Trotzalter: Wut im Bauch

Kinder zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr lernen ständig Neues. Und sie lernen auch ihren eigenen Willen kennen – und schon sind sie mitten in der Trotzphase. Was hilft Eltern und Kindern am besten bei Zornattacken?

Jule (2) liebt es mit Mama einzukaufen. Heute steht ein besonderes Abenteuer an: Ein Besuch in einem richtigen Einkaufszentrum. Jule kann sich gar nicht sattsehen an den vielen Menschen. Freudestrahlend sitzt sie im Buggy und kommentiert und plaudert. Doch dann ist es da: Ein Blinkeauto! Unbedingt möchte Jule in dem lustigen Fahrzeug mitfahren. „Na gut – einmal darfst du, erklärt ihre Mutter und wirft einen Euro in den Automaten. Jule strahlt. „Noch mal!“ fordert sie. Doch Jules Mutter nimmt das Mädchen aus dem Fahrzeug – die wirft sich auf den Boden und schreit so laut es ihre Lungen hergeben. Einen solchen Wutanfall hatte Jule noch nie. Ihrer Mutter bleibt die Luft weg, was nun?
Woher kommen die Trotzanfälle?
Kinder zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr machen eine wichtige Übergangsphase durch. Manche zürnen und wüten, andere treten oder motzen. Ihr Verhalten ist manchmal so schlimm, das Eltern sich kaum noch in den Supermarkt trauen oder selbst sehr damit kämpfen, nicht aggressiv auf den Wutzwerg zu reagieren. Typische Konfliktreaktionen sind:
  • Wie – ich darf nicht weiter forschen? Der kleine Entdecker erobert die Welt. Ganz allein macht das mächtig Spaß. Am Herd gibt es tolle Knöpfe, die Hand passt genau in den Videorekorder und die Tür vom Kühlschrank geht auch auf, wenn man zieht. Wenn Eltern dann „nein“ sagen, ist das Kind sauer.
  • Ich bestimme hier: Gerade wird die Puppe in den Wagen gesetzt und ihr ein Socken ausgezogen. Papa will los zu Oma? Das ist der Tochter, die in ihr Spiel vertieft ist, egal. Wenn dann die Jacke trotzdem angezogen wird, fließen Zornestränen.
  • Mal gucken, wie weit ich komme: Im Supermarkt sieht das Kind so ein schönes orangefarbenes Riegelchen. Das kennt es. Die sind lecker! Rasch zugreifen – aber Mama ist schneller und packt den Schokoriegel wieder ins Regal. Eine laute Reaktion des Kindes folgt garantiert.
Zweijährige Kinder sind dabei, sich als eigene Person – mit einem eigenen Willen kennen zu lernen. Sie lernen in diesem Alter Selbstvertrauen und Selbstgefühl. Und das ist wichtig.
Ab etwa 15 Monaten möchten Kinder alles erforschen und entdecken. Dabei müssen sie an Grenzen stoßen. Einige werden ihnen von den Eltern gesetzt, auch wenn es ihnen nicht gefällt, andere müssen sie selbst erfahren. Besonders typisch ist das wütende „Allein“. Sicher, es geht viel schneller, wenn die Mutter das Kind die steile Treppe hoch trägt. Aber es ist wichtig, den Kleinen zu zeigen, dass sie selbstständig sein dürfen. Schließlich sollen sie ja dazulernen.
Und wann ist es wieder vorbei?
Die meisten Kinder brauchen etwa ein Jahr, bis die besonders heftige Abgrenzungsphase vorbei ist. Für alle besonders gestressten Eltern von kleinen Zornmicheln: Der Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge schildert, dass eine Psychologin Kinder und Eltern in den zwei wichtigen Übergangsphasen im Leben eines jungen Menschen begleitet hat. Und zwar im Trotzalter und in der Pubertät. Ihre Beobachtung: Je ruhiger und friedlicher die Trotzphase von Kleinkindern verlief, desto heftiger war die Pubertät. Das beruhigt zumindest einige Eltern für die Zukunft. Doch was tun, damit das Leben mit dem sich so heftig abgrenzenden Kleinkind jetzt angenehmer wird?
Erste Hilfe für Eltern
Nicht nur Kinder erfahren in diesem Alter etwas über Grenzen. Auch Eltern. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich die eigene Wut auf so einen zornigen Trotzkopf kaum vorstellen. Wie kann sich das eben noch so niedliche Kind in so ein Wesen verwandeln?
Erst einmal gilt: Tief durchatmen. Der Trotz des Kindes ist keine Ablehnung der Eltern, es kämpft mit sich selbst und ist überwältigt von den eigenen Wünschen und Gefühlen. Jule, dem Trotzkopf aus dem Einkaufszentrum etwa, gefiel die neue Erfahrung so gut, dass sie so gern wiederholen möchte.
Unter Umständen kann es helfen, den Raum kurz zu verlassen und sich selbst von außen in dieser Situation zu betrachten. Eltern sind Menschen. Sie müssen nicht so tun, als ob sie nicht sauer sind.
Man kann auch über eine andere Methode innerliche Distanz herstellen: Versuchen Sie sich als Hauptfigur in einem Film zu sehen. Komödie oder Drama, Sie haben die Wahl. Da Sie der Drehbuchschreiber sind, fällt Ihnen vielleicht auch eine ungewöhnliche Wendung ein? Etwa ein Danebenlegen neben die zornige Zweijährige im Einkaufszentrum? Je gelassener und überraschender die elterliche Reaktion, desto schneller verfliegt meist die Wut. Mit einigen Tipps lassen sich Wutanfälle auch reduzieren.
Tipps für einen friedlicheren Alltag mit Kleinkindern:
  • Konsequenz ist wichtig. Aber sie darf nicht verbissen sein. Manchmal sind Kompromisse wichtig und erlaubt. Ihre Tochter will im Winter ein Sommerkleid tragen? Darf sie  – aber mit dicker Hose drunter und Strickjacke drüber.
  • Überfordern Sie Ihr Kind nicht mit zu viel Auswahl. Es darf sich zwischen zwei Pullovern entscheiden, dass genügt.
  • Unterstützen Sie die Selbstständigkeit. Der Nachwuchs kann schon allein die Hose anziehen oder in den Autositz klettern? Planen Sie Zeitpolster ein, damit das Kind das auch wirklich machen kann. Lieber fünf Minuten im Flur warten als zwanzig Minuten Zorn hinnehmen.
  • Kindern Termine rechtzeitig ankündigen. „Noch ein Buch angucken, dann fahren wir zur Tante.“ So fühlen sie sich nicht von einem „Wir müssen jetzt sofort los,“ überfordert.
  • Gibt es bestimmte Situationen, in denen ständig Streit herrscht? Was könnte der Grund sein? Wie kann die Situation geändert werden? Wenn das Kind beispielsweise immer morgens über das geschmierte Brot schimpft – vielleicht ausprobieren, ob das anders ist, wenn es mit einem stumpfen Messer selbst schmiert?
  • Einkäufe im Supermarkt nicht mit müden oder hungrigen Kind machen. Der Stress ist vorprogrammiert.
  • Kleine Kinder mögen es, wenn sie schon mithelfen können. Etwa mit einem kleinen Lappen mitwischen, das Puddingpulver in die Schüssel geben. Sie fühlen sich ernst genommen.
  • Eltern sollten die gleiche Linie fahren: Mutter und Vater müssen sich einig darin sein, was erlaubt und was verboten ist. Widersprüche irritieren und verunsichern Kinder völlig.
Bild: © Uwe Pillat – Fotolia.com

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