Nele kann wieder hören

Eine Röhrchen-Operation ist heute für Ärzte Routine. Doch für Eltern und das betroffene Kind ist so ein Eingriff dramatisch. Eine Mutter berichtet, wie die OP das Leben ihrer dreijährigen Tochter verändert hat…

Hannover, 10. März 2010
Meine kleine Nele ist krank. Sie hat Fieber und greift sich immer wieder an die Ohren. Und das bei einem Besuch bei meinen Eltern. Ich kenne hier gar keinen Kinderarzt! Meine Mutter hat dann eine rettende Idee: Direkt zum HNO-Arzt vor Ort. Der untersucht die Dreijährige gründlich und erklärt: „Das ist eine richtig ausgewachsene Mittelohrentzündung.“ Er schreibt uns Antibiotika auf. Aus einem Pulver wird ein rosafarbener Saft, der angeblich Himbeergeschmack hat. Ich gebe es zu, er schmeckt furchtbar. Nele weigert sich, ihn zu trinken und nur wenn Oma und Papa das sich windende Kind festhalten, geling es uns, ihr ein wenig mit einem Löffel in den Mund zu schieben. Den müssen wir auch noch zuhalten, denn sonst spuckt sie die Medizin wieder aus. Wir sind alle reichlich gestresst.
 
Hamburg, 30. Mai 2010
Nele ist wieder gesund und der Kinderarzt hier zu Hause hat erklärt, dass alles gut ist. Sie hat Nasentropfen bekommen und hat keine Ohrenschmerzen mehr. Aber ich habe ein komisches Gefühl. Nele weint viel. Wenn sie aus dem Kindergarten kommt, ist sie nicht mehr so ein fröhliches kleines Bündel wie gehabt. Sie ist sehr still und steht irgendwie immer am Rand.
 
Auch zu Hause merke ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie kommt nicht wie sonst angelaufen, wenn ich in der Küche den Geschirrspüler ausräume, mag keine CD mehr hören und schimpft schnell. Auch aus komischen Gründen. Ich frage morgens: „Möchtest du ein Hüttchen?“ „Nein, ich will kein Brötchen, ich habe schon gegessen.“
 
Als ich sie gestern abgeholt habe, rief ich ihren Namen. Sie reagierte überhaupt nicht. Und plötzlich ist die da, die warnende Stimme. Könnte es sein, dass sie mich nicht hört? Ich frage die Erzieherin. Auch die hat einen ähnlichen Verdacht.
 
Ohne den Zwischenstopp Kinderarzt suche ich direkt wieder einen HNO-Arzt auf. Eine Empfehlung von Neles Erzieherin, die sich als wahrer Glücksgriff herausstellt. Wir kommen sofort dran. Der freundliche Mann untersucht meine Kleine vorsichtig und gründlich. Sie sitzt ganz still auf meinem Schoß und lässt ihn in ihre Ohren sehen. An seinem Gesichtsausdruck sehe ich, dass etwas nicht stimmt. Ein weiterer Test ist nötig, ein Tonaudiogramm.
 
„Ihre Tochter hat einen beidseitigen Pauken- Erguss. Hinter dem Trommelfell hat sich Flüssigkeit gesammelt“ erklärt er. „Deswegen hört sie schlecht?“ frage ich nach. „Ja, sie hat ein Hörvermögen von etwa zwanzig Prozent. Seit der Entzündung ist ja auch schon einiges an Zeit vergangen. Da sie noch so jung ist, möchte ich sofort operieren. Ihre Sprachentwicklung könnte sonst erheblich beeinflusst werden.“ Ich muss schlucken. So schlecht hört sie? Aber eine Operation? „Ich kann das selbst ambulant machen. Es ist eine so genannte Röhrchen-OP. Das Trommelfell wird perforiert und ein winziges Röhrchen eingesetzt, so kann die Flüssigkeit ablaufen. Auch die Rachenmandeln, die so genannten Polypen müssen wir entfernen.“
 
Schon für drei Tage später bekommen wir einen Termin in der Hamburger Jerusalem-Klinik.
 
Hamburg, 3. Mai 2010
 
Mir ist schlecht. Kotzübel. Wir sind um 6 Uhr aufgestanden, damit wir Eltern noch schnell frühstücken konnten. Gott sei Dank konnte mein Mann sich frei nehmen. Nüchtern müssen wir die Kleine in die Klinik bringen, sie darf nichts essen. Da Nele ein kleiner Morgenmuffel ist, nicht ganz so tragisch.
 
Um 7 Uhr fahren wir los in die Hamburger Innenstadt. Nele sitzt noch müde in ihrem Kindersitz und wundert sich ein wenig. Wir haben ihr natürlich erzählt, dass sie operiert wird und dass ihr „Ohren-Aua“ dann besser wird. Sie ist skeptisch. Kein Wunder.
 
Sehr freundlich werden wir begrüßt. Nele bekommt ein Bett, noch ein weiteres Mädchen ist mit der Mutter hier. Wir Eltern sehen alle blass aus. Meine Tochter guckt alles neugierig an, die Schwester, die uns alles zeigt, bittet uns, Nele schon einen Schlafanzug anzuziehen. Dann bekommt Nele ein Zauberpflaster. Sie ist begeistert. Eine Creme wird auf ihren Arm gerieben, damit die Stelle für die Infusion betäubt ist.
 
Die Ärzte kommen. Unser HNO-Arzt erklärt uns noch einmal den Ablauf und fragt, welches Elternteil mit in den OP-Saal möchte. Wir hatten das schon abgesprochen und festgestellt, dass mein Mann stärkere Nerven hat. Die Narkose-Ärztin erklärt uns, dass wir damit rechnen müssen, dass Nele beim Aufwachen sehr unruhig und wahrscheinlich sehr verwirrt sein wird.
 
Und dann ist es soweit. „Guck mal, wir verkleiden jetzt den Papa“, sagt die Schwester und mein Mann bekommt einen Kittel und einen Mundschutz. Dann nimmt er Nele in den Arm und wird in den OP begleitet. Ich bleibe zurück und muss weinen. Ich bekomme zwar einen Stuhl, Kaffe und Kekse, aber ich höre plötzlich, wie heftig ein anderes Kind weint, und zähle die Minuten. Ein Routineeingriff. Aber in meinem Kopf rast ein Film ab. Was alles passieren kann….
 
Nach etwa zwanzig Minuten öffnet sich Tür. Mein Mann kommt herein, auf dem Arm das schlafende Kind. Erst auf dem zweiten Blick sieht man das Pflaster auf dem Arm, sonst sieht sie ganz friedlich aus. „Es waren alle sehr liebvoll“, erzählt mir mein Mann. „Ein Kuscheltier hat Nele im OP begrüßt und das ganze OP-Team hat dann ein Einschlaflied gesungen, es ging alles recht schnell“. Der eigentliche Eingriff hat nur wenige Minuten gedauert. „Aber der Moment, in dem sie so wegsackte, als die Narkose wirkte, war schon fies.“ Ich bin froh, dass ich hier im Zimmer warten konnte.
 
Und hier sitzen wir jetzt auch und beobachten, wie Nele langsam wieder aufwacht. Sie weint und ist sichtlich verstört. Ich kann sie kaum beruhigen. Erst als die Schwester kommt und fragt, ob sie ein Eis möchte, beruhigt sie sich ein bisschen. Die Ärzte kommen noch einmal und untersuchen sie kurz. Alles sieht gut aus. Wir dürfen nach Hause.
 
Hamburg, 20. Mai 2010
 
Ich hätte nicht gedacht, dass diese Operation soviel ändert. Nele musste nach der Operation ein paar Tage zu Hause bleiben. Und sie sollte sich noch schonen, nicht wild spielen. Darum konnte sie auch noch nicht in den Kindergarten.
 
Aber mittlerweile darf sie wieder hin. Die ersten Nachuntersuchungen waren positiv, der HNO-Arzt hat Nele zur vorbildlichen Patientin erklärt. Allerdings hatte ich Fragen, die ihn schmunzeln ließen. „Wir wollen in den Urlaub fliegen. Kann sie das denn? Mit dem Druck in der Kabine und so?“ „Aber sicher,“ so seine Antwort. „Ein angenehmeres Fliegen geht gar nicht. Da sie die Röhrchen hat, müssen ihre Ohren den Druckausgleich gar nicht machen, denn ihr Ohr wird ja schon durchlüftet.“ Und Schwimmen? Auch das ist kein Problem. Sie darf zwar nicht tauchen, aber mit speziellen Ohrstöpseln darf sie ins Wasser. Ich bin erleichtert, denn ein Sommer mit Badeverbot wäre ja auch wirklich schlimm.
 
Nele ist ganz verändert nach der Operation. Wenn ich in den Kindergarten komme, sitzt sie mitten in einer Traube Kinder. Endlich kann sie wieder mitspielen, denn sie versteht die anderen wieder. Auch zu Hause reagiert sie wieder auf Geräusche und rennt in die Küche, wenn sie mich klappern hört.
 
Sicher, jede Operation ist ein Eingriff und muss gut überlegt werden. Wir sind aber froh, dass Nele das Glück hatte, schnelle medizinische Hilfe zu finden. Für uns war es mit Sicherheit die richtige Entscheidung.“
Protokoll: Silke R. Plagge, Gespräch mit Ruth (39), Mutter von Nele (3)
Foto: © barneyboogles – fotolia.com
 
Tubenbelüftungsstörung und Paukenerguss
 
Tubenbelüftungsstörung: Belüftungsstörung des Mittelohrs, die ein- oder beidseitig auftritt und zu Paukenergüssen führen kann.
Paukenerguss: Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr, die eine Hörminderung verursacht. Eine Tubenbelüftungsstörung kann grundsätzlich in jedem Lebensalter im Zusammenhang mit Schnupfen auftreten, am häufigsten jedoch bei Kindern zwischen 3 und 7 Jahren mit vergrößerten Rachenmandeln, so genannten Polypen.
 
Beschwerden
• Ein- oder beidseitige Hörminderung
• Knacken, Druck und stechender Schmerz im Ohr
• Bei Erkältungen: entsprechende Begleitsymptomatik wie Fieber, Schnupfen und beeinträchtigtes Allgemeinbefinden.
 
Wann sollten Sie zum Arzt?
Heute noch, wenn Ohrenschmerzen oder eine Hörminderung auftreten
 
Die Erkrankung
Bei Kindern von drei bis sieben Jahren stören vergrößerte Rachenmandeln häufig den Tubenöffnungsmechanismus und beeinträchtigen die Belüftung des Mittelohrs. Bei länger andauernden Tubenbelüftungsstörungen verändert sich die Mittelohrschleimhaut und sondert Schleim ins Mittelohr ab. Diese Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr behindert die Beweglichkeit der Gehörknöchelchen und damit auch die Schallübertragung.
 
Da die Kinder in diesem Alter in einer wichtigen Phase der Sprachentwicklung sind, ist eine zügige Behandlung notwendig, um Entwicklungsverzögerungen zu vermeiden.
 
Paukendrainage: Bei hartnäckigen und langsam abfließenden Paukenergüssen eröffnet der Arzt zunächst das Trommelfell. Dann legt er ein Röhrchen in das Trommelfell ein, damit der Erguss abfließen kann. Das Röhrchen fällt oft nach einigen Monaten von selbst heraus. Wenn das nicht geschieht, wird es nach drei bis sechs Monaten vom Arzt entfernt. Anschließend heilt das Trommelfell normalerweise schnell wieder zu.
 
Bei der Ohrmikroskopie zeigt sich in der Regel eine Einziehung des Trommelfells durch den Unterdruck im Mittelohr. Bei einem Paukenerguss erkennt der Arzt auch bernsteinfarbene Flüssigkeit hinter dem Trommelfell. Mit einem Tonaudiogramm ermittelt er den Grad der Schwerhörigkeit. Bei Tubenbelüftungsstörungen mit Paukenerguss im Kindesalter wartet der Arzt bei normal hörenden und ansonsten gesunden Kindern zunächst drei Monate ab, ob sich der Erguss von alleine zurückbildet. Ob abschwellende Nasentropfen oder schleimlösende Medikamente wirken, ist umstritten. Zu einer Operation ist zu raten, wenn eine Schwerhörigkeit dazukommt, die innerhalb von zwei Monaten nicht verschwindet.
 
Bei der ambulanten Operation wird nach einem Trommelfellschnitt der Erguss abgesaugt, was sofort zu einem normalen Hörvermögen führt. Eventuell wird in den Schnitt ein kleines Röhrchen eingelegt (Paukendrainage), um das Trommelfell offen zu halten, damit die Belüftung des Mittelohrs von außen so lange sichergestellt ist, bis die normale Tubenbelüftung wieder funktioniert. Auf jeden Fall werden in der gleichen Operation auch die Rachenmandeln entfernt, um den Tubeneingang frei zu machen.
 
Quelle: Prof. Dr. med. Gerhard Grevers; Dr. Ute Koch; Thilo Machotta; Dr. med. Arne Schäffler © Gesundheit heute

  

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