Schlafen im Familienbett?

Gemeinsam mit dem Baby im Bett schlafen? Darüber sind sich Experten uneinig. Stillberaterinnen und Hebammen raten dazu, Kinderärzte warnen eher. Welche Lösung ist denn nun die beste?

Wenn die Dreijährige nachts aufwacht, darf sie sich natürlich zu Mama und Papa ins Bett kuscheln. Die elterliche Nähe gibt Nähe und Geborgenheit. Und Säuglinge? Auch die lieben es, ganz dicht bei ihren Eltern zu schlafen. „Je mehr ein Kind spürt, dass eine vertraute Person in der Nähe ist, umso geborgener und beschützter wird es sich fühlen,“ erklärt die Hebamme und Fachautorin Birgit Laue.

Allein im Kinderzimmer schlafen nur wenige Babys

Die wenigsten Eltern lassen ihre neugeborenes Kind heute noch allein im Kinderzimmer schlafen. Denn die Nähe gibt nicht nur Geborgenheit, sie ist auch praktisch. Immerhin wachen kleine Menschen in den ersten Lebensmonaten häufig auf und möchten gestillt oder gefüttert werden. Sind die Eltern in unmittelbarer Nähe, kann das Füttern im Halbschlaf stattfinden und der Schlaf schnell fortgesetzt werden.

Schlafen im Familienbett (© Thinkstock)

Schlafen im Familienbett (© Thinkstock)

Die Vorstellung, dass ein winziger Mensch, der bisher noch ganz eng mit der Mutter verbunden war, gleich nach der Geburt allein schlafen muss, erscheint heutigen Eltern befremdlich. Doch lange Jahre galt es als normal, dass Säuglinge zunächst im Säuglingszimmer der Geburtsklinik schliefen und später im eigenen Zimmer. Furcht vor der Trennung und der Dunkelheit? Dass das Kind erst laut schreien musste, bis die Eltern es hörten – das war kein Thema.

Geblieben sind aus dieser Zeit allerdings schon einige Bedenken, die gerade Ältere jungen Eltern mit auf den Weg geben, wenn diese ihr Baby ganz eng bei sich haben möchten. Werden Babys, die mit ihren Eltern in einem Raum oder sogar in einem Bett schlafen, nicht verwöhnt? Ist es für die Eltern als Paar nicht schlimm, wenn es keine exklusive Zweisamkeit mehr gibt?

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Argumente für ein Familienbett

Mit dem Begriff „Familienbett“ ist gemeint, dass Eltern und Kind sich ein Bett teilen. Der klare Vorteil liegt auf der Hand: das Baby kann ohne viel Aufwand gestillt oder beruhigt werden. Dass die Nähe ein „Verwöhnt werden“ sein könnte, gilt längst als widerlegt. Nora Imlau zitiert in ihrem Buch „Das Geheimnis zufriedener Babys“ den bekannten Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley: „Ich habe noch von keinem 18-jährigen gehört, der mit seiner Freundin in der Besucherritze übernachten wollte!“ Die meisten Kinder ziehen irgendwann freiwillig aus dem elterlichen Bett aus.

Co-Sleeping im Familienbett - Pro und Kontra (© Thinkstock)

Co-Sleeping im Familienbett – Pro und Kontra (© Thinkstock)

Simone, Mutter von zwei Töchtern, hatte sich zunächst wenige Gedanken gemacht. Es ergab sich einfach, dass ihre älteste Tochter nach dem Stillen nachts im Bett liegen blieb. „Sie hat recht schnell beschlossen, dass für uns drei das Familienbett die ideale Lösung ist. Ich fand es auch wirklich immer wunderbar – Franziska kuschelte in der Mitte und mein Mann und ich waren ihr und uns ganz nah. Das war prima beim Stillen und auch beim Kuscheln.“ Für Simone war der klare Vorteil des Familienbettes der gute Schlaf. „Ich habe so auch schon in den ersten Monaten sehr gut geschlafen, denn ich habe im Halbschlaf gestillt und bin gleich wieder eingedöst. Und auch das Baby schlummerte gleich wieder satt und zufrieden ein.“

Antje Kräuter, Psychologin und Stillberaterin und Stillgruppen-Leiterin bei der Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen Bundesverband e.V. (AFS) ist langjährige Elternberaterin. „Es spricht sehr vieles für das Familienbett“, sagt sie. „In sehr vielen Kulturen wird es als ganz normal und selbstverständlich angesehen, dass Babys bei ihren Müttern schlafen.“ Es sei einfach praktisch, da sich bei gestillten Babys, die gemeinsam mit ihren Eltern in einem Bett nächtigen, die Schlafphasen von Mutter und Kind – und oft auch vom Vater anpassten.

Es spricht sehr vieles für das Familienbett.

Antje Kräuter verweist auch auf aktuelle Studien, wie etwa der von Helen Ball aus England, die deutlich zeigten, dass Mütter im Familienbett fast immer seitlich schliefen, dem Baby zugewandt. „So sorgt sie instinktiv für Sicherheit, denn so liegt das Baby flach auf der Matratze und nicht zu dicht an den Kopfkissen. Knie und Arm der Mutter bilden eine Barriere für das Baby, so dass es im Bett nicht nach unten oder oben rutschen kann. Vater oder Mutter können sich durch diese Schlafposition auch kaum versehentlich auf das Baby legen.“

Auch Hebamme Birgit Laue weiß von aktuellen Studien, die belegen, dass das Risiko des plötzlichen Kindstodes im Familienbett verringert ist. Dies bestätigt Antje Kräuter. „Die Tatsache, dass in Kulturen wie Japan oder Hong-Kong, in denen Co-Sleeping selbstverständlich ist, im internationalen Vergleich mit den niedrigsten SIDS (plötzlicher Kindstod) überhaupt haben, spricht für sich.“ Einig sind sich die Expertinnen darin, dass jede Familie für sich Vor- und Nachteile besprechen sollte – und dass sich an wichtige Regeln gehalten werden sollte.

Wichtig Voraussetzungen für das Familienbett:

  • Beide Elternteile möchten gemeinsam mit dem Kind in einem Bett schlafen
  • Die Schlafunterlage muss fest sein. Wasserbetten oder sehr weiche, ausgelegene Matratzen sind ungeeignet
  • Das Bett hat keine Spalten oder Ritzen, in die das Kind rutschen kann
  • Das Baby liegt im eigenen Schlafsack und hat weder Decke noch Kissen
  • Das Kind wird auf keinen Fall mit unter eine Decke genommen
  • Ist ein Elternteil Raucher, nimmt starke Medikamente oder hat Alkohol getrunken, ist das Familienbett tabu

Und was spricht gegen ein gemeinsames Bett für alle?

Kinderärzte wie der Facharzt Dr. Peter Voitl sagen hingegen eher: „Säuglinge sollen im elterlichen Schlafzimmer, aber im eigenen Bett schlafen.“ Denn das Familienbett gilt, darin sind sich die„Gemeinsame Elterninitiative plötzlicher Säuglingstod“ und die medizinische Fachverbände „Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe“ (DGGG) und „Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin e.V. (DGJK)“ einig, als Risikofaktor für die Sicherheit des Kindes. Die Schlafempfehlungen der Fachverbände sind daher deutlich: im eigenen Bett, im Schlafsack und in Rückenlage.

Säuglinge sollen im elterlichen Schlafzimmer, aber im eigenen Bett schlafen.

Grundlage dieser deutlichen Empfehlung ist die Tatsache, dass das Risiko des plötzlichen Kindstodes erhöht im gemeinsamen Bett erhöht ist, wenn eines der Elternteile raucht, Medikamente nimmt oder viel Alkohol konsumiert, denn dann werden Schutzmechanismen „deaktiviert“.

Es gibt aktuelle Studien, die einen engen Zusammenhang zwischen den SIDS und einem geteilten Bett sehen. Doch auch hier sehen Kritiker, dass vieles so nicht ganz eindeutig ist. Vor allem aber gibt es Studien, die belegen, dass Babys, die bei ihren Eltern schlafen, länger gestillt werden – und das wiederum senkt das Risiko.

Immer in der Nähe (© Thinkstock)

Immer in der Nähe (© Thinkstock)

Wichtig ist, dass sich Eltern einig sind und sich mit der Schlafpraxis wohlfühlen. Hat ein Elternteil Bedenken, sollte dem auch Raum gegeben werden. Das Argument der Ruhe ist durchaus nicht von der Hand zu weisen – denn manche Babys sind sehr unruhige Bettgenossen. Es gibt auch genügend Erwachsene, die nicht neben ihrem Säugling schlafen mögen, weil sie Angst haben, sie könnten ihm im Schlaf weh tun. Dass diese Angst unbegründet ist, mag der Kopf verstehen, wenn das Bauchgefühl aber schlecht ist, dann sollte die Familie eine andere Lösung finden.

Manche Mütter und Väter möchten auch eher ungern ein Familienbett, weil sie befürchten, dann nie wieder einen Ort der Zweisamkeit zu haben. Denn das Ehebett ist doch auch ein Rückzugsort für das Liebespaar, aus dem nun ein Elternpaar wurde! Auch hier gilt: wer sich mit dem geteilten Bett unwohl fühlt, sollte darauf verzichten. Allerdings ist es einfach so, dass das Baby das Liebesleben seiner Eltern auch dann beeinflusst, wenn es im eigenen Bettchen schläft. Elterliche Unlust liegt meist weniger an der passenden Bettstätte für ein romantisches Stelldichein, als an Schlafmangel und wenig Zeit zu zweit.

Welche Lösung ist die beste?

Jede Familie muss das für sich entscheiden. Simone, bei der das erste Kind so selbstverständlich im Familienbett schlief, handhabte es beim zweiten Kind anders. „Unsere kleine Tochter schlief nachts sehr unruhig und wurde schnell wach. Wenn wir schlafen wollten, mussten wir uns mit ihr hinlegen. Kam ein Elternteil später, wurde sie wieder wach und schrie. Sie bewegte sich auch viel im Schlaf – und lag gern quer im Bett.“ Weder Mutter noch Vater kamen zu Ruhe und die kleine Helena war oft quengelig. „Es ging so einfach nicht, daher haben wir beschlossen, dass Helena ihr eigenes Bett – bei uns im Schlafzimmer – bekommen sollte. Zu viert haben wir dann oft morgens im großen Bett gekuschelt. Das machen wir heute noch gern.“

Allein oder im Familienbett schlafen? (© Thinkstock)

Allein oder im Familienbett schlafen? (© Thinkstock)

Nicht für jeden ist das Familienbett ideal. Es gibt Babys, die nicht so ein ausgeprägtes Nähegefühl haben, Erwachsene, die selbst schlecht und unruhig schlafen, wenn das Baby mit im Bett schläft und ältere Geschwister, die unter Umständen so eifersüchtig werden, dass auch sie wieder mit ins Bett möchten, sodass es eng wird.

Für Eltern, die die Nähe zum Kind möchten, sich jedoch scheuen, den Winzling auf Dauer im elterlichen Bett übernachten zu lassen, gibt es verschiedenen Möglichkeiten. Die eine wird von vielen Familien schon lange praktiziert: das Baby schläft mit im Zimmer der Eltern, aber in einer eigenen Wiege oder im Kinderbettchen – so wie es die Kinderärzte empfehlen.

Ein Beistellbett als praktischer Kompromiss (Foto: inhabitots.com)

Ein Beistellbett als praktischer Kompromiss (Foto: inhabitots.com)

Die andere Alternative hat sich erst in den letzten Jahren etabliert: so genannte „Babybalkone“, also kleine Beistellbetten oder auch Anbaubetten an das Bett der Eltern. Aus ärztlicher Sicht sind sie für die Kinder sicherer. Für Eltern sind sie sehr praktisch, da auch hier ein nächtliches Aufstehen nicht mehr nötig ist. Und für Babys? Da ja ein Elternteil immer dicht bei ihnen schläft, sicher eine sehr kuschelige Lösung.

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Antworten auf

  1. Janina 24. Januar 2014 an 17:18 #

    Vielen Dank für den tollen Artikel! Unsere Tochter schlief von Anfang auch nur im Familienbett, geplant war eigentlich ein Anstellbett. Die Rechnung hatten wir natürlich ohne sie gemacht :) Das klappt bis heute, mehr als ein Jahr später, ziemlich gut und anders kann ich es mir auch nicht mehr vorstellen, da sie mehrmals aufwacht und ich keine Lust hätte, aufzustehen. Schlimm fand ich, daß sowohl alle Familienmitglieder als auch der Kinderarzt massiv auf uns eingeredet und – geschimpft hatten und solch einem Druck muß man erstmal standhalten (können). Mehr Aufklärung zu dem Thema finde ich somit als sehr begrüßenswert!

  2. mf. 24. Januar 2014 an 19:16 #

    Das Wichtigste ist, dass Babys und Kleinkinder im Schlafzimmer der Eltern schlafen dürfen, finde ich, am liebsten nahe bei den Eltern. Unsere Kinder haben in den ersten drei Jahren im Familienbett gelegen, das auf einer Seite vergrößert worden war. Das hat sich bewährt und war für alle Familienmitglieder eine nette kuschelige Sache. Nur wenn ein Kind sehr (lange) schrie, ist ein Elternteil mit ihm ins Kinderzimmer ausgewandert (damit der andere etwas Ruhe hatte). Eltern, die sagen, sie könnten „mit Kind“ grundsätzlich nicht schlafen, machen nach meiner Erfahrung oft den Fehler, den Nachwuchs ins normal große Bett zu nehmen, da wird es dann eng und unruhig. Das Kind dann allein ins eigene Zimmer zu verlegen, ist aus meiner Sicht überhaupt keine Alternative!

  3. madlen 22. März 2014 an 16:26 #

    Unser 2 jähriger Sohn schläft auch bei uns im Bett mit, obwohl er ein eigenes Bettchen hätte. In der Schwangerschaft mit ihm hatte ich immer betont, dass mein Sohn nicht in unser Bett kommt. Doch nach der Geburt war er sehr unruhig und meine Hebamme erklärte mir, dass er die Nähe zu mir bräuchte. Also haben wir erst nur gekanguruht im Bett. Dann mit der zeit und dem immer größer werdenden Schlafmangel, passierte es das ich übers stillen eingeschlafen war. Und es war super, mein Sohn schlief länger am Stück, war ruhiger und ausgeglichener. Von da an schlief er zu Beginn der Nacht in seinem beistellbett und nachts holte ich ihn dann rüber, wenn ich stillen musste und er blieb dann bei uns.
    Aktuell bin ich wieder schwanger (21.ssw) und wir werden es beim zweiten vielleicht auch wieder so machen. Da lass ich es aber darauf ankommen.
    Übrigens bekam ich auch wegen dem familienbett einige blöde Sprüche zu hören, aber ganz ehrlich hab ich darauf nix gegeben. Jeder soll so leben und erziehen, wie er bzw. sie es für richtig hält.

  4. andreas 23. Mai 2016 an 12:10 #

    Ich bin Papa von 2 Kindern und ich liebe unser Familiebett auch sehr.
    Die Nächte sind für alle Beteiligten viel entspannter geworden. Wir
    haben es aus 2 Betten von Otto zusammengebaut, weil ich handwerklich
    nicht so begabt bin :-D

    http://familienbetten.net/bauanleitung-familienbett-otto/

    So sieht es aus :-) Also unsere Nächte sind seit der Einführung des
    Familienbettes traumhaft geworden.Unser Baby haben wir ebenfalls von Anfang an mit ins Bett genommen, trotz größeres Geschwisterkind. Die beiden haben eine enorm starke Bindung und wir hoffen, dass uns das gemeinsame Schlafen im Familienbett noch lange erhaltren bleibt.

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