Eine schwere Geburt verarbeiten

Egal, was Sie sich ausmalen – kaum eine Geburt verläuft so, wie man sich das vorher vorgestellt hat. Manche Geburten allerdings sind besonders schwierig. Welche Folgen kann das für Mütter haben und wie können die Erlebnisse verarbeitet werden? Die Autorin und Hebamme Viresha J. Bloemeke erklärt, dass Heilung möglich ist.

In vielen Bereichen des Lebens ist eine gute gründliche Planung die Garantie für ein perfektes und erfolgreiches Gelingen. Doch so sehr Schwangere auch versuchen, ihre Traumgeburt vorzubereiten, Kurse besuchen, die beste Klinik aussuchen oder eine Hausgeburt wünschen – keine Geburt verläuft so wie vorgestellt. Am Tag der Geburt wird eine Gebärende immer mehr Kontrolle abgeben müssen, eine Urkraft beginnt zu wirken, die die Grenzen gewaltig erweitert.

Alles ist unbekannt: die Situation, der Zeitpunkt, zu dem die Geburt beginnt, die Kraft der Wehen, der Geburtsverlauf, das geburtshilfliche Team. Auch bei einer unproblematischen Schwangerschaft kann es schwere Geburten geben. Nach dem Höhenflüg der vorgestellten Traumgeburt ist dann der Sturz besonders tief.

Eine schwere Geburt verarbeiten (© Thinkstock)

Eine schwere Geburt kann ein traumatisches Erlebnis sein (© Thinkstock)

Maria hatte eine wunderbare Schwangerschaft, sie wollte in einem Geburtshaus entbinden, weil sie die kuschelige Atmosphäre so ansprechend fand. „Erst wollte ich eine Hausgeburt haben, aber auf jeden Fall eine wohnliche private Umgebung. Mir war es auch wichtig, die Hebamme zu kennen.“ Marias Gynäkologe riet ihr dringend ab. Denn ihre Tochter war groß und er fürchtete eine schwere Geburt. Er sollte Recht behalten. „Ich kann gar nicht mehr sagen, wieviele Stunden die Geburt gedauert hat. Die Geburt begann mit einem Blasensprung, die Wehen waren lange zu schwach und der Muttermund nicht geöffnet genug“, berichtet Maria. „Irgendwann waren die Herztöne weg, dann kam der Wehentropf und trotzdem ging nichts mehr. Trotz der ganzen Mühe und den vielen Schmerzen wurde dann ein Notkaiserschnitt gemacht.“

Maria hatte in der ersten Zeit mit dem Baby etliche Schwierigkeiten, war oft traurig und fühlt sich wie gelähmt. Erst in der zweiten Schwangerschaft wurde ihr wirklich klar, was ihr Problem war. „Ich habe wahnsinnige Angst vor einer weiteren Geburt gehabt. Mein Glück war, dass meine Ärztin mich an eine gute Therapeutin weitergeleitet hat, sonst bin ich nicht sicher, wie ich das verkraftet hätte.“

Eine traumatische Geburt?

Von einem psychischem Trauma spricht man, wenn jemand mit einem bedrohlichen Ereignis konfrontiert war, auf das er mit Entsetzten reagiert hat. Unmittelbar reagieren Betroffene mit Schock, später sind sie oft depressiv oder unkonzentriert. Sehr oft sind traumatisierte Menschen für die Gefühle anderer sehr wachsam, ihren eigenen Körper und seine Bedürfnisse können sie aber kaum noch wahrnehmen. Hebamme Viresha J. Bloemeke erklärt das so: „Mir gefällt das Bild der Fühler einer kleinen Schnecke, die sich bei leichter Berührung nach innen ziehen, sich aber auch gleich wieder hinauswagen. Haben Sie als Kind mal eine Schnecke angestupst? Dann bleibt die Schnecke lange Zeit weit in ihrem Haus eingerollt. In diesem Zustand ist für die Schnecke nicht viel möglich, aber ist geschützt vor weiterem Ärger.“

Dieser zusammengepresste Zustand, das Zurückziehen, bleibt auch dann, wenn die Gefahr vorbei ist. Angst vor einem neuen Trauma, eben einer weiteren Geburt, kann dazu führen, dass ein Konflikt bleibt.

Eine schwere Geburt kann ein traumatisches Erlebnis sein

Der Verlust eines Kindes, eine Behinderung, aber auch eine komplizierte Geburt, die einen medizinischen Eingriff nötig machte, sind immer belastend. Für viele Frauen ist vor allem aber auch die Begleitung bei der Geburt sehr wichtig! Wenn sie sich völlig hilflos ausgeliefert gefühlt haben, das Gefühl hatten, kein Mitspracherecht zu haben, sich allein gelassen oder entmündigt fühlten, dann ist die Belastung besonders hoch. Das bestätigt auch die erfahrene Hebamme. „Ich finde es auf Grund der Geburtsberichte, die ich immer wieder höre, erschreckend, zu erkennen, welche Macht wir Geburtshelfer haben! Wie gravierend Sätze und Szenen in der Erinnerung bleiben!“

Viresha J. Bloemeke hat viele Frauen nach einer schweren Geburt begleitet. Viele dieser Mütter haben Schwierigkeiten beim Stillen, können sich eine Traurigkeit nicht erklären, leiden an Wochenbettdepressionen oder habe massive Ängste vor einer weiteren Schwangerschaft, die ihre Sexualität und ihre Körperwahrnehmung stören. „Damit eine verletzende Erfahrung nicht zu chronischen Beschwerden führt, ist es besser, sie so früh zu verarbeiten, wie es Ihnen möglich ist“, rät die Hebamme.

Was nun, was tun? Wege zur Trauma-Heilung

Solidarität und Beistand von vertrauten Personen für die Verarbeitung des schwierigen Geburtserlebnisses sind besonders wichtig. Immer und immer wieder von den Ängsten sprechen zu können ist ein Teil der Heilung. „Trost von einem liebevollem Menschen ist die beste Medizin, auch ohne Worte“, so Viresha Bloemke.

Unterstützung kann eine Hebamme oder eine Therapeutin geben. In Ihrem Buch: „ Es war eine schwere Geburt. Wie traumatische Erfahrungen verarbeitet werden können“ zeigt die Hebamme aus Hamburg viele Wege zu einer Heilungs-Reise. Die Wanderin sollte sich zunächst über ihre Motivation und ihr Ziel Gedanken machen. Ist das Ziel beispielsweise, sich selbst wieder besser zu spüren? Heilung für die Seele zu finden?

Als „Wandergepäck“ schultert die Reisende unter anderem ihre Vorgeschichte und ihr traumatisches Erlebnis. Die Reise kann allein oder mit Reisebegleitern (Fachleuten) angetreten werden. Einige Frauenn brauchen eine sehr enge Begeitung, anderen genügt es, die Begleiter nur phasenweise bei sich zu haben. Dies sind dann Gespräche, kombiniert mit Selbsthilfe.

Es gibt Möglichkeiten, jede Menge Wege, die in Selbsthilfe zum Ziel führen können. Viresha Bloemke hat viele gesammet. Bewegungsübungen, wie Tanzen oder Laufen, Fantasiereisen, Schreiben und Malen, Massagen oder Rituale helfen bei der Verarbeitung.

Es kann hilfreich sein, die Wut herauszubrüllen, Kissen zu treten oder einem Tanz zu verarbeiten. Auch ein Brief an die Geburtshelfer oder an das Kind kann ein guter Weg sein. Oder eine künstlerische Collage?

Trost von einem liebevollem Menschen ist die beste Medizin (© Thinkstock)

Trost von einem liebevollem Menschen ist die beste Medizin (© Thinkstock)

Wenn die Wanderung vorbei ist und das Ziel in Sicht ist, kann es helfen, ein gemaltes Bild dem Feuer zu übergeben. Oder ist vielleicht ist auch ein Überlebensfest das Richtige? Einen Ehrentag mit Freunden oder allein, mit köstlichen Speisen, Lieblingsblumen und Geschenken? Weil der Lebenswille gerettet wurde und nun Stärkung braucht?

Für manche Frauen ist es eine lange Reise. Auf jeden Fall tut es aber gut, das Schneckenhaus zu verlassen und sich den Ängsten zu stellen. Ein Rat von Viresha J. Bloemeke an betroffene Frauen: „Gehen Sie behutsam mit sich um, bauen Sie regelmäßig Wohltuendes in Ihren Tagesrhythmus ein. Vertrauen und Hoffnung wird wieder einen Platz in Ihrem Leben bekommen, denn Heilung ist möglich.“

Viresha J. Bloemeke, geb. 1951, ist Hebamme mit langjähriger Erfahrung in Wochenbettbegleitung. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeitet als Körper- und Traumatherapeutin in eigener Praxis in Hamburg.www.viva-wandelzeiten.de
Buchtipp: Viresha J. Bloemeke: “Es war eine schwere Geburt…” Wie traumatische Erfahrungen verarbeitet werden können. Kösel Verlag, 180 Seiten, 2. Aufl. 2010, ISBN: 978-3-466-34467-3, € 17,99Das Buch schildert psychologische Hintergründe und zeigt sehr viele konkrete Möglichkeiten zur Selbsthilfe. Im Anhang ist auch eine umfangreiche Adressenliste von Fachleuten und Selbsthilfegruppen.

Bild unten: © Viresha J. Bloemeke

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