Ist das peinlich! Was tun, wenn Kinder Privates ausplaudern?

Kindermund tut Wahrheit kund und das kann mitunter ziemlich peinlich werden. Aber was tun, wenn Geheimnisse vom Nachwuchs ausgeplaudert werden? Warum Schimpfen der falsche Weg ist und warum viel mehr die eigenen Gefühle hinterfragt werden sollten.

Die gnadenlose Wahrheit kommt ans Licht: „Mama hatte heute Morgen Blut im Schlüpfer!“, ein Klassiker unter Kindern und die Mama? Die würde am liebsten im Erdboden versinken. Alle Eltern kennen sie, die peinlichen Situationen, die der eigene Nachwuchs durch aufmerksame Beobachtungen und weit auf gesperrte Lauscher heraufbeschwört. Was uns Eltern rote Wangen und Sprachlosigkeit beschert ist für Kinder kein Grund zur Rücksichtnahme. „Aber Mama, das stimmt doch!“, entgegnen sie vehement. Recht haben sie damit, sagen Pädagogen. Sie plädieren dafür, Kindern keinen Maulkorb zu verpassen.

Ist das peinlich! Was tun, wenn Kinder Privates ausplaudern? (© Getty Images)
Ist das peinlich! Was tun, wenn Kinder Privates ausplaudern? (© Getty Images)

Sowas wie Datenschutz gibt es nicht

Datenschutzaffären, wo man nur hinsieht. Erst letztens wurde Kritik laut, dass mithilfe von Facebook sensible Daten von Nutzern verkauft wurden. Unsere Kinder tun das unentgeltlich, indem sie fröhlich der Nachbarin erzählen, dass Papa sie für eine doofe Hexe hält. Im Kindergartenalter kann der Nachwuchs erfahrungsgemäß schlecht Geheimnisse hüten und auch mit sechs Jahren ist ihm die Tragweite seiner Plaudereien nicht vollständig bewusst.

Interessanterweise unterscheiden die Kinder ab dem Vorschulalter aber bereits zwischen schönen und schlimmen Geheimnissen. In den neunziger Jahren zeigten Untersuchungen, dass jüngere Kinder der Meinung sind, über schlimme Geheimnisse müsste man reden. Genau diese Offenheit und das damit verbundene Vertrauen sollte nicht enttäuscht werden, erklären Pädagogen. Denken wir mal weiter und vergessen einmal die Peinlichkeit.

Unsere Kinder sollen lernen, auch eigene Probleme offen thematisieren zu können und sie nicht zu verbergen. Wenn wir sie ständig anhalten, dies und das für sich zu behalten à la: „Darüber redet man nicht“ ändern wir Stück für Stück ihre offene Denkweise. Vielleicht wenden sie sich eines Tages wirklich nicht an uns, wenn sie das Gefühl haben, dass man darüber nicht reden darf, weil es zum Beispiel als peinlich empfunden wird.

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Das Schamgefühl entwickelt sich erst später

Was für uns selbstverständlich ist, müssen Kinder erst mühevoll erlernen. Was ist gesellschaftlich akzeptabel und was fällt unter die Privatsphäre? Insbesondere jüngere Kinder verstehen nicht, wie eine solche Sensationsmeldung nicht an die Öffentlichkeit gelangen darf, denn sie haben schlichtweg eine andere Sicht auf die Dinge.

Hinzu kommt, dass manche Menschen ganz frei über verschiedene Sachverhalte reden und andere fühlen sich dabei unwohl. Diese komplizierten Regeln müssen Kinder stückweise erlernen und ein entsprechendes Feingefühl entwickeln, das zeigen auch frühere Untersuchungen. Professorin Prof. Dr. phil Bettina Schuhrke und ihre Kollegen haben in einer Studie 41 Familien befragt.

(© Getty Images)
Kinder müssen erst lernen, „Geheimnisse“ zu bewahren (© Getty Images)

Dabei kam heraus, dass Kinder zwischen 4 und 7 Jahren ein Gefühl von Selbstscham, zum Beispiel im Bezug auf das Nacktsein oder Toilettengänge, entwickeln. Nachdem Kinder in der Lage sind, Selbstscham zu empfinden, verfügen sie auch über die Fähigkeit, sich stellvertretend für andere Personen zu schämen. Fremdschämen nennen wir das Ganze und damit einher geht auch das Talent, Rücksicht auf andere zu nehmen. Diese Fähigkeit entwickelt sich den Untersuchungen zufolge etwa im Vorschulalter. Kleinkinder können also praktisch nichts dafür, wenn sie unliebsame Informationen rücksichtslos weitergeben.

Erforsche deine Gefühle!

Professorin Schuhrke ist davon überzeugt, dass Eltern nicht alle Situationen, in denen der Nachwuchs etwas Peinliches ausplaudert, vorbeugen können. Das würde voraussetzen, dass Eltern ihre Aussagen und ihr Verhalten ständig kontrollieren. Im Alltag ist das natürlich nicht möglich, vielmehr sollten Eltern peinliche Situation reflektieren. Dabei helfen Fragen wie: Warum empfinde ich die Situation überhaupt als peinlich?

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Im Anschluss können sich Eltern mit ihrem Nachwuchs zusammensetzen und darüber reden, welche Gefühle mit den ausgeplauderten Informationen in Verbindung stehen. Kinder sind in der Regel sehr einfühlsam, da sie über feine Antennen verfügen. Schimpfen ist daher falsch, denn der Nachwuchs hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Damit wird er nur verunsichert, denn wie soll ein junges Kind unseren komplexen Verhaltenskodex schon nachvollziehen können?

Jetzt mal ehrlich: Wenn die Nachbarin nun weiß, dass sie unbeliebt ist, liegen die Karten offen auf dem Tisch. Genauso offen sollten alle Beteiligten damit umgehen und das Kind nicht für die ausgesprochene Wahrheit rügen. Vor allem dann nicht, wenn dem Nachwuchs nicht gesagt wurde, dass es sich dabei um ein Geheimnis handelt.

Im Zweifelsfall gilt immer noch die Regel: Wenn man nicht möchte, dass sich eine neue Datenschutzaffäre anbahnt, bespricht man heikle Geheimnisse lieber nicht im Beisein eines kleinen Kindes.

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