Wir brauchen euch – Hebammen droht das Aus

Die Haftpflichtkosten für Hebammen steigen immer mehr – im nächsten Jahr wird es eventuell gar keine Versicherer mehr geben. Das würde das Aus für alle freiberuflichen Hebammen bedeuten. Für Schwangere und junge Mütter eine Katastrophe – gemeinsam kämpfen Eltern und Hebammen für die Zukunft.

Eine sanfte Stimme, die beruhigt und der Frau in den Wehen die Angst nimmt. Feste Hände, die streicheln und anpacken können – und dem Baby auf die Welt helfen. Hebammen sind Fachfrauen für die Geburtsarbeit und  immer dabei, wenn ein Kind geboren wird, so schreibt es das deutsche Hebammengesetz vor. Es regelt, dass eine Hebammenbetreuung bei jeder Geburt in Deutschland Pflicht ist.

Doch Hebammen unterstützen nicht nur bei der Geburt: Sie betreuen in der Vor- und Nachsorge, sind für die werdenden Mütter da und machen Hausbesuche zur Hilfe im Wochenbett und in der ersten Zeit mit Kind. Für sehr viele Schwangere ist eine persönliche Betreuung schon in der Schwangerschaft besonders wichtig.

Hebammen betreuen Mütter und Kinder in der Schwangerschaft, der Geburt und der Nachsorge
Hebammen betreuen Mütter und Kinder in der Schwangerschaft, der Geburt und der Nachsorge

Viele Frauen haben ein inniges Verhältnis zu ihrer Hebamme. Denn gerade wenn die Schwangerschaft schwierig ist oder eine Geburt nicht einfach war, bekommen sie von ihrer Hebamme wertvolle Hilfe. „Ohne sie, ohne ihre Unterstützung, ihr Eingehen auf meine Wahrnehmungen und Empfindungen, ihre praktischen Tipps und ihr beherztes Handeln hätte mein Körper sich nicht regenerieren können, hätte ich meine Kinder nicht gestillt, wäre ich heute vielleicht gezwungen Windeln zu tragen, wäre ich vielleicht in eine Schwangerschaftsdepression verfallen, wäre die zweite Geburt kaum so harmonisch verlaufen. Ich verdanke dieser freischaffenden Hebamme so viel!“ schreibt die Autorin Jutta S. Piveckova.

Ein Berufsstand ist in Gefahr – warum?

Noch haben Schwangere die Wahl. Sie können selbst entscheiden, ob der Frauenarzt oder die Hebamme – oder beide – sich um die Vorsorge in der Schwangerschaft kümmern, ob sie mit einer Hebamme ihrer Wahl oder der der Klinik entbinden möchten. Oder sich für die Geburt in einem Geburtshaus oder für eine Hausgeburt entscheiden.

Doch diese Wahl ist bedroht. Denn ein ganzer Berufsstand ist in Gefahr. Schon lange warnen die Hebammenverbände und machen auf die immer schwierigere Situation der freien Hebammen aufmerksam. Das Hauptproblem: Die Hebammen müssen immer mehr Geld für ihre Versicherung zahlen. Noch in diesem Jahr soll die Prämie wieder um 20 Prozent steigen. Nicht nachvollziehbar, wie der bloggende Kinderarzt „Kinderdoc“ schreibt: „ Die Haftpflichtbeiträge der frei tätigen Hebammen hat sich in den letzten Jahren explosionsartig vermehrt – der durchschnittliche Jahresbeitrag liegt heuer bei 5000 € – das kann sich keine Hebamme mehr leisten. Ich zahle gerade mal 1050 € pro Jahr.“ Und das, obwohl Kinderärzte sicher auch ein nicht unerhebliches Versicherungsrisiko haben. Hebammen sind keine Großverdiener, ihre wertvolle Arbeit, ihr Einsatz Tag und Nacht, ist nie angemessen bezahlt wurden. Hebammen, die zu den festen Konditionen der Krankenkassen bezahlt werden, erhalten nach Angaben des Verbandes im Schnitt 8,50 € pro Stunde.

Doch es ist noch schlimmer. Die Versicherungskosten steigen nicht nur enorm – zum Juli 2015 wird es nach aktuellem Stand keine Versicherung mehr geben, die eine Haftpflichtversicherung für Hebammen anbietet. Das Problem: ohne eine solche Versicherung können und dürfen freiberufliche Hebammen ihren Beruf nicht mehr ausüben! Der Grund für das Ansteigen der Prämien ist nicht, dass die Versorgung der Hebammen schlecht ist oder ihnen Fehler unterlaufen. Die Zahl der Schadensfälle ist nicht gestiegen, aber immer mehr Eltern klagen auf Schadensersatz. Das liegt zum Teil auch an der besseren medizinischen Versorgung, die es ermöglicht, dass auch Kinder mit schwersten Behinderungen überleben – und ihre Eltern schlichtweg zum Klagen gezwungen sind, um die Pflege zu finanzieren. Hinzu kommt, dass die Zahl der Hebammen sinkt. Weniger Hebammen zahlen immer höhere Beiträge und auch das reicht den Versicherern nun nicht mehr, um die gestiegenen Kosten gegenzufinanzieren.

Der deutsche Hebammenverband ist in großer Sorge. „Die Folgen sind dramatisch, der Beruf ist akut von der Vernichtung bedroht“, betont Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes in einer aktuellen Erklärung. Sowohl der Deutsche Hebammenverband (DHV) als der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) sucht Lösungen, doch Anfragen bei alternativen Versicherungsunternehmen im In- und Ausland sind bisher ohne Erfolg geblieben.

Freie Hebammen kümmern sich um Vor- und Nachsorge, bieten Rückbildungskurse und unterstützen bei Hausgeburten. Sie arbeiten aber auch in kleinen Krankenhäusern und in Regionen, in denen die nächste Klinik weit weg ist. Viele der festangestellten Hebammen in den großen Krankenhäusern arbeiten nebenberuflich frei – etwa in der Nachsorge oder versichern sich zusätzlich, weil sie fürchten, dass die Schadensdeckungssummen ihrer Arbeitgeber nicht ausreichend ist. Ein Aus für einen ganzen Berufsstand – und das, obwohl doch Familienpolitik so wichtig sein soll?

Wie kann geholfen werden?

Schon seit vier Jahren kämpft der Deutsche Hebammenverband e.V. und legte eine erste Petition vor. Im letzten Jahr kämpfte Anke Bastorp, eine engagierte Mutter, mit eine Online-Petition dafür, dass die bestehenden Missstände der Hebammensituation in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurden.

Mit viel Engagement und Initiativen möchten Mütter, Väter und Hebammen auf die außergewöhnlich schwierige Situation aufmerksam machen, die sich mittlerweile so sehr verschärft hat. Rote Herzen auf Facebook zeigen das und stehen dafür, dass die Aktionen und Kräfte gebündelt werden sollen.

Der Lüneburger Fotograf Björn Schönfeld hat das Projekt „Das erste Gesicht auf Erden “ ins Leben gerufen. Er fotografiert Hebammen, um auf die Situation der Berufsgruppe aufmerksam zu machen. „Ich bin selber Vater von zwei Kindern und weiß wie wichtig “unsere” Hebamme für meine Frau und auch für uns als Familie war“, erklärt er. „Es geht dabei nicht nur um die Geburt, das Berufsfeld der Hebammen ist sehr vielfältig und in unserer Gesellschaft wirklich wichtig. Angefangen bei den ersten Vorsorgen, über die Geburt, zur Nachsorge und im Extremen auch bei Trauerbegleitungen stehen uns diese Frauen mit allem, was sie haben, zur Seite und helfen jungen Familien die ersten Schritte  zu gehen.“ Das Thema betrifft die ganze Gesellschaft – und mit seinem Projekt möchte er den engagierten Frauen ein Gesicht geben.

Das erste Gesicht - Portraits von Hebammen (c) Björn Schönfelder
Das erste Gesicht – Portraits von Hebammen (c) Björn Schönfelder

Rettet unsere Hebammen

Auch Bianca Kasting aus dem Großraum Münster engagiert sich für Hebammen. Die 32-Jährige ist selbst Mutter und war tief getroffen, als sie erfuhr, dass das Geburtshaus, in dem sie vor 14 Monaten ihre Tochter Lotta Sue zur Welt brachte, aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste. „Das war für mich ein kleiner Weltuntergang. Und mir war klar, dass ich einen Beitrag dazu leisten möchte, dass Hebammen weiter arbeiten können.“ Denn zu ihrer Hebamme die sie durch die Schwangerschaft bis zum Ende begleitete, spürt sie bis heute eine tiefe Verbundenheit und Dankbarkeit. Sie beschloss eine neue Online-Petition zu verfassen – an Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). „Lieber Herr Gröhe, wir bitten Sie eindringlich uns zu unterstützen und eine Neuregelung der Haftpflichtprämien herbeizuführen“, so lautet der Aufruf. Gröhe, selbst vierfacher Vater, betont ein überzeugter Familienmensch zu sein. „Es haben schon über 100.000 Menschen unterzeichnet, aber bisher habe ich vom Gesundheitsministerium nur eine ganz kurze Rückmeldung bekommen, dass Herr Gröhe kein persönliches Treffen ermöglichen könne und ich die Petitionsunterschriften zusenden soll.“

Bianca Kasting kämpft weiter und hofft, dass der Protest, der zunächst eher leise war und nun immer lauter wird, etwas bewirken kann. Vielleicht hilft ja ein offener Brief, den eine Journalistin an Frau Gröhe schrieb, mit der Bitte, sich bei ihrem Mann für die Hebammen einzusetzen? In dieser Woche soll es eine Aktuelle Stunde zur Geburtshilfe geben – doch noch ist nicht einmal klar, welche Partei einen Antrag darauf gestellt hat. „Ich habe die große Wanne aus dem Geburtshaus, in der ich meine Tochter bekam, hier im Schuppen stehen. Irgendwie ist das ein Sinnbild“, sagt Bianca Kasting. Doch sie ist überzeugt, dass die Wanne irgendwann wieder zum Einsatz kommt. Und sie und viele andere Mütter, Väter und Hebammen engagieren sich weiter. „Ich möchte, dass Frauen auch Zukunft eine Wahl haben. Dass sie genau die Unterstützung in der Schwangerschaft und bei der Geburt ihrer Kinder und in der ersten Zeit danach bekommen, die sie für ihre ganz persönliche Situation brauchen.“

Hebammen unterstützen - und brauchen nun Unterstützung
Hebammen unterstützen – und brauchen nun Unterstützung

Auch wir von der Redaktion liliput-lounge.de sehen die Entwicklung mit Sorge. Wir möchten in den nächsten Wochen verstärkt über die Arbeit der Hebammen berichten. Wir sind alle Eltern und sind überzeugt, dass Hebammen in Deutschland gebraucht werden. Die Existenz des Hebammenberufes muss gesichert werden. Möchten Sie auch mithelfen?

Wer die Online-Petition mit unterschreiben will, kann dies hier tun:

Petition auf www.change.org

Weitere aktuelle Informationen unter:

www.hebammenfuerdeutschland.de

www.hebammenverband.de

Facebook-Initiative Rettet unsere Hebammen

Facebook Initiative Zeig Flagge für Hebammen

1 Gedanke zu “Wir brauchen euch – Hebammen droht das Aus”

  1. Das ist ein unmöglicher und untragbarer Zustand ! Es ist bezeichnend für unseren Staat, der Gesetze erläßt, dass jede Hebamme versichert sein muss, was auch richtig ist, aber keine gesetzliche Grundlage ( wie eine kostendeckende Entlohnung für ihre Arbeit ) geschaffen wird. Das ist ein untragbarer Zustand und Widerspruch . Schlimm genug, dass in unserem Staat in der Mehrheit Männer über Frauenprobleme ( Pille, Schwangerschaftsabbruch u.ä. ) entscheiden ! Mit solchen Zuständen schaffen wir uns letztlich selber ab !!!

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