Mamas Angst vorm Scheitern

Frauen machen sich das Leben schwer – vor allem Mütter haben so hohe Ansprüche an sich selbst, dass sie sich unter Dauerdruck stellen. Zu diesem Schluss kommen Studien. Das Traurige: Auch wenn die meisten Frauen ganz gelassen sein wollen, sie sind es meist nicht und machen sich sehr schnell ein Feindbild: andere Mütter.

„Warum kriegen die Deutschen keine Kinder mehr?“ Das war eine der Fragen, die die Forscher vom Rheingold-Institut im Auftrag der Firma Milupa untersuchen sollten. Mehr als 1000 Frauen zwischen 20 und 40 Jahren wurden dazu befragt.

Die Psychologen fragten genau nach und stellten fest: Frauen fühlen sich unter ständigen Perfektionsdruck. Denn auch wenn die meisten von ihnen erklären, sie wollten gelassen sein, so wurde klar, das Frauen damit die eigenen Ansprüche sehr hoch stecken: „Alles soll schön leicht aussehen“, sagt Ines Imdahl vom Rheingold-Institut zur Frankfurter Rundschau. „Das fanden wir relativ schockierend, weil es verdeckt, was die Frauen an Ängsten mit sich herumschleppen.“

Mamas Angst vorm Scheitern (© Thinkstock)

Mamas Angst vorm Scheitern (© Thinkstock)

Es ist nicht wenig, was Frauen fürchten: die Angst, den Partner zu verlieren, Furcht um den Job und die finanzielle Existenz und Sorge, den Kindern auch gerecht werden zu können. Die meisten der befragten Frauen, immerhin 58 Prozent, erklärten, dass Kinder ein Kostenfaktor sind, den man sich leisten können muss. Und 42 Prozent verbinden mit dem Mutterwerden sogar konkrete finanzielle Sorgen und Ängste. Andererseits empfinden 61 Prozent der Mütter ihre Kinder als Kostbarkeit – und zwar als eine Art Rohdiamant, der noch geschliffen werden muss.

Eine Mutter wird geboren – die Frau stirbt?

Die Psychologen konnten in ihren Interviews zwei zentrale Punkte herausarbeiten, die Frauen das Leben besonders schwer machen. Der erste ist das eigene Selbstverständnis: Frauen haben kein klares Bild davon, wie sie sein möchten. Sie fühlen sich hin- und hergerissen zwischen behütender Supermama und selbstbestimmter Erfolgsfrau. Der Wechsel von der Frau zur Mutter fällt ihnen schwer und sie verhalten sich wie multiple Persönlichkeiten. „Sie tun im Job so, als wäre alles wie vorher, haben aber gleichzeitig im Kopf, sich für das Kind komplett aufopfern zu müssen.“ Im Ergebnis sind die Frauen meist unzufrieden mit dem, was sie gerade machen. Mütter, die zu Hause bleiben, bedauern ihr vermeintliches berufliches Versagen – und die Berufstätigen fühlen sich als Rabenmütter, die zu wenig für ihre Kinder da sind.

Mütter und die Furcht vor dem Versagen

Mütter und die Furcht vor dem Versagen (© Thinkstock)

Auch der zweite Punkt hat mit dem Selbstbild zu tun. Mütter fühlen sich für das Handeln und die Entwicklung ihrer Kinder verantwortlich. Wutbündel oder aggressive Sandkistenrocker werfen in diesem Konzept natürlich ein sehr negatives Bild auf die Erziehenden. „Die Mütter stellen sich vor, sie hätten es in der Hand, die Kinder zu formen.“ Und so fühlen sich die Mütter unter Druck, wenn das Kind in der Schule versagt, nicht genug Freunde hat oder zu ruhig, zu wild oder zu auffällig ist. Klarer Anspruch, den die meisten Frauen angeben: ideale Mütter sind gelassen. Denn dann sind dies auch die Kinder. Doch die Studie zeigt: zwar finden 78 Prozent der befragten Frauen Gelassenheit beim Thema Kinderkriegen und Kinderhaben besonders wichtig, doch nur zwei von fünf Müttern fühlen sich auch wirklich entspannt. Es klafft eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Interessant ist auch die Konkurrenz unter den Müttern. Die heutige Generation Mütter verteidigt ihre gewählte Mutterrolle vehement und hat sogar regelrechte Feindbilder aufgebaut. Die traditionelle Mutti vom Lande mit Perfektionszwängen gegen die junge spontane Großstadt-Mom, und die toughe Businessfrau gegen die rotbackige Vollmutti. Hippe Großstadtfrauen gegen gemütliche Landfrauen. Die Anderen werden verurteilt, um das eigene Bild aufrecht erhalten zu können. Doch in Wahrheit ist die Zufriedenheit mit der eigenen Rolle nur Fassade – die meisten Frauen leiden im Inneren darunter, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen.

Und die Väter?

Die meisten Frauen geben an, dass Ihr Partner sie unterstützt. Trotzdem fühlen sich 61 Prozent der befragten als Haupverantwortliche für die Kinder. „Sie haben unterm Strich nicht das Gefühl, sich fallenlassen und zeigen zu können, wenn sie an ihre Grenzen stoßen,“ so Imdahl.

Jede zweite Frau gesteht ehrlich ein, dass die Partnerschaft nicht unbelastet ist. Gut 50 Prozent der befragten Mütter geben an, dass das Kind in der Beziehung im Mittelpunkt stehe und die Partnerschaft in den Hintergrund rücke.

Warum fühlen wir uns so fremdbestimmt?

Die Zwiespältigkeit vieler Frauen zeigt sich auch bei der Eingangsfrage der Studie. Wieso bekommen viele Frauen keine Kinder? Zunächst reagierten alle Befragten – auch die ohne eigenen Nachwuchs – gelassen auf die Frage. Aber schon bei der Frage, ob sie überhaupt Mutter werden wollen, kommen sie ins Grübeln. Sie haben Angst vor dem Unbekannten, möchten sich von ihrer Umwelt nicht nur als Mutter gesehen werden, und haben existenzielle finanzielle Sorgen.

Viele Frauen fragen sich auch, wann der richtige Zeitpunkt zum Mutter werden ist und fühlen sich von gesellschaftlichen Zwängen beeinflusst. Denn perfekte Frauen sollten auch perfekte Mütter sein, oder? Dieser hohen Hürde fühlen sich viele Frauen nicht gewachsen.

Frauen und die Furcht vor dem Versagen

Das ist sicher auch der Grund, dass die Studie „Mütter in Angst“ benannt wurde. Denn die deutschen Frauen fürchten sich davor, ihren hehren Ansprüchen nicht zu genügen – dass die Partnerschaft zerbricht, das Kind kein Abitur macht und sie eben kein eigenes Haus finanzieren können. Wie hoch der gesellschaftliche Anspruch ist, zeigt allein der Begriff „Familienmanagerin“. Alles im Griff sollen Mütter haben. Sie sind angeblich Meisterinnen des Multi-Taskings – doch gemeinsam mit den Industrie-Managern ist den Müttern meist der Burn-Out.

Aber es gibt auch Positives: Wenn die Kinder älter werden, arrangieren sich die meisten Mütter mit ihrer Situation und fühlen sich tatsächlich entspannter. Sie jagen ihrem Idealbild nicht mehr so nach und stellen fest, dass sie Frauen und Mütter sein können. Dass dies eben kein Widerspruch sein muss. Sicher mag dies auch daran liegen, dass ältere Kinder auch mehr Freiraum für Mütter möglich machen.

Insgesamt möchten nur die wenigsten Frauen ausdrücklich auf eigene Kinder verzichten. Denn 83 Prozent der befragten Frauen erklären, dass das Muttersein „wunderschön“ oder aber „bereichernd“ (76 Prozent) sei. Von der Gesellschaft wünschen sich die Befragten mehr Kinderbetreuung, besseren Wiedereinstiegsmöglichkeiten in den Job und vor allem: sich vom Ideal der perfekten Supermama verabschieden zu können. „Frauen wollen wieder das Gefühl bekommen: ‚Mütter und Kinder, ihr seid willkommen’“, so das Fazit der Studie.

Doch wer ist eigentlich „die Gesellschaft“ – die das Bild der Mütter wieder gerade rücken soll? Wie können wir Frauen lernen, realistische Ansprüche an uns zu stellen und uns nicht gegenseitig in einem Zickenkrieg lahm zu legen? Darauf kann die Studie keine Antwort geben. Wer hat eine? Wir freuen uns über Kommentare…

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  • Sylvia

    DAS haben nur wir Frauen in der Hand.
    Wir sind Diejenigen, die ihr „Bild“ Hausfrau und Mutter, als wertlos abstempeln.
    Sprüche wie „der härteste Job“ oder „24 Stunden Tag“ werden belächelt weil wir es selbst nicht glauben und zeigen.
    Und weil die Denkweise noch im 18. Jahrhundert hängt.