Schlaflose Nächte?

Schlafentzug? Das ist nicht ohne Grund eine Foltermethode. Doch wie überstehen Babyeltern Nächte mit nur drei Stunden Schlaf? Eine Stillberaterin, eine Psychologin und ein Schlafforscher beantworten drei Fragen – und eine Mutter kommentiert…

Die StillberaterinAntje Kräuter, Stillberaterin und Stillgruppen-Leiterin bei der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen Bundesverband e.V. (AFS) berät seit über 17 Jahren Eltern insbesondere auch zum Thema Schreibaby:

liliput-lounge: Babys wachen nachts häufig auf – für stillende Mütter bedeutet dies, dass sie oft nur drei Stunden am Stück schlafen. Welche Auswirkungen kann so ein Schlafmangel haben?
Antje Kräuter:
Ein solcher Schlafmangel muss nicht sein und ist von der Natur auch nicht vorgesehen. Wenn Babys gestillt werden und mit ihren Eltern auch in einem Bett schlafen, dann passen sich die Schlafphasen von Mutter und Kind – und oft auch vom Vater an. Das bedeutet auch, dass die Mutter tatsächlich einen hohen Anteil an wichtigem REM-Schlaf hat.

Auch durch das Milchbildungshormon, in ihrem Blut und in der Muttermilch, können Mutter und Kind schnell wieder einschlafen. Beide fallen auch gleichzeitig in eine Tiefschlafphase, in der sie sich nicht bewegen. Daher kann eine gesunde stillende Mutter, wenn sie keine Medikamente nimmt oder Alkohol trinkt, sich auch nicht auf das Baby legen. Wenn ein Baby also direkt bei der Mutter schlafen kann und in der Nacht so oft gestillt wird, wie es möchte, dann sind Mutter und Kind ausgeschlafen.

Junge Väter stillen ja nicht, aber auch sie wachen häufig auf und müssen am nächsten Tag im Job gute Leistungen bringen. Ist das überhaupt möglich?
Antje Kräuter: Da Babys nicht allein schlafen können und manchmal trotz Stillen und Familienbett, zum Beispiel bei Infekten oder in der Zahnzeit unruhig sein können, empfiehlt es sich, es zeitweise so wie in Japan zu machen: Der Vater schläft in einem anderen Zimmer, das Baby bei der Mutter. Dann schläft das Kind auch ruhig, wenn es bei Mama sein darf. Und auch der Vater kann gut schlafen.

Was raten Sie Eltern, die unter akutem Schlafmangel leiden?
Antje Kräuter: Wenn sich Mütter trotzdem müde fühlen, sollten sie immer dann schlafen, wenn das Baby schläft. Sie sollten ihr Kind nicht in einen Rhythmus pressen, denn das führt zu einem Ungleichgewicht zwischen seinen Bedürfnissen und der verzögerten Erfüllung, was das Baby unglücklich macht und vor allem immer unruhiger werden lässt! Die Mutter hat am Ende mehr Ruhe, wenn sie sich nach den angeborenen Signalen des Kindes richtet. Das Kind verändert in seinem Entwicklungsrhythmus seine Anforderungen an seine Betreuungsumwelt, immer genau entsprechend seiner Bedürfnisse.

So will es bei heißem Wetter häufiger an die Brust, die dadurch dünnere und durstlöschendere Milch produziert. Diese von der Natur aus gegebenen wunderbaren Einrichtungen darf man mit dem Verstand nicht stören, indem man sich schädliche Theorien ausdenkt, wie beispielsweise, dass das Baby erst schlafen lernen muss. Denn das kann es eigentlich schon. Ein Baby möchte nicht allein sein, häufiges Aufwachen kann dies signalisieren, wenn es dann sofort Anwesenheit spürt, geht es ihm gut.

Der SchlafexperteProf. Dr. Jürgen Zulley, Diplompsychologe und Professor für Biologische Psychologie. Seit über 35 Jahren ist er in der Schlafforschung tätig und hat viele Bücher zu diesem Thema veröffentlicht. Der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Psychiatrischen Universitätsklinik Regensburg wird Ende November in den Ruhestand gehen. Auch ihm stellten wir die drei Fragen:

Babys wachen nachts häufig auf – für stillende Mütter bedeutet dies, dass sie oft nur drei Stunden im Stück schlafen. Welche Auswirkungen kann so ein Schlafmangel haben?
Prof. Dr. Jürgen Zulley:
Der Schlaf der Neugeborenen unterscheidet sich von dem Erwachsener. Der Schlafbedarf deutlich größer und die Schlafstruktur zeigt ein anderes Muster. Vor allem aber schlafen die Kleinen noch nicht regelmäßig in der Nacht. Die tägliche Schlafdauer eines Neugeborenen beträgt 16 Stunden, manchmal sogar mehr. Die Verteilung von Schlafen und Wachen über Tag und Nacht ist völlig unregelmäßig. Kinder müssen schlafen erst “lernen” und zwar in dem Sinne, dass die Nacht zum Schlafen da ist und der Tag zum Wachen.

Für viele Eltern ist das eine echte Herausforderung  – mit der sie aber erstaunlicherweise oft sehr gut zu rechtkommen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es beim Schlaf nicht die Dauer, sondern auf die Qualität entscheidend ist. Wird der Tiefschlaf phasenweise erreicht, ist die Beeinträchtigung nicht so sehr ausgeprägt und dies scheint bei vielen Müttern der Fall zu sein. Wird der erholsame Tiefschlaf allerdings selten erreicht, kann dies auf Dauer schon eine Belastung werden, aus der sich auch Schlafstörung entwickeln kann.

Junge Väter stillen ja nicht, aber auch sie wachen häufig auf und müssen am nächsten Tag im Job gute Leistungen bringen. Ist das überhaupt möglich?
Prof. Dr. Jürgen Zulley: Hier kann es helfen, wenn sich die Eltern abwechseln. So, dass beide ausreichend schlafen können. Wenn Schlaf nicht möglich ist, sollte man zumindest Ruhephasen schaffen, um neue Energie zu schöpfen. Und dies auch bei der Arbeit. Erwachsene Menschen haben einen neunzig Minuten Rhythmus. Das heißt, nach neunzig Minuten Arbeit sollte man sich fünf Minuten Pause gönnen, mittags etwas länger. Ideal wäre es, wenn Mittagsschlaf möglich wäre.

Was raten Sie Eltern, die unter akutem Schlafmangel leiden?
Prof. Dr. Jürgen Zulley:
Möglichst selbst viel Ruhepausen machen, sich selbst auch tagsüber hinlegen, wenn das Baby schlummert. Die erste Zeit mit einem Baby ist eine enorme Energieleistung. Eine Zeit lang ist es auch möglich, mit wenig Schlaf auszukommen. Wenn das Kind irgendwann jedoch schläft, die Eltern aber immer noch Schlafprobleme haben, dann helfen zunächst generelle Tipps zur Schlafhygiene wie das einhalten eines geregelten Tagesablaufes, regelmäßige körperliche Bewegung und eine angenehme Schlafatmosphäre im Schlafzimmer. Bleiben Schlafstörungen, so sollte man sich Rat suchen. Der Hausarzt, ein Facharzt oder auch ein Schlaflabor können Hilfe bieten.

 

Die Psychologin 

Felicitas Heyne, Dipl. Psychologin, Mitglied des Bundesverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)  und Autorin. Sie ist auch systemische Einzel-, Paar-, und Familientherapeutin und  (DGSF) beantwortete die drei liliput-lounge Fragen ebenfalls:

Babys wachen nachts häufig auf – für stillende Mütter bedeutet dies, dass sie oft nur drei Stunden im Stück schlafen. Welche Auswirkungen kann so ein Schlafmangel haben?
Felicitas Heyne: Im Grunde dieselben, die Schlafmangel auf jeden Erwachsenen hat: wir sind tagsüber müde, unkonzentriert, fehleranfälliger und weniger belastbar. Wer unausgeschlafen ist, reagiert schneller gereizt und aggressiv – das bekommt dann nicht selten vor allem der Partner zu spüren; manchmal leider auch das Baby selbst. Bei manchen jungen Mütter schlägt die Erschöpfung statt in Aggressivität allerdings eher in Depression um: sie fühlen sich unglücklich und brechen leichter als sonst in Tränen aus.

Junge Väter stillen ja nicht, aber auch sie wachen häufig auf und müssen am nächsten Tag im Job gute Leistungen bringen. Ist das überhaupt möglich?
Felicitas Heyne: Erfahrungsgemäß ist das oft sehr schwierig. Leider können sie ja auch heute noch meist nur wenig Verständnis seitens ihres Chefs und der Kollegen erwarten: Die Aufgaben sind da und müssen in gewohnter Qualität erledigt werden, egal, ob mit drei oder acht Stunden Schlaf. Junge Väter überfordern sich da oft auch selbst, wenn sie zu viel von sich verlangen. Die veränderten Rollenbilder fordern hier eindeutig ihren Tribut von den heutigen Männern.

Was raten Sie Eltern, die unter akutem Schlafmangel leiden?
Felicitas Heyne: Nutzen Sie jede Minute tagsüber, in der das Baby schläft, um ein bisschen Schlaf nachzuholen oder sich wenigstens zur Erholung kurz hinzulegen! Viele machen den Fehler, diese „Schlaffenster“ stattdessen für Hausarbeit oder andere Erledigungen zu nutzen, statt sich selbst eine Pause zu gönnen.

Beide Elternteile sollten sich immer wieder bewusst machen, dass sie sich gerade in einer der wahrscheinlich anstrengendsten und herausforderndsten Phase ihres Lebens befinden. Es ist wichtig, sich gezielt auf die positiven Aspekte dieser Zeit zu konzentrieren. Ist es nicht wunderbar, dass Ihr Baby endlich da ist und Sie jeden Tag mit etwas Neuem überrascht – sei es das erste schiefe Lächeln oder das erste Mal, an dem es das Köpfchen selber hebt? Genießen Sie diese Zeit bewusst, die schönen Momente wie gemeinsames Kuscheln im Bett, Spaß beim Baden oder die ersten Spielversuche. Das wird Sie für die Anstrengungen mehr als entschädigen.

Wichtig und erlaubt ist auch, Unterstützung von außen zu holen! Wenn die Großmutter mit dem Wagen spazieren fährt, können die Eltern auch am Wochenende einmal ausschlafen – das tut allen gut.

Machen Sie sich immer wieder klar, dass das Kind Sie mit seinem Verhalten nicht reizen oder bewusst fordern will. Überfordern Sie weder sich noch ihr Kind mit Aktivitäten und Reizen. Gestalten Sie den Tagesablauf mit so wenig Terminen und so flexibel wie möglich. Eine gelassene Mutter ist viel wichtiger für Ihr Kind! Und Kind, das nicht zu viel Erlebtes verarbeiten muss, schläft meist ruhiger.

Die MutterSimone (42) hat zwei Töchter: Franziska (5) und Helena (vier Monate). Zur Zeit ist sie in Elternzeit. Was meint sie als Betroffene zu den Antworten der Experten?

Sie haben die Erklärungen und Tipps der Experten zum Thema Schlafmangel gelesen. Wie beurteilen Sie die?
Simone: Mit demThema Schlafmangel kenne ich mich aus. Daher fand ich es wirklich sehr interessant, was die Experten sagen.

Frau Kräuter kann ich nicht immer zustimmen. Ehrlich gesagt glaube ich schon, dass die Natur vorgesehen hat, dass Mütter wenig schlafen. Dafür übt man ja schon in der Schwangerschaft, denn auch in den letzten Wochen vor der Geburt ist es ja kaum möglich lange zu schlafen. Generell stimmt es schon, dass ich schneller wieder einschlafe. Ob das am Stillen liegt? Oder daran, dass ich einfach erschöpft bin – keine Ahnung. Vom Gefühl her würde ich das mit dem Tiefschlaf nicht unbedingt unterschreiben, denn ich finde, dass ich zur Zeit sehr leicht schlafe. Ich wache sehr schnell auch durch kleinste Geräusche auf.

Die Idee mit dem Familienbett ist sicher gut, aber auch nicht für jedes Baby. Beim ersten Kind war das für uns die optimale Lösung. Das Zweite ist aber nachts sehr unruhig und lässt sich schnell stören. Sie schläft deutlich ruhiger, wenn sie im eigenen Bett – bei uns im Zimmer – schläft. Ich glaube daher einfach, dass es vom Kind abhängt, wie der Schlaf sich gestaltet. Dass man auf den Rhythmus des Kindes achten sollte und die Tage strukturieren sollte, finde ich gut.

Die Erklärungen von Herrn Prof. Zulley fand ich alle sehr stimmig. Meine Kleine hatte den Unterschied zwischen Tag und Nacht schnell begriffen. Ihre Schwester war damals anders. Dass ein Mittagschlaf wirklich Power bringt, kann ich auch bestätigen.

Und tja, dass Eltern sich abwechseln ist wirklich eine gute Idee. Auch das hat beim ersten Kind gut geklappt. Beim zweiten leider gar nicht, denn Helena lässt sich vom Papa kaum beruhigen. Also auch hier kommt es auf das Kind an. Und oft ist es ja nun auch einmal so, dass die Mutter zu Hause ist und sich tagsüber eher ausruhen kann – das können die Väter nun einmal nicht leisten. Die sind schon oft reichlich belastet.

Als Eltern von zwei Kindern wachen wir einfach häufig auf – die Kleine wacht oft alle zwei Stunden auf, nicht nur vor Hunger und auch die Große muss mal auf Klo, träumt unruhig oder kullert aus dem Bett. Oft bin ich natürlich auch selbst Schuld, dass ich zu wenig schlafe. Ich möchte mich aber eben auch abends mal in Ruhe mit meinem Mann unterhalten oder einfach einen Moment Zeit ohne Kinder und ohne Haushalt für mich haben. Meist gehe ich erst gegen 23 Uhr ins Bett und werde dann nach spätestens zwei Stunden wieder geweckt.

Frau Heyne beschreibt die Folgen des Schlafmangels schon gut. Zumindest auf mich trifft es leider zu, dass ich oft vergesslich und unkonzentriert bin. Beinahe hätte ich neulich einen Autounfall gebaut. Vor allem aber merke ich, dass ich schneller gereizt und ungeduldig bin. Manchmal reagiere ich gerade meiner Großen gegenüber genervt und das tut mir dann wirklich Leid.

Als Mutter von zwei Kindern kann ich mich eben leider nicht so oft hinlegen, denn ich muss ja auch in den Kindergarten fahren, mit beiden spielen und denn Haushalt organisieren. Beim zweiten Kind ist man zwar gelassener, hat aber eben auch einfach mehr, um das man sich kümmern muss. Meine Kleine ist immerhin ein Actionkind. Sie findet Tage ohne Programm sogar eher langweilig und liebt es, wenn sie mit beim Kinderturnen ihrer Schwester ist und reichlich gucken kann. Also ein paar Reize lieben einige Kinder schon – ist sicher auch Typ abhängig.

Insgesamt geht es mir so, dass ich wirklich glücklich über meine beiden Töchter bin und sie nicht einen Moment missen möchte. Mitten in der Geburt, als die Wehen wirklich schlimm waren, sagte die Hebamme: „Sie wollten das doch so.“ Und genau das stimmt. Wir wollten unsere Wunschkinder und diese Zeit, in der Schlaf Mangelware ist, wird sicher schnell vorbei gehen. Jedes Kinderlachen ist Belohnung genug für kurze Nächte.

 

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  • Pierre

    Was sagen denn die Experten in unserem Fall? Unsere Tochter ist mittlerweile 4 Monate alt und kann seitdem Sie 2 Wochen auf der Welt ist noch immer nicht:

    – alleine Einschlafen
    – nimmt keinen Schnuller
    – nimmt auch keine Flasche
    – Abends einschlafen geht nur an der Brust und dauert im Schnitt über 1 Stunde…
    Wenn sie dann mal schläft kommt sie ca. Stündlich und will an die Brust. Dazu kommt noch das Sie wie wild zappelt beim Einschlafen. Beim Schlafen an sich ist sie sehr unruhig (Alles nur bei Mutti). Schlafen tagsüber bei Mutti geht nicht länger als 20 Minuten und nur an der Brust. Die schlimmsten Tage waren die als sie nur geschrien hat und das meist 5 Stunden lang. Nach 3 1/2 Monaten haben jetzt wenigstens die Schreiattacken aufgehört.

    Wir sind Nichtraucher, trinken keinen Alkohol oder Kaffee und ähnliches was über die Muttermilch geht. Sind 24 Stunden für unsere Tochter da und haben mittlerweile Falten und sind 100 Jahre älter geworden aber helfen konnte uns niemand bisher…

    Kann uns einer der Experten sagen was wir machen können… (Ausser die Dinge die alle anderen auch schon probiert haben) ???

    • Christian Schulz

      Hallo Pierre,
      bitte entschuldigen Sie die späte Antwort. Ich kann ihren Fall aufgrund unserer eigenen Erfahrungen gut nachfühlen. Zunächst mal – es geht nicht nur ihnen so und auch wenn die ersten Monate sehr anstrengend waren – es wird besser. Es gibt leider auch keine Geheimtipps, aber Elternberatungsstellen mit Spezialisierung auf “Schreikinder” oder “Schreiambulanzen”, die auch bei Schlafproblemen weiterhelfen und Rat geben können. Eine Übersicht finden Sie hier: http://www.trostreich.de/Service/Adressen/adressen.html und hier http://www.schreibaby.de/adressen-fuer-eltern-von-schreibabys/
      Noch ein persönlicher Tipp – was bei uns beim Einschlafen geholfen hat, war eine Hängematte und beruhigende, eintönige Geräusche zum Einschlafen, z.B. ein Fön. Viele Grüße und alles Gute!
      Ch. Schulz / Liliput-Lounge

    • Angelika

      Uns ging es genau so. Nun ist sie knapp 8 Monate alt und schläft JEDE Nacht durch. Wir probierten auf Tipp von Freunden den AROLLA Babypolster aus. Der ist ganz flach und mit Zirbenflocken gefüllt. Zusätzlich haben wir immer so für eine Stunde stark verdünntes Arolla Zirbenöl in eine Duftlampe gegeben. Die Zirbe beruhigt die Babys und lässt sie rascher einschlafen sowie ruhiger durchschlafen. Ich würde ihn nicht mehr hergeben. Sogar auf Urlaub kommt der Polster mit. Hoffe es geht euch schon besser mit eurer Zuckermaus! Liebe Grüße!