Angst oder Phobie?

Manchmal kann die Welt ganz schön unheimlich sein. Vor allem kleine Kinder können sich vieles nicht erklären und beginnen sich oft zu fürchten. Aber wie viel Angst ist normal? Und wie können Eltern helfen?

Zweijährige können schon so viel. Sie können alleine gehen, sich sprachlich mitteilen und erforschen immer mehr ihre Umgebung. Doch je selbstständiger sie werden, desto größer werden auch widersprüchliche Gefühle. Mutige kleine Entdecker wirken plötzlich verängstigt, sind sehr scheu und besonders anhänglich.
 
Für Eltern ist es oft nicht leicht nachzuvollziehen, warum ihr Kind auf der einen Seite gern mit einem empörten „Allein“ auf die eigene Unabhängigkeit besteht und dann doch wieder sehr intensiv Schutz und Nähe sucht.
 
Woher kommt die Angst?
 
Mit dem zunehmenden Bewusstsein fangen Kinder auch an, ihr eigenes Handeln in Frage zu stellen. Ist die Treppenstufe zu hoch für mich? Schaffe ich das? Könnte ich hinfallen? Das Kind erlebt sich in einigen Situationen als mut- oder hilflos. Warum verstehen die Eltern nicht, was es sich wünscht? Das was ich mir wünsche, kann ich noch nicht – aber warum ist das so? Dieser Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit kann dazu führen, dass Zweijährige Ängste entwickeln.
Unerklärliches wirkt auf kleine Kinder oft beängstigend. Der Teddy, der plötzlich verschwunden ist, der niedliche flauschig Hund, der die Zähne fletscht oder aber das laute Knallen eines Motorrads. Manche Kinder haben oft noch keine Strategien entwickelt, wie sie auf solche Situationen reagieren sollen und werden ängstlich. Andere scheinen da weniger empfindlich zu sein
 
Tatsächlich gibt es Kinder, die sensibler auf ihre Umwelt reagieren als andere. Dafür gibt es eine Erklärung: durch Beobachtung von Zwillingen konnten Wissenschaftler klar feststellen, das viele Ängste genetisch bedingt sind. Aber nicht nur. Auch das elterliche Verhalten prägt das der Kinder. Neben der genetischen Veranlagung ist das elterliche Verhalten entscheidend die kindliche Psyche. „Mütter von scheuen und ängstlichen Kindern sind selbst wesentlich häufiger unsicher und angsterfüllt als Mütter verhaltensnormaler Kinder“, sagt Prof. Bernhard Blanz von der  Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie  (DGKJP). Darum betont er die Wichtigkeit der familiären Prägung: „Wenn Mütter ihre scheuen Kinder liebevoll und stetig ermutigen, unbekannten Situationen nicht auszuweichen, erwerben sie soziale Kompetenzen, die sich von jenen Gleichaltriger ohne Angst nicht unterscheiden.“
 
Welche Ängste sind normal?
 
Babys im Alter zwischen sechs und neun Monaten fürchten sich vor Fremden, Einjährige haben oft Angst davor, sich von ihren Eltern zu trennen. Und zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr kommt oft noch die „Vernichtungsangst“ hinzu. Denn in diesem Alter fangen Kinder an zu begreifen, dass sie jetzt zwar mehr können und stärker geworden sind, dass es aber auch Stärkere gibt. Das löst Ängste aus. So fürchten sich Zwei- bis Dreijährige oft davor, von einem Auto angefahren zu werden, herunterzufallen oder aber auch mit wachsender Phantasie vor Monstern oder Geistern.
Woran erkenne ich, dass ein Kind Angst hat?
 
„Nicht allein lassen!“ oder „Und wenn keiner mit mir spielen will?“ – Wenn Kinder sich sprachlich ausdrücken können, erzählen sie ihren Eltern oft von ihren Ängsten. Doch nicht immer kann das Kind in Worte fassen, dass es sich fürchtet. Wenn Babys „fremdeln“ zeigen sie dies dadurch, dass sie nicht bei Unbekannten sein wollen, und die Nähe zu gewohnten Erwachsenen deutlich suchen. In der Phase der Trennungsangst weinen Kinder, wenn die Mutter den Raum verlässt oder klammern sich ängstlich an den Vater, der es bei der Tagesmutter abgibt.
 
Kinder mit „Trennungsangst“ haben oft eine lebhafte Phantasie und vermeiden alles, was nicht vertraut ist. Hier ist es wichtig, dass Eltern nachfragen. „Warum soll das Licht beim Einschlafen denn anbleiben?“ oder „Wieso magst du nicht mehr auf das Klo gehen?“ Wenn das Kind überzeugt ist, dass im WC oder unter dem Bett ein Monster wohnt, dann kann man gemeinsam Strategien entwickeln, die Angst zu besiegen. Jutta Bauer lässt ihren Juli beispielsweise in einem Kinderbuch dem Klo-Monster auf den Kopf pinkeln. Danach traute es sich nie wieder, hervorzukommen.
 
Angst gehört zu einer gesunden Entwicklung
 
Angst ist nicht nur ein Gefühl, Angst ist ein angeborener Reflex. Und zwar ein sehr wichtiger, denn er hat eine Warnfunktion: Er soll uns vor Gefahren schützen. Wenn wir in eine beunruhigende Situation kommen, schüttet der Körper verschiedene Hormone aus. Die sorgen dafür, dass das Herz schneller schlägt, der Blutdruck steigt, mehr Sauerstoff eingeatmet wird und die Muskeln sich anspannen. Und das in Sekundenbruchteilen. Das Hirn vergleicht die Bedrohung mit früheren Erlebnissen – und reagiert dann. Angst ermöglicht es tatsächlichm schneller reagieren zu können. Wenn wir gelernt haben, dass eine ähnliche Situation nicht wirklich bedrohlich war, wird die körperliche Reaktion wieder beendet.
 
Ein solches Lernen aus Erfahrungen setzt aber eines voraus: Das Kinder auch wirklich eigene Erfahrungen machen können. Auch wenn es für Eltern schwer auszuhalten ist. Der bekannte Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge formuliert es so: „Es ist wichtig zu begreifen, dass die Angst einen Teil der gesunden Entwicklung ausmacht und dass es im eigentlichen Sinne nicht gesund ist, Kinder angstfrei aufwachsen zu lassen.“ Denn Kinder müssen lernen, die Welt selbst wahrzunehmen um selbst ein Gespür für echte Gefahren und nur vermeintliche, wie etwa das Knallen des Motorrads, zu entwickeln.
 
Angst oder Phobie?
 
Es gibt Kinder, die sich mit allen üblichen Ängsten schwerer tun als andere. Zweijährige, so sehr Angst haben, ihre Eltern zu verlieren, dass sie stundenlang weinen, wenn ihre Mutter nicht das ist. Es gibt Kinder, die plötzlich Einschlafschwierigkeiten haben oder anfangen das Essen zu verweigern. All dies können Zeichen sein, dass es einem Kind nicht gut geht. Trotzdem spricht man hier von Ängsten, denn meist verbirgt sich hinter dem Verhalten eine Verlustangst oder ähnliches.
 
Als Phobie wird eine besonders übermäßig stark ausgeprägte und anhaltende Angst  vor bestimmten Dingen oder Situationen bezeichnet, die oft von panischem Verhalten begleitet wird. Eine Phobie prägt den kompletten Alltag eines Kindes. Ein Kind, das
Angst hat vor einem Rasenmäher, geht weg, wenn es einen sieht. Ein Kind, das eine Phobie entwickelt hat, wird es vermeiden, den Garten zu betreten – denn da könnte der Rasenmäher sein. Auch ein Bild in einem Buch oder eine Erzählung von einem Rasenmäher löst eine heftige Reaktion bei einem phobischen Kind aus.
 
Eine kindliche Phobie kann sich auf ganz unterschiedliche Dinge beziehen, oft auf Tiere, fremde Menschen, laute Geräusche oder Menschenansammlungen.
 
Die Angst des Kindes ernst nehmen
 
Wenn ein Kind Angst hat oder Phobien entwickelt, ist es wichtig, zu sehen, wie es dem Kind geht und einen möglichst engen Kontakt zu suchen. Mit Liebe und Sorgfalt können Eltern versuchen herauszufinden, was genau die Angst eigentlich ist.
 
Wichtig sind Trost und Mitgefühl – auch wenn Furcht ganz unbegründet erscheint. Wer mit sich selbst ehrlich ist, kennt ja auch als Erwachsener irrationale Ängste. Wer Spinnen scheut oder Angst vor Verlusten hat, kann sich vielleicht ausmalen, wie echt die Angst des Kindes ist. Es ist wichtig, dem Kind zu zeigen, dass seine Angst akzeptiert wird.
 
Denn nur so fühlen sich Kinder von Ihren Eltern verstanden. Für den Erziehungsexperten Jan-Uwe Rogge ist besonders wichtig, dass Eltern sich genau überlegen, wie sie mit einem ängstlichen Kind reden. „Der Satz ‚Du musst keine Angst haben’ ist im Prinzip ein ganz furchtbarer Satz für Kinder. Sie fühlen sich alleingelassen in ihrer Art der Weltauffassung. Ein Kind denkt, dass es doch nun einmal Angst hat und man sagt ihm, dass es einfach keine zu haben braucht. Es glaubt, dass irgendetwas doch nicht mit ihm stimmen kann – es sieht nun einmal das fürchterliche Krokodil hinter der Gardine. Für das Kind ist das eine unverrückbare Tatsache.“
 
Denn so ist das Kind gezwungen, seine Wahrnehmung in Frage zu stellen und wenn es diese Erfahrung öfter macht, so traut es sich schließlich gar nicht mehr, über seine Ängste zu sprechen.
 
Wie können Eltern helfen?
 
Wenn Eltern die Ängste ihres Kindes ernst nehmen, können Sie oft mit dem Kind eine Lösung finden. Wenn der Herbstwind zu unheimlich pfeift, kann man natürlich erklären, dass das kein Monster ist. Sondern der Wind, der die Blätter von den Bäumen pustet. Aber das Licht im Flur kann natürlich angeschaltet bleiben, damit das Kind merkt, dass alles gut ist. Wenn ein bisschen Licht Sicherheit geben kann und das Kind sich beruhigt, lernt es, dass keine Gefahr gegeben war.
 
Bei bestimmten Ängsten können auch Kinderbücher eine gute Hilfe sein. Denn sie ermöglichen es, dass das Kind nicht über seine eigenen Ängste, sondern über die von Juli sprechen kann. Wenn Juli sich traut, aufs Klo zu gehen, vielleicht mag ihr Kind das auch tun? Wenn es selbst diesen Vorschlag macht, seiner Angst zu begegnen, dann ermutigen Sie das Kind und loben es, wenn sich einer beängstigenden Situation stellt. Das Kind mag nicht mehr raus gehen, weil dort Gras ist, das gemäht werden könnte? Es schläft kaum, weil es ständig Albträume hat oder ist plötzlich immer scheu und schüchtern? Wenn Ängste allerdings so ausgeprägt sind, dass der Alltag des Kindes davon sehr beeinflusst wird, sollten Eltern Hilfe holen.
 
Der erste Ansprechpartner ist meist der Kinderarzt. Aber auch Erziehungsberatungsstellen können oft helfen und eventuell an einen Kinderpsychologen vermitteln. Angststörungen und Phobien können mit psychotherapeutischen Verfahren sehr erfolgreich behandelt werden.
 
Buchtipp: Jan-Uwe Rogge: Ängste machen Kinder stark. Rowohlt Taschenbuch Verlag, € 9,95
Bild: ©istockphoto

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  • http://Ihreneuewebseite Angie Badelt

    Ehrlich gesagt, gefällt mir die neue Webseite (noch) nicht:
    ich vermisse alle Fragen von Eltern/Müttern/Omas usw – die in der Vergangenheit Fragen stellten und dazu Antowrten bekamen….. Wo sind die jetzt ???

    Kann man keine Fragen mehr stellen ???

    Außerdem: kann man mal auch Fragen an eine Kinderpsychologen stellen ? Leider gibt es zu wenige „draußen“ und man bekommt bei akuten Problemem keine Termine – sind alle überlastet…. Also das wäre doch mal wichtig !!!