„Elternschule“: Warum Eltern diesen Film verbieten lassen wollen

Der Kinofilm “Elternschule” wird von Experten, Kinderärzten, Eltern und Medien hitzig diskutiert und hat einen Shitstorm ausgelöst. Eine Petition fordert die Absetzung des Films und eine Untersuchung der Klinik.

Ein Dokumentarfilm über verhaltensauffällige Kinder in einer therapeutischen Einrichtung in Gelsenkirchen – lockt solch ein Filmstoff viele Kinobesucher und Besucherinnen in die Kinos? Wird solch ein Film in großen Medien Beachtung finden? Zumindest Letzteres hat der kontroverse Film „Elternschule“ geschafft. Von Süddeutscher Zeitung, WDR, HuffingtonPost bis Utopia – alle beschäftigen sich mit den Inhalten des Films, mitunter sind die Rezensionen sehr positiv. Viele Eltern, Kinderärzte und Experten sind jedoch über den Film regelrecht entsetzt und fordern per Petition die Absetzung des Films. Manche gehen sogar noch einen Schritt weiter und fordern die Schließung der Einrichtung, in der der Dokumentarfilm gedreht wurde.

Der Dokumentarfilm „Elternschule“ wird hitzig und kontrovers diskutiert (© Verleih: Zorro Film)

Inhaltlich dreht sich der Film um verschiedene Familien, in denen Eltern am Rande ihrer nervlichen Belastung zu sein scheinen. Jörg Adolph und Ralf Bücheler haben in ihrem Dokumentarfilm Elternschule (Kinostart war der 11. Oktober) eben jene Familien durch eine mehrwöchige stationäre Therapie der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen begleitet, Abteilung Pädiatrische Psychosomatik. Hier kommen Eltern mit ihren Kindern hin, wenn sie nicht mehr weiterwissen. „Mit Respekt, aber schonungslos, folgt die Kamera den Eltern und Kindern durch sechs Wochen Schlaftraining, Esstraining, Verhaltenstraining und Psychotherapie“, so beispielsweise der Tenor in der Zeit.

Johanna Schoener von der Zeit schreibt in ihrer Rezension des Films: “Dass dieser Kunstgriff gelingt, liegt an der eigentlichen Hauptperson des Films, dem Psychologen Dietmar Langer. Er leitet die Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik seit über zwanzig Jahren und hat das Therapieprogramm entwickelt. Seine humorvollen Einlassungen sind so voller Erkenntnisgewinn, dass sie einen danach durch das nächste quälende Esstraining tragen, Löffel für Löffel.”

Die Süddeutsche Zeitung resümiert (und mit dieser Bewertung wirbt der Film schon bereits im Trailer) der Film sei „für jeden, der selbst Kinder hat, ein Muss.“ Und setzt hinterher: “Ein Einblick in eine verunsicherte Gesellschaft, die sich mit Autorität schwertut und ihren Instinkten kaum noch traut.”

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Der Bayerische Rundfunk ist der Meinung der Film zeige, „wie ein ganzheitliches Verhaltenstraining mit Psychotherapie und Erziehungscoaching funktionieren kann“, und nennt den Film einen „kraftvollen Blick auf die Suche nach einer guten Erziehung“. Der WDR präsentiert den Trailer mit der Überschrift: Filmdoku „Elternschule. Das Geheimnis guter Erziehung“.

Schon die kleinsten werden in der „Elternschule“ in Gelsenkirchen aufgenommen. (Verleih: Zorro Film)

Doch mit dieser positiven Medieneinschätzung können viele Eltern nichts anfangen – das Entsetzen über die in ihren Augen “pure Gewalt”, Kindesmissbrauch und Misshandlung steht den Rezensionen aus Zeit, SZ, WDR, BR und vielen weiteren gegenüber. In der HuffingtonPost beschreibt Michael Hüter unter der Überschrift „Elternschule: Ich bin entsetzt, wie Medien Gewalt als Erziehung verkaufen” seine Sicht auf den Film.

Ähnliches schreibt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster auf seinem Blog in einem Kommentar. Er schreibt: „Was mich an diesem Film vor allem wundert, ist die Schamlosigkeit, mit der erzieherische Gewalt dargestellt, glorifiziert und auch medikalisiert wird.“ Darüber hinaus findet er, man müsse sich schämen, dass der Film nicht mehr Widerspruch in der Gesellschaft auslöse.

Elternschule (2018) Trailer, deutsch

Die Journalistin und Redakteurin Stefanie Jakob beleuchtet den Film in ihrem Artikel von vielen möglichen Perspektiven und schreibt in ihrem Fazit: “Der Film zeigt Familien in Behandlung, Eltern und Kinder in Notsituationen, die keinen anderen Ausweg mehr wissen und „mit dem Rücken zur Wand stehen“, wie der Psychologe im Film es nennt. Hinzu kommt, dass er eben nur eine Form der Therapie zeigt – und die ist umstritten. Dass sich Eltern diese Erziehungsmethode zum Vorbild nehmen sollten, ohne sie kritisch zu betrachten, sorgt also zu recht für einen Aufschrei”.

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Kommentare bei YouTube sprechen die gleiche Sprache und sind teilweise noch eindeutiger: „Ich bin wirklich geschockt. Dieser Film sollte nirgendwo ausgestrahlt werden.“, schreibt eine YouTube-Userin und 190 weitere YT-User stimmen ihr zu.

Auch die bekannte RTL-Erziehungsexpertin Katja Saalfrank äußerte sich bei Facebook zum Film.

Unterdessen meldete sich der Deutsche Kinderschutzbund e.V. in einer offiziellen Stellungsnahme zu dem Dokumentarfilm ebenfalls mit kritischen und appellierenden Worten an alle Bügerinnen und Bürger: „(…) als Kinderschutzbund können wir nicht darüber hinwegsehen, dass viele Szenen einen gewaltvollen Charakter haben. Einen solchen Weg sollten wir nicht einschlagen und als „Elternschule“ anpreisen.“

Der Kinderschutzbund beschreibt in seinem Statement weiter: „Einzelne Kinder werden in dem Film als „egoistische Strategen und Taktiker“ öffentlich vorgeführt. Inwiefern diese öffentliche Darstellung der Kinder und auch ihrer Eltern, deren Sorgen, Nöte und Verzweiflung mit der ärztlichen Ethik in Einklang steht, muss von den Selbstverwaltungsorganen, wie z. B. den Ärztekammern bewertet und entschieden werden. Wir appellieren an alle Bürgerinnen und Bürger für das Recht auf gewaltfreie Erziehung einzutreten – gerade dann, wenn uns ein Kind besonders herausfordert.“

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Die Macherinnen und Macher des Films schreiben auf ihrer Website: „Der Film ist kein „Ratgeberfilm“, sondern zeigt Menschen in einem therapeutischen Verfahren und mögliche Handlungsoptionen.“

Eines hat der Film in jedem Falle geschafft – er hat das Thema Kindererziehung wieder auf die Agenda gebracht und eine vielseitige, hitzige Debatte entfacht.

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