Homeoffice bedeutet für Mütter oft mehr Arbeit

Eine aktuelle Untersuchung zeigt: Statt Entlastung im Job bedeutet Homeoffice für Mütter vor allem Überstunden und erhöhte Kinderbetreuungszeit.

Flexible Arbeitszeit? Immer her damit! Aber während Männer dann mehr Überstunden machen, nehmen sich Frauen mehr Zeit für Kinderbetreuung. Mehr Freizeit hat somit keiner.

Das zeigt eine Studie der Forscherin Yvonne Lott. Sie hat untersucht, wie sich verschiedene Arbeitszeitarrangements bei Frauen und Männern auf die Erholungszeiten auswirken.

Wer nicht um Punkt sieben Uhr auf der Matte am Arbeitsplatz einchecken muss, sondern seinen Arbeitsbeginn im Rahmen einer Gleitzeitregelung selbst bestimmen kann, hat es morgens schon ab und zu leichter – zum Beispiel wenn der Nachwuchs morgens zu lange trödelt. Dann wird die verlorene Zeit eben nachmittags aufgeholt. Noch flexibler ist es, wenn man von Zuhause arbeiten darf – der Arbeitsplatz ist nur sekundenweit entfernt und schon 10-20 Minuten länger bis zum Arbeitsbeginn können für Mamas manchmal die Welt bedeuten.

Wie viel Zeit am Ende auf Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und andere Aktivitäten entfällt und wie sich Homeoffice und Gleitzeit darauf auswirken, hat eine WSI-Wissenschaftlerin nun untersucht. WSI ist die Abkürzung für das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler Stiftung. Grundlage der Studie sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels, einer ausführlichen Befragung, an der mehrere tausend Haushalte teilnehmen.


Bedeutet Homeoffice mehr Arbeit für Mütter? (Symbolfoto © stock.adobe.com)

Das wohl verblüffendste Ergebnis der Untersuchung: Mütter, die im Homeoffice arbeiten, kommen demnach in der Woche auf drei Stunden mehr Betreuungszeit für die Kinder als Mütter, die nicht zu Hause arbeiten können. Bei Vätern sieht es anders aus: Sie machen im Homeoffice mehr Überstunden, nehmen sich aber nicht mehr Zeit für die Kinder.

Noch mehr Überstunden machen allerdings Männer, die zwar nicht daheim bleiben, aber völlig frei über ihre Arbeitszeiten entscheiden können. Auch mit diesem Modell ändert sich ihr Anteil an der Kinderbetreuung nicht. Männer wenden während der Arbeitswoche etwa zehn Stunden für Kinderbetreuung auf, Frauen 20 Stunden – also das Doppelte.

Grundsätzlich führen flexible Arbeitszeit-Modelle im Schnitt zu längeren Arbeitszeiten, so Lott. Bei Männern sei dieser Effekt deutlicher ausgeprägt als bei Frauen. Wobei Letztere gleichzeitig mehr Zeit für die Kinder aufwenden, was traditionelle Rollenmuster befördern könne. Aber profitieren Beschäftigte von flexiblen Zeitmodellen wenigstens in Form zusätzlicher Erholungszeit? Lotts Fazit ist eindeutig: „Einen Freizeitgewinn gibt es weder für Mütter noch für Väter.“ Dabei wünschen sich doch immer mehr Mütter die Möglichkeit auch mal ins Homeoffice ausweichen zu können und empfinden dies als Verbesserung.

Frauen und Männer nutzen Homeoffice unterschiedlich. Erschienen zum Artikel Arbeitszeit: Flexible Arbeitszeiten, starre Rollenmuster in Böckler Impuls 4/2019

Die Doppelbelastung der Mütter trotz flexibler Arbeitszeiten ist aus Sicht der Autorin auch den Erwartungen geschuldet, die Vorgesetzte sowie Kollegen und Kolleginnen an sie haben: Als ideale Mutter soll die Familie an erster Stelle stehen. Flexible Arbeitsmodelle würden daher in der Regel als legitim angesehen, damit Frauen sich um Kinder und Haushalt kümmern können, sagt Lott. Wollen Frauen aber beruflich vorankommen, müssten sie den Job allem anderen vorziehen und nur noch dafür powern. Ziemliches Dilemma!

Männern hingegen werde nach wie vor die Ernährerrolle zugeschrieben. „Sie gelten dann als ideal, wenn sie den Job priorisieren“, sagt Lott. „Trotz Zunahme der Erwerbsarbeit von Frauen hat sich an der Arbeitsteilung in den vergangenen Jahren wenig verändert.“ Einen Beitrag zur ungleichen Verteilung von Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit leiste zudem das Ehegattensplittig. Es setze für Frauen den Fehlanreiz, in der Familienphase beruflich zurückzutreten.

Um die Gleichstellung zu fördern und die zeitliche Belastung von Eltern zu reduzieren, gäbe es der Forscherin zufolge eine Reihe politischer Maßnahmen:

  • Die Zahl der Partner-Monate beim Elterngeld könnte von zwei auf sechs erhöht werden, um Anreize für Väter zu schaffen, sich stärker in der Kinderbetreuung zu engagieren.
  • Ein Recht auf Familienarbeitszeit, was Männern die Teilzeitarbeit schmackhaft macht.
  • Ehegattensplitting abschaffen – da es anscheinend eine ungleiche Verteilung zwischen den Partnern fördert.
  • Ein Recht auf Home-Office.

Yvonne Lott hält ein Recht auf Homeoffice für sinnvoll, da es Beschäftigten ermöglicht werden sollte, sich in privat besonders belastenden Phasen mehr Luft zu verschaffen.

Aufzuräumen wäre auch mit alten und überholten Rollenbildern im Job. Wer zehn statt acht Stunden im Büro sitzt ist fleißiger und schafft mehr? Nicht unbedingt. Das Verständnis, das lange Präsenz für hohe Motivation stünde, baut gerade bei Müttern Druck auf.

Schließlich sollten klare Regeln für Homeoffice und selbstbestimmte Arbeitszeiten geschaffen werden, um Selbstausbeutung zu verhindern, rät Lott. Da, wo völlig autonom oder zu Hause gearbeitet wird, kann auch eine Zeiterfassung helfen. In mitbestimmten Betrieben könnte der Betriebsrat dazu Regeln aushandeln, die für alle gelten.

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