Ultraschall – das sollten Eltern wissen

Drei Ultraschall-Untersuchungen sind in Deutschland vorgeschrieben. Doch die meisten Mütter werden häufiger untersucht. Ist häufigeres Untersuchen wirklich besser? Was können die Befunde zeigen und wie finde ich einen ausgebildeten Experten? Ultraschallexpertin Dr. Annegret Geipel beantwortet diese Fragen im liliput-lounge Interview.

liliput-lounge: Was funktioniert eine Ultraschalluntersuchung – und seit wann gibt es sie eigentlich?

Dr. Annegret Geipel: Eine Ultraschalluntersuchung ist ein Verfahren, mit dem Körperregionen und Organe mit Hilfe von Schallwellen dargestellte werden. Im Gegensatz zum Röntgen entstehen keine gefährlichen Strahlen, so dass auch sensible Gewebe, wie die von Ungeborenen, nicht beschädigt werden. Das Verfahren wurde in den 60er Jahren entwickelt und seit den 1970er Jahren in den ersten deutschen Kliniken eingesetzt. Seit 1980 sind die Ultraschalluntersuchungen in Deutschland ein fester Bestandteil der Schwangerschaftsvorsorge und werden im Mutterpass dokumentiert.

Heute sind Ultraschalluntersuchungen für werdende Mütter selbstverständlich. Was hat sich denn durch die Einführung der drei vorgeschriebenen Screenings geändert?

Vieles! Wir können heute beispielsweise eine Mehrlingsschwangerschaft frühzeitig feststellen und falsche Lokalisationen, wie etwa Eileiterschwangerschaften, erkennen. Mit Hilfe des Ultraschalls kann erkannt werden, ob bei einem Kind eine Mangelversorgung vorliegt oder eine Fehlbildung. Früher sind Kinder mit Mangelentwicklung oft im Mutterleib verstorben, heute stehen die Chancen in solchen Fällen sehr gut, denn bei rechtzeitiger Diagnose kann entsprechend gehandelt werden.

Ist beispielsweise ein Herzfehler bekannt, können Spezialisten das Baby gleich nach der Geburt versorgen. Kinder mit einem angeborenen Zwerchfelldefekt würden ohne entsprechende pränatale Diagnose und die dadurch möglich rasche spezialisierte kinderärztliche Betreuung nach Geburt häufig versterben. Auch Fehllagen der Plazenta, die für Mutter und Kind ohne Kaiserschnitt lebensbedrohlich sind, können rechtzeitig erkannt werden. Ultraschalluntersuchungen haben die Sterblichkeitsrate für Mutter und Kind deutlich gesenkt.

Wie wichtig ist es für Eltern, dass sie ihr Baby schon vor der Geburt auf dem Bildschirm angucken können?

Die Möglichkeit, das Kind schon vor der Geburt im Ultraschall zu sehen, gibt vielen Eltern Sicherheit und schafft eine frühe Bindung, auch für Väter. Bei den großen Untersuchungen sind etwa 70 Prozent der Väter anwesend.

Wann kann man das Geschlecht des Kindes erkennen?

Die Geschlechtsbestimmung des Kindes spielt für uns Mediziner eher eine untergeordnete Rolle, auch wenn wir das teilweise schon in der 12. Schwangerschaftswoche sehen und in der Regel ab der 16. SSW relativ sicher sagen können. Für Eltern ist das aber auch ein wichtiger Aspekt der Ultraschalluntersuchung, und wir werden meistens danach gefragt.

Was halten Sie davon, wenn auch Geschwisterkinder zu diesen Untersuchungen mitkommen?

Grundsätzlich ist das bei vielen Gynäkologen möglich, allerdings muss man sich als Arzt auch auf das Wesentlich konzentrieren können. Ich kann daher verstehen, dass es Kollegen gibt, die das generell nicht möchten. Bei einer Feindiagnostik oder einem Screening ist das wichtigste Ziel das Ausschließen beziehungsweise das Erkennung von Entwicklungsstörungen oder körperlichen Besonderheiten.

Sie meinen, viele Eltern denken nicht so sehr an dieses Ziel?

Manche werdende Mütter und Väter machen sich das nicht klar. Darum sollten Schwangere vor dem Ultraschall informiert sein, warum diese Untersuchungen gemacht werden und welche diagnostischen Grenzen es gibt. Manchmal geben die Befunde Hinweise auf Chromosomenstörugen, alsoAuffälligkeiten beim Erbgut, oder der körperlichen Entwicklung. Auch unklare Befunde sind möglich. Und das kann Eltern natürlich auch verunsichern. Bei 90 Prozent der Untersuchungen ist das Ergebnis aber unauffällig. Trotzdem kann es sein, dass Eltern erfahren, dass ihr Kind krank oder behindert sein wird. Dieses Wissen kann für werdende Eltern eine große Belastung sein, die auch weitere, und eventuell schwere Entscheidungen nach sich ziehen können. Auch das sollte man vor einer entsprechenden Untersuchung bedenken.

Ist so eine Untersuchung denn für das Kind unangenehm? Es halten sich hartnäckige Gerüchte, dass eine Ultraschalluntersuchung so laut wie ein U-Bahn Zug sei?

Für das Kind ist die Sonografie ungefährlich. Es sind ja keine Strahlen, sondern Schallwellen. Und die sind nicht lauter als der mütterliche Herzschlag oder die Darmgeräusche. Es entsteht also nur ein minimaler Geräuschpegel.

Bei bestimmten Verfahren, etwa dem gepulsten Doppler, mit dem der Blutfluss der Gefäße oder das Herz untersucht werden, versuchen wir die Einwirkzeit so kurz wie möglich zu gestalten.

Ultraschall in der Schwangerschaft

Erste Ultraschalluntersuchung (© Thinkstock)

Vorgeschieben sind für jede Schwangere in Deutschland drei Ultraschalluntersuchungen. Reicht das denn?

Wenn sie sorgfältig durchgeführt werden, sind drei Untersuchungen eigentlich ausreichend. Es kommt nicht auf die Häufigkeit der Untersuchungen an, sondern auf die Sorgfalt und die Qualität.

Und es ist natürlich wichtig, zu welchem Zeitpunkt untersucht wird. Das erste Screening sollte zwischen der 8. SSW und der 12. SSW stattfinden. In der 8. Woche ist aber noch wenig zu sehen, lediglich ein schlagendes Herz, die Tatsache ob sich das Kind richtig eingenistet hat und ob es Mehrlinge sind, kann beurteilt werden. In der 12. Woche ist das Ungeborene dagegen schon sechs bis sieben Zentimeter groß und die kindlichen Strukturen sind deutlich besser zu erkennen.

Ähnlich ist es beim zweiten Screening, das zwischen der 18. SSW und 22. SSW durchgeführt wird, ideal ist hier die 21. SSW. Bei den Screeninguntersuchungen geht es vor allem um die Dokumentation der Kindsmaße sowie um das Suchen nach allgemeinen Hinweiszeichen für kindliche Störungen. Der direkten Nachweis oder ein Ausschluß von Fehlbildungen stehen nicht im Vordergrund.

Eine umfangreichere Feindiagnostik, also ein Organultraschall beim Spezialisten wird in der Regel nur veranlasst, wenn der Gynäkologe Auffälligkeiten findet oder ein Risiko besteht. Durch die Feindiagnostik werden heute 80 bis 90 Prozent aller schwerwiegenden Störungen entdeckt. Es gibt auch Frauen die ohne entsprechende Indikation die Sicherheit einer Feindiagnostik wünschen. Als Selbstzahler betragen die Kosten dafür etwa 200 bis 250 Euro.

Die letzte Untersuchung per Ultraschall ist für die 28. SSW bis 32. SSW vorgeschrieben, hier steht die Versorgung des Kindes im Mittelpunkt. Häufig entwickeln sich allerdings Probleme, wie etwa eine Wachstumsverzögerung oder eine Mutterkuchenschwäche erst jenseits der 30. Schwangerschaftswoche. Viele Frauenärzte untersuchen daher zum Ende der Schwangerschaft hin häufiger per Ultraschall. So können sie die Fruchtwassermenge oder die Mutterkuchenfunktion besser beurteilen. Mehr Untersuchungen zum Ende der Schwangerschaft hin machen also Sinn. In der gesamten Schwangerschaft alle vier Wochen eine Ultraschalluntersuchung vorzunehmen ist hingegen bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft nicht nötig.

Aber viele Frauen werden so oft untersucht und manche zahlen dafür auch zusätzliches Geld. Geht es denn Ärzten dann nur um den Gewinn?

Viele Ärzte bieten ihren Schwangeren mehr Untersuchungen an, obwohl diese medizinisch gesehen nicht zwingend notwendig sind. Das ist liegt auch an der Nachfrage einiger Schwangeren, denn diese Frauen fühlen sich durch häufigere Untersuchungen sicherer. Manche möchten auch spezielle Bilder, besonders lange Untersuchungssequenzen um das Baby lange sehen zu können, 3-D oder 4-D Darstellungen oder eine Aufnahme auf CD. Solche Untersuchungen sind zeitaufwendig und können im Rahmen der normalen Routine nicht geleistet werden. Daher müssen sie von den Schwangeren selbst getragen werden. Die Kassenleistung kann nur decken, was medizinisch nötig ist.

Nicht vergessen werden sollte, dass es auch viele Gynäkologen gibt, die bei besonderen Umständen oder den Kontrollen zum Ende der Schwangerschaft hin häufiger Ultraschalluntersuchungen durchführen, ohne dafür extra entlohnt zu werden.

Es gibt auch Schwangere, die keinen Ultraschall möchten. Wie beurteilen Sie das?

Ziel des Ultraschallscreenings ist es, ein normales kindliches Wachstum und die Entwicklung des Feten zu prüfen. Gefährdungen der kindlichen Gesundheit sollen so frühzeitig erkannt werden. Auch Fehlbildungen können so ausgeschlossen oder nachgewiesen werden.

Natürlich gibt es ein Recht auf Nichtwissen jeder Schwangeren, das akzeptiert werden muss. Trotzdem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass nur durch die gezielte Untersuchung etwa Herzfehler oder Mangelversorgungen entdeckt werden können und somit eine rechtzeitige Diagnose auch das Leben des Kindes retten kann. Das Für und Wider des Ultraschallscreenings sowie spezieller, darüber hinausgehender Untersuchungen wie etwa Ersttrimsterdiagnostik, Organdiagnostik oder  Doppler sollte darum ausführlich mit dem Frauenarzt besprochen werden.

Woran können werdende Mütter erkennen, ob die Ultraschalluntersuchung eine hohe Qualität hat?

Durch den Erwerb der Facharztprüfung wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass jeder niedergelassene Gynäkologe die Sonografie beherrscht und die drei Ultraschall-Screening-Untersuchungen durchführen kann. Es gibt jedoch Unterschiede in der Qualifikation und der Geräteausstattung einzelner Ärzte. Während viele Ärzte sich regelmäßig weiterbilden, ihr Wissen vertiefen und die aktuelle technische Entwicklung verfolgen, setzen andere diesen Schwerpunkt nicht.

Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschallmedizin in der Medizin e.V., kurz DEGUM, hat hohe Qualitätsstandards. Ihre Mitglieder verpflichten sich dazu, dass sie an entsprechenden Weiterbildungen teilnehmen, hochauflösende Geräte benutzen und ihre Befunde entsprechend dokumentieren. Die Qualifikation wird in verschiedenen Stufen erteilt. DEGUM Stufe I entspricht der qualifizierten Basisultraschalluntersuchung, diese geht aber schon inhaltlich über die derzeitigen Anforderungen entsprechend der Mutterschaftsrichtlinien hinaus. Die Stufe II führt bei entsprechender Indikation die Feindiagnostik (Organdiagnostik) durch, die Stufe III haben Spezialisten erworben, die zusätzlich ausbilden und in der Wissenschaft tätig sind.

Patienten können ihren Frauenarzt fragen, ob er eine entsprechende Qualifikation besitzt. Alternativ ist es auch möglich über die  Internetseite der DEGUM nach entsprechenden Fachärzten zu suchen.

PD Dr. med. Annegret Geipel 

Die Oberärztin leitet den Bereich Pränatale Medizin der Universität Bonn, einem überregionalen Stufe III Zentrum. Dr. Geipel ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ultraschallmedizin in der Medizin e.V. (DEGUM), Mitglied der International Society of Ultrasound in Obstetrics and Gynecology (ISUOG) und der Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin. Sie engagiert sich vielfältig in der Wissenschaft und Lehre sowie als Gutachterin.

 

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  • claudia freud

    Hallo, vielen Dank für die ausführlichen Informationen. Ich finde man sollte die Vorteile der Ultraschalluntersuchung wahrnehmen. Mindestens die drei vorgeschriebenen, aber wenn es notwendig sein sollte um Probleme oder Komplikationen frühzeitig zu erkennen, sollte man auch weitere in Anspruch nehmen. Liebe Grüße Claudia

  • Dawina Zeller (mausi)

    Darf man eine doppler ultraschall Untersuchung Bild behalten wen man eine Überweisung hat vom Frauenarzt?

    • Silke R. Plagge

      Liebe Dawina,
      das solltest du am besten mit den untersuchenden Arzt besprechen. Meist erhalten Eltern einen Ausdruck. Lieben Gruß aus der liliput-lounge Redaktion