Werden Schreibabys schwierige Kinder?

Wissenschaftler haben untersucht, wie sich Babys, die besonders viel weinen entwickeln. Ihr Fazit: Schreibabys werden später häufiger zu Problemkindern. Ist das wirklich so? Was meinen andere Experten und betroffene Mütter?

Jedes Baby schreit. Und manchmal besonders viel, wenn es Zähne bekommt, Koliken hat oder krank ist. Für Eltern und Kind ist das immer eine Belastung. Doch was, wenn das Brüllen mehr als drei Stunden am Tag an mehr als drei Tagen in der Woche zur Regel wird? In solchen Fällen wird von „Schreibabys“ gesprochen.

Selten ist das Phänomen nicht, auch wenn viele Eltern nicht darüber sprechen und hoffen, dass die anstrengende Zeit rasch vorbei geht. Jedes fünfte Baby zeigt im ersten Lebensjahr Symptome von exzessivem Schreien, Schlafschwierigkeiten und Gedeihstörungen aufgrund von Essproblemen.

Forscher wollten nun herausfinden, wie sich solche Verhaltensauffälligkeiten aus der frühen Kindheit auf die langfristige Entwicklung der Kinder auswirken. Ihr Fazit: Babys, die unter den typischen „Schreibaby“-Symptomen leiden, neigen dazu, sich zu Kindern mit einem schwierigen Verhalten zu entwickeln.

Pflegeleichte Babys bleiben unkompliziert

Die Forscher der Warwick University, der Universität von Basel und der Universität Bochum analysierten 22 Studien von 1987 bis 2006, die insgesamt 16.848 Kinder einbezogen. 1.935 dieser Kinder zeigten Probleme im Säuglingsalter. Die Entwicklung der Kinder wurde genau beobachtet um zu sehen, ob diese auch später noch Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS, Angstzustände, Depressionen oder Aggression aufwiesen.

Die Wissenschaftler kamen zum Schluss, dass Babys mit länger andauernden Schreiphasen, Schlaf- oder Essproblemen im ersten Lebensjahr zu 40 Prozent anfälliger waren für spätere Verhaltensstörungen wie aggressives und destruktives Verhalten oder Aufmerksamkeitsdefizite.

Der Bericht, der in dem medizinischen Magazin Archives of Disease in Childhood veröffentlicht wurde, zieht die Schlussfolgerung, dass mehrere frühkindliche Probleme das Risiko von Verhaltensauffälligkeiten erhöhen. Viele der „Problemkinder“ stammten, so die Forscher, aus Familien, die mit zusätzlichen Risikofaktoren wie Komplikationen bei der Geburt, Beziehungs- oder psychosozialen Problemen konfrontiert waren.

Probleme von Babys müssen ernst genommen werden

Prof. Dr. Dieter Wolke, Professor für Psychologie und Forschungsleiter der Warwick University, betont, dass die Probleme von Babys, die zu späteren Auffälligkeiten führen, außerordentlich ernst zu nehmen sind.

Schreibabys haben generell eine vergleichsweise niedrigere Reaktionsschwelle, sind daher auch schneller erregt. Wie Dr. Wolke erläutert, ist es vor allem bedeutend, dass sie wesentlich länger brauchen als andere Babys, um sich wieder in einen „stabilen Verhaltenszustand zurückzuregulieren.“

In den Ergebnissen der Forscher sieht Prof. Wolke den Bedarf, neue Behandlungsansätze für frühkindliche Regulationsstörungen zu entwickeln und zu testen. Denn die genauen Zusammenhänge der Verhaltensauffälligkeiten mit dem frühen Verhalten ist noch nicht geklärt.

Tatsächlich zeigen die Zahlen der Studie auch etwas anderes: Nicht alle auffälligen Babys werden Problemkinder. Denn wenn 40 Prozent dazu neigen, Problemkinder zu werden, bedeutet das auch, dass 60 Prozent der Schreibabys später keine Probleme haben!

Dies deckt sich mit den Erkenntnissen der Säuglingsforscherin Prof. Dr. Mechthild Papousek von der Schreisprechstunde am Kinderzentrum in München. Auch sie geht davon aus, dass bei einigen Babys das anhaltende Schreien und die chronische Unruhe Vorboten für spätere Verhaltens- und Aufmerksamkeitsstörungen sind.

Doch den Babys und ihren Eltern kann geholfen werden. Das zeigt die Arbeit von Schreiambulanzen oder -sprechstunden: Hier liegt die Erfolgsquote bei bis zu 90 Prozent, betont Prof. Mechthild Papousek. In die Sprechstunde für Schreibabys am Kinderzentrum München zum Beispiel haben gestresste Eltern in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 2.500 Kinder im Alter von null bis drei Jahren gebracht; 700 Schicksale wurden wissenschaftlich ausgewertet. „Mit durchschnittlich weniger als vier Terminen konnte annähernd neun von zehn Kindern geholfen werden. 45 Prozent galten als vollständig therapiert, bei weiteren 44 Prozent konnten Regulation und Beziehung deutlich stabilisiert werden“, erläutert Prof. Papousek.

Wie sehen Mütter von betroffenen Kindern solche Studien?

Auch Ina* war Mutter eines Schreibabys. Tom war ein unruhiges Baby, das wenig schlief, sich schnell vom Trinken ablenken und viel weinte. „Das erste Jahr mit Tom war wirklich schlimm“, berichtet Ina. Heute ist er sieben Jahre alt und noch immer ein sehr sensibles Kind. „ Er reagiert sehr schnell auf äußere Reize, kann sich schnell aufregen und ist auch schnell abgelenkt.“

Aber Toms Sensibilität hat auch positive Seiten. „Er reagiert sehr stark auf andere, ist sehr sozial und ganz beliebt bei anderen Kindern.“ Zu den Erkenntnissen der Forscher meint Ina: „Ich finde es gut, dass nach Zusammenhängen geforscht wird. Denn mit Sicherheit kann dann Kindern geholfen werden. Ich denke Tom war einfach immer sehr sensibel und wird das auch bleiben. Eine Störung wird er aber hoffentlich nicht entwickeln.“

Auch Jule, heute 10 Jahre alt, war ein sehr auffälliges Baby. „Sie brüllte die ersten acht Monate mehr oder weniger durch“, erzählt ihre Mutter Nicole. „Wir haben uns verzweifelt an den Kinderarzt, an die Hebamme und an Fachärzte gewandt. Aber keiner konnte erkennen, was los war. Wir landeten dann in der Schreibambulanz. Und dort hat man uns geholfen, unseren Kreislauf zu durchbrechen. Denn unser unruhiges verzweifeltes Kind hatte auch unruhige verzweifelte Eltern. Gemeinsam haben wir einen Plan erarbeitet, mit dem wir mehr Routine und Rhythmus in unser Leben bekamen. Zwei Monate später hörte das Brüllen auf.“

Heute ist Jule ein fröhliches Mädchen mit Ponyfrisur und Pferdefaible. Sie hat weder in der Schule noch in der Familie Schwierigkeiten. Jules Mutter findet die Ergebnisse der Forscher nicht erstaunlich. „Ich bin sicher, dass schwierige Babys, die keine Hilfe bekommen, schwierige Kinder werden. Noch heute bin ich froh, dass wir eine gute Anlaufstellte gefunden haben.“

Bild: © Stacey Griffin für istockphoto.com
*Name von der Redaktion geändert

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