, dem Vereinigten Königreich, den USA und Österreich.

61 Prozent weniger Gehalt nach dem ersten Kind für Mütter in Deutschland – das attestiert eine neue internationale Studie. (Thinkstock)

In all diesen sechs untersuchten Ländern wurden starke Gehaltseinbußen bei den Müttern beobachtet. Zwar variieren diese stark, dennoch lässt sich zusammenfassen: Die viel diskutierte Gender Pay Gap lässt sich in allen sechs Ländern beobachten.
Die Studie von Zweimüller et al. hat einen besonderen Namen, der den Lesern und Leserinnen durch das gesamte Werk der Forscher und Forscherinnen immer wieder begegnet: “Child Penalties”, Kind-Strafen.


Hier wird darauf angespielt, dass, wie auch Zweimüller betont, Kinder beim Gehalt (für Frauen) eine Strafe sind. “Mütter verdienen auch dann noch erheblich weniger als Männer, wenn das erste Kind fünf bis zehn Jahre alt ist. In Deutschland verdienen Mütter zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 61 Prozent weniger als im letzten Jahr vor der Geburt! Bei Vätern gibt es diesen Effekt nicht”, erzählt er im Interview der Süddeutschen Zeitung.

61 Prozent – eine unfassbare Zahl. Woran das liegt, versucht die Studie in ihrer Zusammenfassung im Punkt “Explanations” (Erklärungen) zu beleuchten. Frauen verdienen häufig im gleichen Beruf weniger als Männer – das ist kein Geheimnis und es wurde im letzten Jahr sogar das sogenannte Entgelttransparenzgesetz eingeführt, um dieser Manier Einhalt zu gebieten.

Die Arbeitsmarktbeteiligung macht in Deutschland macht mindestens die Hälfte des Effekts aus. Ein großer Teil der durchschnittlichen Einkommenseinbußen sind demnach auf Mütter zurückzuführen, die nach der Geburt des ersten Kindes nicht wieder arbeiten gehen. “Was wir in den Daten allerdings nicht sehen können, sind Geschwisterkinder. Möglicherweise bleiben vor allem Frauen zu Hause, die weitere Kinder geboren haben”, ergänzt Zweimüller.

Was die Studie ebenfalls herausfand: Das Gehalt von Männern und Frauen entwickelt sich zu Berufsbeginn sehr ähnlich. Das heißt, hier werden noch keine großen geschlechtsspezifischen Unterschiede gemacht. Und dann kommt ein Einbruch mit der Geburt des ersten Kindes.

In Dänemark verdienen Mütter auf lange Sicht 21 Prozent weniger als Männer, in Schweden 27 Prozent. In Deutschland ist der Child Penalty, also die „Kindstrafe“, mehr als doppelt so groß, nämlich bei 61 Prozent.

Im Abschnitt “Explanations”* gehen die Forscher und Forscherinnen in ihrem Paper genau wie Zweimüller im persönlichen Gespräch auf eine weitere Erklärungsmöglichkeit ein: Nämlich dass die Gehaltseinbußen mit herrschenden gesellschaftlichen Erwartungen und sozialen Normen einhergehen. “In Dänemark wird von Frauen nicht erwartet, dass sie sich zu Hause um die Kinder kümmern. In Deutschland halten das die meisten Menschen für richtig”, resümiert der Ökonomieprofessor Zweimüller. Je konservativer ein Land, desto stärker die “Kindstrafe” – so könnte man diese Vermutung der Studie stark verkürzt zusammenfassen.

*“The correlation between child penalties and gender norms is quite striking. The countries that feature larger child penalties are also characterized by much more gender conservative views. This evidence, while not necessarily causal, is consistent with a potentially important role for gender norms.”

Hier geht es zur Studie Child Penalties Across Countries: Evidence and Explanations, die als Zusammenfassung kostenlos als PDF abrufbar ist.