Stillprobleme?

Stillen ist wunderbar. Natürlich und gesund für Mutter und Kind. Doch nicht immer ist das Stillen unproblematisch. Was können verzweifelte Mütter bei Milchstau, wunden Brustwarzen oder anderen Problemen tun? Zwei Expertinnen haben unsere Fragen beantwortet.

Jede Mutter kann stillen. Theoretisch. Doch tatsächlich sind sehr viele junge Mütter verunsichert. „Frauen sollten sich schon in der Schwangerschaft soviel wie möglich über den normalen Verlauf des Stillens informieren“, erklärt Stillberaterin Regine Gresens. So können sie stillende Mütter beobachten, sich Tipps von Frauen holen, die erfolgreich gestillt haben, ein gutes Buch über das Stillen lesen oder eine Stillgruppe besuchen. „Auch der Partner sollte über das Stillen informiert sein, da er der wichtigste Unterstützer für Mutter und Kind ist“, sagt Regine Gresens.

Mutter hält Baby

Mutter küsst Säugling (Panthermedia Wavebreak Media Ltd)

Ein guter Stillstart beginnt gleich nach der Geburt

Wichtig für einen guten Stillstart ist das möglichst frühe Anlegen des Kindes. In babyfreundlichen Krankenhäusern wird der Stillstart besonders gefördert. Wer so eines nicht in der Nähe hat, kann sich aber trotzdem erkundigen, wie die Krankenhausroutine ist. Auf keinen Fall sollte gewohnheitsmäßig Glukose, Tee oder Flaschennahrung zugefüttert werden. Denn dies ist nicht wirklich notwendig und stört das Zusammenspiel von Kind und Brust massiv.

Tatsächlich wird heute fast nirgendwo noch zugefüttert – immer mehr Kliniken fördern heute das Stillen. In vielen Häusern helfen Stillberaterinnen den jungen Müttern und zeigen Stilltechniken. Gerade in den in den ersten Tagen ist es besonders wichtig, das Baby so oft wie möglich an beide Brüste anzulegen. Die Empfehlung der Hebamme: „Am ersten Tag mehr als 4 Mal, am zweiten Tag mehr als 6 bis 8 Mal und ab dem dritten Tag das Kind 8 bis 10 Mal anlegen.“ So kommt die Milchbildung in Gang und eine starke Gewichtsabnahme wird vermieden.

Mütter sollten sich nicht verunsichern lassen – und sich Rat holen

Aber oft fühlen sich Frischentbundene überfordert, haben das Gefühl, dass sie irgendetwas nicht richtig machen. Wer unsicher ist, sollte unbedingt eine Hebamme oder Stillberaterin um Rat fragen. „Falls diese nicht helfen kann, oder äußert, dass alles so richtig ist, obwohl es sehr weh tut, bitte unbedingt schnell eine qualifizierte Stillberatung in Anspruch nehmen“, rät Regine Gresens. Auch die Hebamme Lisa Fehrenbach empfiehlt jungen Müttern, sich nicht verunsichern zu lassen.

Denn nicht nur in der allerersten Stillzeit, auch in den Wochen danach verzweifeln einige Mütter. Sie haben Schmerzen beim Stillen, zu wenig oder zuviel Milch oder das Gefühl überhaupt alles falsch zu machen. Der wichtige Rat von Lisa Fehrenbach: „ Hier brauchen Mütter Geduld mit sich und dem Baby. Es ist auf jeden Fall gut, wenn sie sich Rat bei einer Hebamme, Stillberaterin oder einer Stillgruppe suchen. Und wenn es gar nicht klappt: Das Stillen ist nicht Ziel der Bemühungen, sondern dass das Kind wächst und gedeiht.“

Stillende unglückliche Mütter sollten sich unbedingt persönlich Hilfe holen, denn bei Schmerzen oder Problemen wie Brustentzündungen kann eine telefonische Beratung nicht wirklich helfen.

 

Expertinnen-Tipps für die häufigsten Fragen von stillenden Müttern:

Ab wann hat ein Neugeborenes überhaupt einen Stillrhythmus? Ändert der sich auch wieder?
Das ist schwer zu sagen, zunächst muss sich das Stillen einspielen. Es gibt unterschiedliche Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die sich auch immer wieder ändern können, zum Beispiel durch Wachstumsschübe, Entwicklungssprünge oder Krankheiten.

Die Abstände verändern sich im Laufe eines Tages. Viele Kinder haben eine längere Schlafphase, meist nachts oder morgens. Am Nachmittag oder Abend haben sie eine Unruhephase, in der sie gern beschäftigt werden oder häufig trinken möchten.

Es spricht nichts dagegen, ein Baby nach einer Stunde wieder anzulegen. Mütter sollten nicht nach der Uhr stillen, sondern auf die Zeichen des Kindes reagieren.

Bedeutet denn „Stillen nach Bedarf“, dass ein Kind nonstop über Stunden gestillt werden sollte?
Es gibt Tage, an denen Babys sehr, sehr bedürftig sind. Aber wenn ein Kind rund um die Uhr nonstop gestillt werden möchte, liegt ein Problem vor. Dann sollte eine Fachfrau gefragt werden, ob irgendetwas nicht richtig läuft.

Der Bedarf richtet sich ja auch nach der Mutter. Wenn ihr fast die Brüste platzen, kann sie ihr Kind wecken, um sich zu entlasten. Oder sie weckt es, bevor sie selbst ins Bett geht, damit sie nicht kurz nachdem sie eingeschlafen ist, wieder vom Kind geweckt wird.

Was hilft bei wunden Brustwarzen?
Schmerzen beim Stillen und wunde Brustwarzen entstehen durch falsches Anlegen oder falsches Saugen des Kindes. Eine Korrektur der Anlegetechnik oder des Saugens ist daher die einzige wirkliche Hilfe. Cremes, Salben oder Stillhütchen können nur Symptome lindern, beseitigen jedoch nicht die Ursachen.

Schmerzen sind ein Warnsignal des Körpers, daher sollten die Mütter sich korrekte Anlegetechniken zeigen lassen. Haben Mutter und Kind eine bequeme Position, ist der Mund des Babys weit genug auf und die Brustwarze tief im Mund? Hier hilft eine persönliche Beratung.

Und was raten Sie bei einem Milchstau?
Milchstau entsteht vor allem durch Stress, daher ist Stress vermeiden oberstes Gebot in der Stillzeit. Ist der Milchstau schon da, muss geklärt werden, was den Stress verursacht hat, damit die Mutter zu Ruhe kommen kann. Eine Frau mit einem Milchstau gehört ins Bett. Sie braucht Ruhe, die Brust sollte häufig entleert werden. Viel trinken und Vitamin C hilft ebenfalls.

Wenn es ihr angenehm ist, kann sie vor dem Stillen die Brust wärmen: mit einem warmen feuchten Waschlappen oder auch mit Rotlicht. Das Kind sollte so angelegt werden, dass sein Unterkiefer zu der Stelle zeigt, die gestaut ist. Nach dem Stillen bringt Kühle Linderung. Besonders gut helfen Weißkohlblätter aus dem Kühlschrank, denn der hat eine entzündungshemmende Wirkung. Auch eine zimmertemperierte Quarkkompresse kann sehr gut tun.

Sollten Mütter mit zuwenig Milch zufüttern?
Zu wenig Milch ist meist die Folge eines falschen Stillmanagements, z.B. zu seltenes, zu kurzes oder falsches Anlegen, denn so wird die Milchbildung nicht ausreichend angeregt. Wenn das Baby Hunger hat oder unruhig ist, müssen die Ursachen gefunden werden. Echter primärer Milchmangel ist sehr selten.

Bei zu wenig Milch oder geringer Gewichtszunahme muss ebenfalls eine qualifizierte, persönliche Stillberatung durchgeführt werden, um zu klären, wo genau die Ursachen sind. Manchmal das vorübergehende Zufüttern mit Pre Nahrung aber tatsächlich unumgänglich.

Was tun, wenn das Baby eine Lieblingsbrust hat?
Die Brüste können sich unterscheiden, in der Menge der Milch, Milchfluss oder Form der Brustwarze. Manchmal haben Babys auch eine Lieblingsseite, zu der sie den Kopf besser drehen können. Eventuell ist das Kind nachts entspannter, so dass es auch die ungeliebte Brust akzeptiert. Im schlimmsten Fall stillt man einseitig.

Ein Kind kann auch mit nur einer Brust komplett ernährt werden kann, bei Zwillingen reicht die Milch ja auch für beide. Die Asymmetrie der Brüste regelt sich nach dem Abstillen wieder.

Und wie können Mütter zuviel Milch verhindern?
Zuviel Milch ist dann ein Problem, wenn der Milchspendereflex sehr stark ist und das Kind sich an der Brust dauernd verschluckt bzw. die Brüste nie soweit entleert werden, dass es auch die fettreiche Hintermilch trinken kann.

Neben der Veranlagung der Mutter regelt jedoch die Nachfrage das Angebot. Wird das Baby nach den ersten Tagen, schon nach kurzer Zeit von der ersten Brust genommen, damit es noch die zweite Brust trinkt, obwohl die erste noch nicht richtig leer ist, kann dies Probleme machen, da es bei dem „3-Gänge-Menü“ der Brust nur die „Suppe und die Hauptspeise“ und dann an der zweiten Seite wieder „Suppe und Hauptspeise“, aber nie das endgültig sättigende „Dessert“ bekommt. Hier hilft, das Baby immer die erste Brust gut zu Ende trinken zu lassen.

Wenn dann die andere Brust spannt, ist dies zwar zunächst unangenehm, signalisiert aber „Mach mal weniger Milch“. So regelt sich das Problem.

Und wenn das Stillen so gar nicht klappen will?
Wenn das Stillen trotz qualifizierter Stillberatung nicht klappen will, gibt es zunächst die Möglichkeit das Kind mit abgepumpter Muttermilch zu ernähren, so dass es weiterhin die Vorzüge der Muttermilch bekommt, wenn auch aus der Flasche und nicht aus der Brust. Ist die Menge der eigenen Milch nicht ausreichend, kann auch mit Flaschennahrung zugefüttert werden.

Auch mit einer Stillhilfe, wie einem Brusternährungsset, kann das Kind an der Brust zuzufüttern werden. Prinzipiell ist beim Nichtstillen oder Teilstillen zu beachten, dem Kind trotzdem sehr viel Körper- und Hautkontakt zu geben. Die Flasche dazu möglichst nah an die Brust halten, so dass das Kind die Mutter wie beim Stillen anschauen kann. Dabei auch abwechselnd das Baby mal rechts und mal links im Arm halten, um die Stillhaltung zu imitieren. Hier finden Sie einen guten Text dazu: http://www.stillkinder.de/klappt_nicht.html

Wenn ich mir Rat suchen möchte, woran erkenne ich eine gute Stillberaterin?
Zunächst braucht sie eine fundierte medizinische und psychologische Ausbildung sowie entsprechende Berufserfahrung, wie es z.B. durch das Examen als Still- und Laktationsberaterin IBCLC überprüft und bestätigt wird. Der persönliche Kontakt ist wichtig, denn bei Schmerzen, wunden Brustwarzen, Anlegeproblemen, schlechter Gewichtszunahme, Milchmangel oder Brustentzündung müssen Mutter und Kind beim Stillen beobachtet werden, sonst geht es nicht.

Eine gute Stillberaterin hört zu und findet mit der Frau zusammen die beste Lösung. Sie hat Zeit, Geduld und gute Tipps und wenn sie nicht mehr weiter weiß, dann sagt sie das auch und verweist zu einer anderen Stelle. Nicht zuletzt muss natürlich auch immer die „Chemie“ stimmen.

 

Stillexpertinnen: Lisa Fehrenbach und Regine Gresens

Lisa Fehrenbach
(55), Beauftragte für Stillen und Ernährung des Deutschen Hebammenverbandes e.V. (DHV) ist seit 1976 Hebamme. Sie arbeitet seit über  30 Jahren als freiberufliche Hebamme in Berlin und betreut dort Frauen und ihre Familien rund um die Geburt. Lisa Fehrenbach ist auch Atem- und Bewegungslehrerin und Autorin. Mehr über Lisa Fehrenbach und ihre Veröffentlichungen unter: www.nachdergeburt.deRegine Gresens (46), Stillbeauftragte des Hamburger Hebammenverbandes ist seit 1987 Hebamme. Sie beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Stillen und Stillberatung. Seit 1996 ist sie Still- und Laktationsberaterin IBCLC. Sie bietet Einzelberatung bei allen Fragen zum Stillen, leitet Stillgruppen und arbeitet gerade an einem Fachbuch für Hebammen zum Umgang mit besonderen Stillsituationen mit. Mehr über Regine Gresens: www.stillkinder.de

Informationen Rund um das Stillen:
http://www.bdl-stillen.de
http://www.stillen.de/

 


 

, , , , , , , , , ,