Rückbildung: der 1. Termin

Etwa sechs Wochen nach der Geburt sollten Mütter mit einem Rückbildungskurs beginnen – die Kosten tragen die Kassen. Bauch, Becken und die Seele sollen gestärkt werden. Auf was man sich in so einem Kursus einstellen muss – ein Bericht…

„Ich lebe in einer Großstadt. Das bedeutet, dass mein Baby im Kinderwagen ordentlich Abgase einatmen kann und dass ich eine riesige Auswahl bei Kursen aller Art habe. Aber welcher Rückbildungskurs ist denn der richtige für mich? Mama fit, Baby mit? Postnatals Yoga-Style? Aquatraining für Mamas oder afrikanischer Tanz? Ich entscheide mich für „Rübi“. Ganz einfach einen Rückbildungskurs ohne Kind, ohne Schnickschnack.
Allerdings mit reichlich viel Schnack, wie wir hier oben im Norden sagen, aber dass wusste ich bei der Anmeldung noch nicht. Wenn ich ehrlich bin, ist mir der Austausch mit anderen Müttern nicht so wichtig. Ich möchte gern, dass sich mein Bauch wieder straffer anfühlt und habe ein bisschen Angst, dass ich ohne gute Anleitung einer Hebamme irgendwann nicht nur das Baby wickeln muss, sondern auch mich selbst. Ich habe da nämlich so ein Problem… Ob auch andere Frauen ab und zu Tröpfchen verlieren?
Ein komisches Gefühl ist es schon, der Gruppenraum der Hebamme zu betreten. Hier habe ich vor einigen Wochen noch einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht und mit dickem Bauch geübt, wie man Wehen veratmet. Damals kam ich ganz entspannt und pünktlich zum Kurs. Heute fühle ich mit total abgehetzt. Meine Maus ist jetzt sieben Wochen alt und allein mit Papa. Fast zwei Stunden lang. Damit das auch klappt, habe ich sie noch frisch gestillt. Sie schlummerte friedlich, als ich losfuhr. Dafür hatte sie mich den ganzen Tag auf Trab gehalten.
Von der Hebamme und von den anderen Müttern werde ich freundlich begrüßt, zwei von ihnen kenne ich noch aus dem anderen Kurs. Ich schaue mich um und entspanne mich. Ich bin nicht die einzige, die abgehetzt aussieht. Wir alle haben Augen- und Hüftringe, das junge Mutterglück ist auch hier überall über dreissig Jahre alt und scheint unter Schlafmangel zu leiden. Jede Frau stellt sich vor – meine armen Hirnzellen werden sich die Namen zwar nicht merken, aber das gehört halt dazu. Dann beginnt die Rübi. Irgendwie hatte ich ja an sportliche Betätigung gedacht.
Doch erst einmal fängt die Hebamme an, uns unangenehme Fragen zu stellen. Alter des Kindes und Geburtsgewicht, das sind ja technische Daten, über die Mamas gern sprechen. Aber Dammrisse oder Hämorrhoiden? „Verliert Ihr Urin? Ein paar Tropfen sind normal, ein Schwall nicht.“ Ok, gut zu wissen, antworten tut niemand auf die Frage. Und schon geht es weiter: „Ihr Süßen, wie steht es denn bei euch mit dem Sex? Spürt ihr ordentlich etwas oder eher weniger?“ Sex?! Meine Tochter ist doch gerade erst geboren wurden. Und meine Narben frisch verheilt. Ich sehne mich ja schon nach drei Stunden unterbrochenem Schlaf – an irgendetwas anderes im Bett habe ich überhaupt noch nicht gedacht.
Von der mitteilsamen Hebamme erfahre ich, dass es jetzt normal sei, wieder Sex zu haben – wenn jeder Partner möchte und dass ich dabei wunderbare Beckenübungen machen kann. Meinen Mann wird das freuen. Überhaupt, das Becken. Wer sich jetzt nicht ausgiebig mit dem Beckenboden beschäftigt, der kämpft später mit Inkontinenz. Ich merke, wie meine Motivation steigt. Aber ich ahne auch schon, was kommen wird.
Männer sollen ja oft Namen für Ihren „Johannes“ haben. Ich persönlich habe vor allem „da unten“. Schon in der Vorbereitung sollte meine arme Scheide sich in einen Fahrstuhl verwandeln. Manchmal durfte sie auch ein Schmetterling sein und sollte eine acht fliegen. Und nun, nach der Geburt? „Stellt Euch vor, eure Vagina ist ein Huhn. Sie pickt kleine Körner auf. Pick, pick, pick.“ Ein Huhn. Ich seufze und mache die Übung brav mit. Aber irgendwie fühle ich mich degradiert. Vom zarten Flatterwesen zum Hühnerhofbewohner. Körner picken, statt Loopings fliegen.
Die nächsten Übungen sind richtig schwer. Aufstehen und hinsetzten. Herrje, schon dabei komme ich aus der Puste. Danach geht es an die Arm und Brustmuskulatur, das geht schon besser. Das bisschen Bewegen ist schon heftig für meine Kondition, hätte ich nicht gedacht.
Doch die größte Herausforderung kommt zum Schluss: Während wir bisher eher muntere Musik gehört haben, kommen nun sanfte Töne aus der Stereoanlage. „Jetzt legt euch entspannt hin. Findet eine Position, die angenehm ist. Hört in euch hinein“, sagt die Hebamme mit leiser Stimme. Ich liege. Ganz ruhig. Aber das mit dem in mich Hineinhören klappt nicht. Auch die anderen Anweisungen zur Muskelentspannung kann ich nicht verstehen. Ich höre nämlich gar nichts mehr, weil ich eingeschlafen bin. Nach einem heftigen kurzen Tiefschlaf werde ich geweckt – die anderen Frauen sind schon umgezogen. Mein Huhn ist wohl von der Hühnerleiter gefallen. Oh je.
Schnell verlasse ich den Raum, denn gleich beginnt ein Schwangerenyoga-Kurs.Vor der Tür stehen die anderen Mütter und unterhalten sich eifrig. Ich höre Wörter wie „Milchstau“, „Windeldermatitis“ und „Welche Tragehilfe nehmt Ihr?“. Eine aufregende Geburtsgeschichte habe ich verpasst, aber dafür höre ich noch die Story vom Besuch der Notambulanz, die schwere Allergie war nur ein Windelausschlag. Ein Handy klingelt. Alle Mütter wühlen plötzlich in den Handtaschen und Rucksäcken und haben es eilig. Ich auch.
Noch sechs weiterer Termine. Ich bin gespannt, was mich noch erwartet. Noch mehr Bauernhoftier und brisante Mamathemen? Mit Sicherheit einiges, dass mich eher nerven wird und anderes, dass wirklich informativ ist. Und auf jeden Fall weiß ich ja jetzt, dass ich wenigstens einmal in der Woche nun Tiefschlaf bekommen werde. Das ist doch schon mal was.“
Protokoll: Silke R. Plagge
Bild: © Hannes Eichinger – fotolia.de

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  • Ich

    Wunderbar pessimistisch geschriebener Text. Kann nur die Augenrollen bei so viel Negativität. Versuch doch mal das Leben zu genießen und es so hinzunehmen wie es ist. Freue dich über Kleinigkeiten und denke positiv.
    Wenn dich das so nervt dann lass es doch einfach.