Nobelpreis für Vater der IVF

Der Forschung von Prof. Robert Edwards verdanken viele ihr Leben – denn er ist der „Vater“ der In-Vitro-Befruchtung (IVF). Der 85-jährige Brite erhielt jetzt den Nobelpreis. Bis 1978 galt Kinderlosigkeit als unabwendbares Schicksal. Dass dies nun anders ist, ist noch immer eine medizinische Sensation…

Jedes zehnte Paar leidet unter ungewollter Kinderlosigkeit. Gründe dafür gibt es viele, doch bis 1978 gab es kaum Behandlungsmöglichkeiten. Das änderte sich am 25. Juli 1978. Denn an diesem Tag wurde Leslie Brown per Kaiserschnitt von ihrer Tochter Louise (heute 32) entbunden.

Louise Brown – eine ganz normale Frau, auch wenn ihre Geburt eine Sensation war

Louise Brown ist der erste Mensch, der in einem Reagenzglas gezeugt wurde – das erste „Retortenbaby“. Damals waren viele skeptisch – die ganze Welt beobachte aufmerksam die ersten Lebensjahre von Louise. Sie „fühle sich nicht als etwas Besonderes“, und sei „einfach ganz normal“, erklärt sie heute. Den Medienrummel um ihre Person lehnt die Engländerin eher ab und gibt ungern Interviews, denn sie habe nichts Aufregendes zu erzählen. Ihr eigener Sohn Cameron (3) wurde auf natürliche Weise gezeugt.

Die Geburt von Louise Brown war ein Meilenstein der Medizingeschichte, mittlerweile wurden dank der „assistierten Befruchtung“ mehr als vier Millionen Menschen geboren. In Deutschland verdankt etwa jedes 80. Kind seine Zeugung der bahnbrechenden Methode der In-Virto-Befruchtung.  Die Grundlagen für diese Form der Befruchtung hat die Forschung des heute 85-jährigen Prof. Robert Edwards gelegt. Er bekam in diesem Jahr allein für diese Leistung den Nobelpreis für Medizin verliehen.

Langjährige Forschung mit vielen Fehlschlägen

Der Weg zur erfolgreichen Befruchtung außerhalb des Mutterleibs war ein langer und mühsamer. Prof. Robert Edwards forschte zunächst an der Universität Edinburgh mit Mäuse-Embryonen. Durch Hormongaben produzierten die Muttertiere mehr Eizellen – das Interesse des Forschers war geweckt. Die ersten Ideen für eine Befruchtung im Reagenzglas hatte Prof. Edwards bereits in den frühen 1950er Jahren. Er forschte weiter mit menschlichen Eizellen und so schaffte es Edwards, eine Hürde nach der anderen zu überwinden, bis er eine Methode fand, die Unfruchtbarkeit zu besiegen.

In langjähriger Forschung gelang es Edwards dann, die Eizellen im Reagenzglas am Leben zu erhalten. Dann gelang es, sie zu befruchten und die Zellen teilten sich mehrfach und formten dann frühe Embryonen, bis hin zum Acht-Zell-Stadium. Je weiter die Forschung voranschritt, desto wahrscheinlicher wurde die Umsetzung der Forschungsarbeit in tatsächliche Behandlung von unfruchtbaren Menschen.

Edwards arbeitete dazu eng mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe zusammen. Sein Schwerpunkt war die Eizellenentnahme bei den Frauen mit Kinderwunsch. Der inzwischen verstorbene Steptoe gilt als Pionier der Endoskopie – der Nobelpreis wird nur an Lebende vergeben, sonst hätten sich Edwards und Steptoe den Preis sicher geteilt. Denn gemeinsam brachten beide das experimentelle Verfahren zur Anwendung, Steptoe gelang es, die Eizellen „zu bergen“, Edwards kultivierte und befruchtete sie.

Die Forscher begannen ab 1968 intensiv mit ihren Versuchen, scheiterten jedoch immer wieder. Die Embryonen nisteten sich nicht erfolgreich ein. Die Forscher erkannten, dass dies an Hormongaben lag und konnten dann 1976 von einer ersten erfolgreichen längeren Schwangerschaft berichten  – leider einer Eileiterschwangerschaft, die abgebrochen werden musste. Zwei Jahre später war die Sensation dann perfekt: Louise Brown wurde gesund geboren.

Lesley (damals 32) und John Brown (39) aus Bristol hatten neun Jahre lang vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Durch Zufall hörten sie von den Forschern. Denen gelang es, Lesleys Eizellen mit dem Samen ihres Mannes im Labor zu befruchten und erfolgreich in die Gebärmutter einzupflanzen. Auch Louises jüngere Schwester Natalie wurde dank einer IVF gezeugt.

Bild: Prof. Edwards mit Lesley Brown,
Louise Brown und ihrem Sohn Cameron

Die Öffentlichkeit war zunächst sehr skeptisch. Von „Retortenbabys“ und „Menschenversuchen“ aer die Rede. Doch das gesunde kleine Mädchen Louise überzeugt fast alle. Allerdings nur fast, denn die katholische Kirche sieht die künstliche Befruchtung bis heute als kritisch.

Heute verdanken mehr als vier Millionen Menschen ihr Leben der IVF

Heute ist die IVF eine etablierte Methode, mit der sich weltweit zehntausende von Biologen und Ärzten beschäftigen. Mehr als 4 Millionen Menschen verdanken der Forschung von Prof. Edwards ihr Leben. Das schwedische Nobelkommitee hat Edwards nun für seine Leistung mit dem Nobelpreis geehrt. „Heute ist Robert Edwards’ Vision Wirklichkeit und bereitet kinderlosen Menschen in der ganzen Welt Freude”, erklärte Christer Höög von der Nobel-Versammlung. Edwards’ Forschungsarbeit sei ein „monumentaler medizinischer Fortschritt, von dem man gewiss sagen kann, dass er zum größten Nutzen der Menschheit ist“.

In Deutschland gibt die IVF nicht selbstverständlich

Jedes zehnte Paar gilt als unfruchtbar, die IVF hat vielen Paaren ermöglicht, doch noch Eltern zu werden. In Deutschland wurde 1982 zum ersten Mal ein Kind geboren, das nicht im Mutterleib gezeugt wurde. Etwa jedes 80. Kind wird heute so gezeugt – keine sonderlich hohe Zahl, doch dies liegt nicht daran, dass das medizinische Verfahren nicht verfeinert wurde, sondern an den harten Regeln der deutschen Gesetzgebung, die es beispielsweise Frauen mit Kinderwunsch über 40 Jahren oder Homosexuellen nicht erlaubt, sich behandeln zu lassen.

Bis 2004 übernahmen die Krankenkassen die vollen Kosten für künstliche Befruchtung bei bestimmten verheiraten heterosexuellen Paaren. Jetzt müssen sich auch Eheleute finanziell beteiligen, jeder Behandlungszyklus kostet Kassenpatienten seitdem etwa 1500 Euro. Wenn zusätzlich die ISCI-Methode angewandt wird, bei der ein Spermium direkt in die Eizelle gespritzt wird, erhöhen sich die Kosten auf rund 1600 Euro.

Aktuell wird über die PID und das Embryonenschutzgesetz wieder viel diskutiert. Ohne Edwards Leistung wäre dies nicht möglich gewesen. Ulrich Hilland, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschland, erklärt: „Dass Edwards den Preis bekommen hat, freut natürlich jeden, der auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin je geforscht und gearbeitet hat. Man muss fast schon sagen: endlich.“

Kinder sind das Wichtigste im Leben

Auch Lesley und Tochter Louise Brown sagten: „ Mama und ich sind so glücklich, dass einer der beiden Pioniere der IVF die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient.“ Millionen von Eltern und Kinder werden das genauso sehen. Prof. Robert Edwards selbst lebt heute in einem Altersheim. Ihn und seine Familie freut die Ehrung sehr. Edwards hat einmal erklärt, dass die Verzweiflung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch ihn stets sehr berührte. „Das Wichtigste im Leben ist es, Kinder zu haben,“ erklärt er. Er muss es wissen – er hat selbst fünf Töchter und gilt als „Vater“ von mehr als vier Millionen Menschen, die dank seiner Methode geboren wurden.

Bild oben:©istockphoto
Bild Mitte: © Bourn Hall

 Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag wurde 2010 anlässlich der Verleihung des Nobelpreises an Sir Robert Edward (verst. 10.14.2013) veröffentlicht.

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  • Louisa

    wann wurde der Artikel geschrieben ?

    • Silke R. Plagge

      Liebe Louisa,
      dies ist ein Artikel aus unserem Archiv. Er wurde 2010 anlässlich der Verleihung des Nobelpreises an Sir Robert Edward (verst. 10.14.2013) veröffentlicht.

      Mit freundlichen Grüßen, Ihre Silke Plagge, Redaktion liliput-lounge