Kinderkommission fordert Änderung im Geburtssystem

Bessere Koordination von Hebammen, mehr Personal in Kliniken und stärkere 1:1 Betreuung sollen das gesellschaftliche Bild von Schwangerschaft und Geburt positiv beeinflussen.

Die Kinderkommission des Bundestages (Kiko) sprach über die Geburtshilfe in Deutschland. Innerhalb des öffentlichen Fachgesprächs wurde über kulturelle und strukturelle Faktoren diskutiert.

Franziska Kliemt, Vorständin und Bundeskoordinatorin der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V., sagte, es herrsche ein angstverhaftetes Bild über Schwangerschaft und Geburt in der Gesellschaft.

Es brauche daher ein gesamtgesellschaftliches „Empowerment“, also ein breiteres Wissen über Geburt und Schwangerschaft. Ein stärkeres Vertrauen in die Natürlichkeit solle auch gefördert werden.

Die Versorgungsmissstände in Deutschland, zum Beispiel die Betreuung von vier bis fünf Frauen gleichzeitig (durch nur eine Hebamme!) sorgen für Stress bei den Eltern. Natürlich besonders bei den werdenden Müttern.


Das dadurch schwache Vertrauensverhältnisse zwischen den Schwangeren und ihren Geburtshelferinnen führe zu Stresssituationen, die ein schlechter Rahmen für Geburten seien, erklärt Frau Kliemt.

Es sei deshalb zwingend notwendig die Geburtssituation in Deutschland auf ein psychosoziales Fundament zu heben, also intime Schutzräume für Schwangere und eine 1:1-Betreuung zu gewähren.

Eine psychosozial orientierte Geburtshilfe würde entsprechend „die Grundlagen für eine gesunde Gesellschaft legen“.

Von einer 1:1 Betreuung bei einer Geburt ist Deutschland noch weit entfernt – und genau die brauche es, um Vertrauen in der Geburtshilfe herzustellen (c) Adobe Stock

Auf eine „unzureichende Leitkultur“ im Geburtswesen wies auch Prof. Dr. med. Sven Hildebrandt, Facharzt und Professor für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, hin. Jede fünfte Geburt werde in Deutschland gegenwärtig künstlich eingeleitet.

Das sei allein aus kinderrechtlicher Perspektive höchst problematisch, denn die Zeit im Mutterleib sei individuell und müsse daher auch individuell ausgeschöpft werden dürfen. Schwierig seien darüber hinaus etwa auch vaginale Untersuchungen mit hohen Infektionsrisiken oder die medikamentöse Behandlung werdender Mütter mit Antibiotika.

90.000 Angst- und Indikationskaiserschnitte pro Jahr

Selbstverständlich dürfe es nicht darum gehen, Gefahren- und Notsituationen zu ignorieren, es sei aber mit 90.000  „Angst- und Indikationskaiserschnitten“ (also solchen, die nicht aus der Not heraus vorgenommen werden) eine besorgniserregende Rate operativer Entbindungen gegeben, sagte Dr. Hildebrandt bei diesem öffentlichen Fachgespräch in Berlin.

Das sei vor allem deshalb kritisch zu bewerten, weil sich vaginale Geburten, wie man heute wisse, deutlich besser auf die Immunsystementwicklung von Kindern auswirkten.

Ca. 30% aller Geburten in Deutschland sind Kaiserschnitt-Geburten. Dahinter stecken zahlreiche Gründe – das gestiegene Alter der Mütter, Adipositas in der Schwangerschaft oder Komplikationen bei der Geburt. Aber auch der „Wunschkaiserschnitt“ ist auf dem Vormarsch, wie die Zahlen zeigen.

Es sei daher an der Zeit für einen Paradigmenwechsel im Geburtswesen: „Schwangerschaft und Geburt müssen unter den besonderen Schutz der Gesellschaft gestellt werden – mit Verfassungsrang“, so Hildebrandt.

Es brauche dringend

  • eine bessere Koordinierung mit freiberuflichen Hebammen
  • Personalaufstockungen insbesondere in den großen Kliniken
  • 1:1 Betreuung

Sind bundesweite Kompetenzzentren eine Lösung?

Prof. Dr. Klaus Vetter, ehemaliger Chef der Geburtshilfe im Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln, schlug vor, den Strukturproblemen in der Geburtshilfe mit einem bundesweiten Netz aus perinatalmedizinischen Kompetenzzentren zu begegnen. 75 solcher Zentren wünsche er sich für Deutschland.

Für die Zukunft der Geburtssituation in Deutschland sollten darüber hinaus ein frühes Risiko-Screening, ein Angebot genetischer Diagnostik, eine risikoadaptierte Schwangerschaftsbetreuung und eine risikoorientierte Geburtsplanung am optimalen Geburtsort gewährt werden, sagte Prof. Dr. Vetter.

Susann Rüthrich (SPD), Vorsitzende der Kiko, betonte das Spannungsfeld zwischen den individuellen Entscheidungen schwangerer Frauen und den vorgeprägten Bildern von Schwangerschaft und Geburt in der Gesellschaft.

Einig waren sich alle Sachverständigen: Es müssen Erneuerungen und Änderungen im Geburtssystem in Deutschland gemacht werden. Wie diese konkret aussehen (werden), ist noch nicht abzusehen.

Die Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder (Kinderkommission, KiKo) gibt es seit 1988. Sie ist ein Unterausschuss des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das bedeutet, sie ist kleiner als der Ausschuss selbst und hat eine ganz spezielle Aufgabe: die Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche. Alle ordentlichen Mitglieder der Kinderkommission sind dort ebenfalls vertreten und haben damit einen Zugang zum parlamentarischen Aktionsfeld, den nur ein Ausschuss bieten kann.