Interview: Mein Leben als Mutti

Er hat es getan: drei Jahre Elternzeit genommen und sich um sein Baby gekümmert. Seine Erfahrungen unter Muttis hat Hermann Ehmann zu einem Buch verarbeitet. Mehr im Interview…

Christine Finke: Ein Kind gehört zu seiner Mutter. Was antworten Sie, wenn Leute das sagen?
Hermann Ehmann: Gerade für Jungen kann es von großem Vorteil sein, wenn sie schwerpunktmäßig vom Vater und nicht nur von der Mutter betreut werden. Das hat inzwischen ja auch die Entwicklungspsychologie festgestellt – zwar spät, aber immerhin. Der Vater hat ja auch 50 % dazugetan. Ich denke, dass Väter anders spielen: relaxter, weniger gluckenhaft, eher partner-
schaftlich. Auf dem Spielplatz war es oft so, dass andere Muttis den Kopf schüttelten, in ihren Augen sah ich manches eine Spur zu easy. Aber Fakt ist: Unser Sohn war immer sehr gut entwickelt und war fast nie krank, weil ich ihn nicht verweichlicht habe. Die anderen Kinder mussten bei ihren Müttern schon Mützen anziehen, wenn nur ein leichter Wind wehte. Dementsprechend lagen sie dann den halben Winter krank im Bett, während wir draußen munter herumtobten und keine Handschuhe brauchten. Wir haben auch nie einen Regenschirm benutzt und es hat unserem Sohn nicht geschadet.
Wie muss ein Mann gestrickt sein, damit er gut mit der selbst gewählten Aufgabe der Betreuung eines Babys und Kleinkinds zurecht kommt ? Ist das etwas für jeden?
Als berufsgefrusteter Sofatiger-Weichei hast du als Elternzeit-Papa keine Chance. Ganz wichtig: abenteuerlustig sein und alles relaxt mit Humor sehen. Nie mit anderen Muttis über Kinderbe-
treuung diskutieren, da kann man nur den Kürzeren ziehen. Immer aus männlicher Intuition heraus handeln. Sich voll einbringen und keine zweitklassige Mutti mimen, sondern ein erstklassiger Papa sein. Wie heißt es so schön: ’Ein echter Kerl kann alles. Und wenn nicht, auch scheißegal – dann soll er’s gefälligst lernen.’
Waren Sie, so lustig das Buch geschrieben ist, nicht oft furchtbar frustriert über die Diskriminierung, die Sie erfuhren, z. B als Ihnen die Nutzung des Mutter-Kind Parkplatzes verwehrt wurde?
Nö, nicht wirklich, ich hab immer versucht, alles von der witzigen Seite zu nehmen und mich in die anderen hineinzuversetzen. Es ist halt hierzulande immer noch total untypisch, wenn man als Mann 3 Jahre zu Hause bleibt, in Skandinavien zum Beispiel ist das völlig anders, vielleicht kommen wir da ja noch hin. Dreimal war ich allerdings richtig sauer: als ich von einer über-
eifrigen Marktleiterin um ein Haar beim Mutter-Kind-Parkplatz abgeschleppt worden wäre; als mir Polizisten am Münchner Flughafen indirekt unterstellten, ich würde mein Kind ins Ausland entführen wollen – zum Glück konnte mein Frau den Sachverhalt telefonisch aufklären; und als mir die Musiklehrerin beim Schnuppertag sagte, Musikerziehung sei Müttersache – da ging mir echt der Hut hoch, immerhin spiele ich drei Instrumente annähernd konzertreif.
Können Sie uns einen richtig schönen, erfüllten Moment des “Mami-Seins” nennen? Und welche Situation war am nervigsten?
Besondere Highlights waren für mich unsere Kuscheltier-Katapulte und unsere selbst gebastelten Lego-Gondelseilbahnen, die wir quer durchs Wohnzimmer gespannt hatten. Wir haben auch in der Wohnung Fußball gespielt, was unser Sohn super fand. Ganz toll fand ich auch, dass sowohl mein Vater als auch mein Schwiegervater nach anfänglicher Skepsis voll hinter mir standen und mich bestärkten, das hätte ich so wirklich nicht erwartet – eine tolle Männer-Solidarität über drei Generationen hinweg. Klasse-Erfahrung. Nervig fand ich das häufige nächtliche Aufstehen, das war echt heftig. Bis ich mich von der chronischen Müdigkeit komplett erholt habe, da vergehen wohl noch ein paar Jahre (kleiner Scherz!).
Viele Frauen klagen über eine Verschiebung des Macht-Liebes-Beziehungs-
verhältnisses zum Partner, wenn sie über Jahre hinweg zuhause bleiben, um sich um die Kinder zu kümmern. Ist Ihnen diese unangenehme Nebenwirkung erspart geblieben?
Klar, auch im Rollentausch kann sich beziehungsmäßig einiges verschieben. Ich kann zum Beispiel keinem Mann empfehlen, neben der Kinderbetreuung auch gleich noch sämtliche Hausarbeiten mit zu erledigen, wie ich das am Anfang teilweise gemacht habe. Was gut gemeint ist, kann leicht zum Bumerang werden, denn aus meiner Sicht braucht die Frau – Berufstätigkeit hin oder her – auf jeden Fall noch Identifikationspunkte im Haushalt, derer er sie nicht berauben darf. Sonst besteht die Gefahr, dass sie sich geistig entfernt und er irgendwann gefrustet alleine zu Hause sitzt, während sie im Job auf- bzw. untergeht. Da sollte man frühzeitig gegensteuern, um die Balance zu halten.
Wen hatten Sie beim Schreiben des Buchs als Leser im Kopf? Väter, die in Elternzeit gehen? Oder anders gefragt: Wer soll Ihr Buch kaufen?
Das Buch wird fast ausschließlich von Frauen gekauft, vielleicht ist da ein bisschen Schaden-
freude dabei! Von vielen weiß ich aber auch, dass sie es für ihre Männer gekauft haben, diese es auch sehr gerne gelesen haben und mir in zahlreichen Punkten absolut zustimmen. Auch viele ältere Herrschaften, die Enkelkinder haben, haben mir erzählt, dass sie sich köstlich über die Malaisen des Elternzeit-Papas amüsieren und das Buch ihren Töchtern bzw. (Schwieger-)Söhnen schenken.
Falls sich ein zweites Kind einstellen würde, würden Sie dann wieder 3 Jahre in Elternzeit gehen?
Jederzeit noch mal, auch wenn ich mir dann wieder mal einen neuen Arbeitsplatz suchen müsste. Es war ein grandioses Erlebnis, wenngleich mich so manches an meine Belastungsgrenze gebracht hat. Für uns Männer ist das halt eine ganz neue Erfahrung, die mal nichts mit Gewinnmaximierung oder Durchsetzungsvermögen zu tun hat, da sind ganz andere Eigenschaften gefordert, die uns nicht unbedingt in die Wiege gelegt sind. Man muss wirklich wissen, worauf man sich einlässt. Ich war am Anfang in gewissen Dingen viel zu naiv. Diesen Fehler würde ich heute nicht mehr machen – aber derzeit steht es wohl eher nicht an.
 
Vielen Dank für Ihre Antworten, Herr Ehmann – und Grüße an den Sohnemann Simon!
 
Taschenbuch, 159 Seiten, 9,95 €
ISBN 978-3-406-59298-0
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 


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