Angriff auf Selbststimmung? Diskussion um 5 Millionen Euro teure Abtreibungs-Studie

Seit der Bekanntgabe, dass Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für eine Gesundheitsstudie zum Thema Abtreibung und die seelischen Folgen eben jener 5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekommen hat, laufen die Drähte in sozialen Netzwerken, Blogs, Presse und Nachrichten heiß.

Im Zuge der Diskussion um den §219a wurde von der Regierung Ende Dezember ein Papier erarbeitet; dieses sollte endlich zu einem Kompromiss in Sachen 219a, also zu einer Änderung des Paragrafen zum „Werbeverbot“ für Schwangerschaftsabbrüche, führen.

Während Minister und Ministerinnen der großen Koalition nun an einem Entwurf zur Reform des §219a vorgelegt haben, möchte Gesundheitsminister Jens Spahn eine Studie durchführen lassen, die sich mit den psychischen Folgen bei Frauen auseinandersetzt, die eine Abtreibung haben vornehmen lassen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erhält für eine umstrittene Studie zu den seelischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen Berichten zufolge fünf Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt. (Symbolfoto Adobe Stock / pololia)

Nun reagierte das Gesundheitsministerium auf die teilweise harte Kritik von Betroffenen, Experten und Expertinnen und Politikern und Politikerinnen.

Es gäbe in Deutschland bei mehr als 100.000 Abtreibungen im Jahr noch keine entsprechende Untersuchung über die Langzeitfolgen, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin Sabine Weiss. Weiterhin sei die Studie ergebnisoffen – man wolle Informationen zu Häufigkeit und Ausprägung seelischer Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen gewinnen. Es sei vernünftig, Geld in die Antwort auf die Frage nach dem Leid der Frauen zu investieren.


Die Studie, die zwischen 2020 und 2023 insgesamt mit 5 Millionen Euro finanziert werden soll, wird auch nach diesem Statement von Kritikern und Kritikerinnen nicht akzeptiert.

Die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis sprach beispielsweise von einer „wissenschaftlich unsinnigen und ideologisch motivierten Studie“. Zur Situation von Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen gebe es bereits eine sehr umfangreiche Studienlage. Alle seriösen Arbeiten dazu hätten belegt, dass ein sogenanntes Post-Abortion-Syndrom, also eine schwere Belastungsstörung bei Frauen, die eine Schwangerschaft abgebrochen haben, nicht existiere.

Diese Auffassung teilt übrigens auch Ulle Schauws, frauenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. Das Online-Magazin Edition F interviewte Frau Schauws und bekam klare Antworten – sie kritisierte die Studie erneut scharf.

Sie sagte unter anderem: „Man muss es ganz klar so sagen: Herr Spahn bedient damit die Forderungen der Anti-Choice-Bewegung, der selbsternannten Lebenschützer und Lebensschützerinnen. Die Forderung nach einer solchen Studie haben wir im Bundestag in der Fachanhörung zu 219a im Juni 2018 gehört: der von der AfD berufene Sachverständige hat sie eingebracht. Aus meiner Sicht suggeriert Herr Spahn mit diesem Schritt, dass Frauen in einer schwierigen Lage nicht eigenverantwortlich entscheiden können.”

Die frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Nicole Bauer, bezeichnete das Forschungsvorhaben unterdessen als „Zugeständnis an radikale Lebensschützer“. Auch wurde im Hinblick auf die Engpässe in der Geburtshilfe die Frage aufgeworfen, ob die geplanten Bundesmittel sinnvoll eingesetzt werden.

FDP, Linke und Grüne kritisieren die Studie ebenfalls als überflüssig.

5 Millionen Euro – diese Zahl kommt auch in sozialen Netzwerken immer wieder zur Sprache. In einer Instagramstory einer Userin wird gefordert: “Stärkt Gleichberechtigung! Und lasst Frauen selbstbestimmt entscheiden. Warum werden diese 5 Millionen nicht effektiv in den Schutz von Frauen gegenüber häuslicher Gewalt und Vergewaltigung eingesetzt?”

Sie ist nicht die einzige, die das Millionenprojekt gerne stoppen würde.

Die Bloggerin Nike Jane (von ThisIsJaneWayne) startete kurzerhand eine Petition mit dem Hashtag #WasFürnSpahn, um den Gesundheitsminister mittels Druck aus der Gesellschaft zu stoppen. Die Bloggerin brach vor zwei Jahren ebenfalls eine Schwangerschaft ab und wurde somit als Betroffene zur Aktivistin.

Sie sagt gegenüber dem Online-Magazin jetzt.de: „Ich könnte jetzt behaupten, durch Aussagen und Pläne wie die von Spahn persönlich verletzt zu werden. Dazu müsste ich ihn jedoch als Stimme im Namen der Frauengesundheit ernst nehmen. Stattdessen kann ich mich nur fragen, was das alles eigentlich soll. Und feststellen, dass er keinen blassen Schimmer davon hat, worüber er da redet.“

Ob Experten und Expertinnen, Politiker und Politikerinnen oder sogar eine Petition mit Unterschriften aus der Bevölkerung (Stand 15.02.2019 um 12:19 Uhr: 56.411 Unterschriften) die geplante Studie des Gesundheitsministers aufhalten können, bleibt ungewiss.

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