Hilfe, mein Kind ist wie ich!

Was, wenn das eigene Kind Charakterzüge hat, die man auch an sich selbst nicht mag? Bettina schildert, warum sie befürchtet, dass ihre fünfjährige Tochter es schwer im Leben haben wird – und Psychologin Felicitas Heyne erklärt, wie Bettina mit ihren Ängsten am besten umgeht.

Mutter Bettina* (36):
„ Auf dem ersten Blick gleicht meine Tochter Leonie ihrem Vater: die braunen Augen und die weichen Locken hat sie eindeutig von ihrem Papa geerbt. Leonie ist fünf Jahre alt und liebt ihren Kindergarten. Doch ich mache mir wirklich Sorgen, dass es in der Schule für sie schwer wird. Meine Tochter liebt es zu basteln und kann sich darin furchtbar vertiefen. Im letzten Sommer hat sie bei einem Ausflug mit zwei anderen Familien mit den anderen Kindern eine Sandburg gebaut – bei den meisten Kindern war die Freude am Spiel nach einer halben Stunde vorbei. Nur Leonie baute und verzierte ganze drei Stunden lang.

Sie malt lange Geschichten, baut ganze Städte aus Lego und denkt sich viel aus. Aber Wehe, wenn jemand sie aus dem Spiel holt! Dann wird sie wütend. Als ausdauernd und hartnäckig könnte man sie beschreiben. Aber diese Beharrlichkeit kann auch einfach nur stur wirken. Denn sie lässt sich oft nichts sagen und beharrt auf ihrer Sichtweise.

Und auch auf die Einhaltung von Ritualen – bekommt sie ihr geliebtes Eis nach dem Schwimmen nicht, meckert Leonie furchtbar. Sie besteht darauf, dass bestimmte Termine („Donnerstags gehen wir immer zu Oma!“) eingehalten werden. Wenn etwas nicht so läuft wie Leonie es sich vorstellt, eben etwa, dass ein Treffen mit der Großmutter abgesagt werden muss, dann bekommt Leonie furchtbare Wutanfälle.

Das Leben mit so einem kleinem Dickkopf ist nicht einfach – doch das Schlimme ist, dass ich ganz genau weiß, was im Kopf meiner Tochter vorgeht: Denn ich war als Kind genauso!

Und genau darum mache ich mir so viele Sorgen um meine Tochter! Auch ich habe mich gerne lange mit einer Sache beschäftigt und wollte in der Schule beispielsweise lieber lange im Schreibheft arbeiten und nicht gleich rechnen. Heute finde ich Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit durchaus positiv im Job, aber als Kind warf man mir vor, eigensinnig und verbissen zu sein. Von den Lehrern wurde ich oft ermahnt und in ich ging nur sehr ungern in die Grundschule.

Ein Grund dafür waren auch die anderen Kinder. Ich wurde oft für eine Eigenbrötlerin gehalten und ausgegrenzt, weil ich so ins Spiel vertieft war. Oft wurde ich auch geärgert und gehänselt. Nun habe ich Angst um meine Tochter. Ich möchte ihr wirklich ersparen, dass sie das auch durchmacht. Wie kann ich verhindern, dass mein Kind die gleichen Erfahrungen machen muss? Ist es möglich, dass Leonie sich noch ändern wird?“

Psychologin Felicitas Heyne:
„Grundsätzlich halte ich es immer für das Wichtigste, dass eine Mutter ihrem Kind das Gefühl vermittelt, dass es genau so, wie es ist, in Ordnung und liebenswert ist. Gerade solche Eigenschaften wie Hartnäckigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Zuverlässigkeit (Termine bei Oma!), Kreativität und die Gabe, sich total einer Aufgabe hinzugeben, sind ja durchaus auch begrüßenswert und haben viele positive Aspekte, nach denen man nicht lange suchen muss.

Diese positiven Aspekte sollte sich die Mutter selbst und auch dem Kind immer wieder bewusst machen und die Kleine auch ganz gezielt ermutigen und dafür loben, was sie dadurch so zustande bringt. In vieler Hinsicht werden diese Eigenschaften dem Kind im weiteren Leben (z.B. in der Schule, aber auch später im Beruf) auch sicherlich sehr nützlich sein; und es wird auch immer viele Menschen geben, die diese Eigenschaften an dem Kind zu schätzen wissen.

Noch wichtiger vielleicht: Gerade diese Eigenschaften gehören ganz eindeutig zu den neunzig Prozent der angeborenen Eigenschaften. Leonie scheint ein introvertierter Persönlichkeitstypus zu sein. Das Charaktermerkmal Intro- bzw. Extraversion ist schon bei wenige Tage alten Neugeborenen erkennbar und gilt heute in der Psychologie als eindeutig angeboren, nicht erworben. Insofern ist es auch nur in sehr begrenztem Umfang veränderbar.

Das Gleiche gilt bei Terminen, Abläufen etc. Es gibt “geplante” Typen – das Gegenteil sind “spontane” Typen – und auch diese Eigenschaft ist in weiten Teilen angeboren, wenn auch etwas stärker veränderbar als die Intro-/Extraversion. Es gibt einfach Kinder (und später Erwachsene), denen Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit in ihrem Leben besonders wichtig sind; diese Faktoren geben ihnen Sicherheit und Selbstvertrauen. Plötzliche Veränderungen und Unvorhergesehenes strengen sie dagegen an, machen ihnen Angst und verunsichern sie. Auch das kann man schon bei Neugeborenen beobachten: Die einen werden von unbekannten Reizen sofort irritiert, die anderen bleiben ganz gelassen.

Insofern ist es in meinen Augen ganz wichtig, dass Bettina sich klarmacht, dass ihreTochter sich ja nicht so verhält, weil sie irgendjemanden ärgern oder negativ auffallen will, oder weil sie ungehorsam ist, sondern weil das einfach ihrem Naturell entspricht.

Leonie hat im Grunde großes Glück, dass ihre Mutter erkennt, dass sie ihr ähnlich ist. Konkret fände ich es eigentlich am besten, wenn sich Bettina gedanklich in ihre eigene Kindheit zurückversetzt und sich folgende Fragen stellt:

  • Was hätte ich selbst als Kind jetzt in dieser Situation von meiner Mutter (meinem Umfeld) gebraucht, um offener und flexibler zu reagieren?
  • Was hat mich als Kind besonders belastet / angestrengt / gequält?
  • Was hätte mir geholfen, mich besser zu fühlen?
  • Was hat mich verunsichert / mir Angst gemacht? Was hat mir im Gegenteil Sicherheit gegeben?
  • Was hat mir als Kind besonders gut getan / mich gefreut / mein Selbstvertrauen gestärkt?
  • Was war im Rückblick für mich wichtig zu lernen, um gut in der Welt zurechtzukommen? Wie habe ich das gelernt? War das gut so – oder hätte ich es auf andere Weise vielleicht besser gelernt?

Auf diese Weise hat sie einen ganz besonderen Zugang zur Erlebniswelt ihrer Tochter und kann bestimmt in vielen Situationen besser reagieren. Also nicht die Perspektive einnehmen: wie kann ich mein Kind der Welt besser anpassen, sondern eher umgekehrt: wie kann ich dafür sorgen, dass die Umstände in der Welt meines Kindes ihm so weit wie möglich entsprechen?

Natürlich muss sie diese Überlegungen durch Gespräche mit Leonie absichern – denn die wird sich schon in der einen oder anderen Hinsicht von ihrer Mutter unterscheiden! Und deshalb ist es auch wichtig, dass sie nicht zu viel in das Kind von sich selbst reinprojiziert. Es kann zum Beispiel sein, dass Bettina selbst unter der Ausgrenzung und den Hänseleien der anderen Kinder gelitten hat, aber dass Leonie das gar nichts ausmacht, solange man sie in ihrer eigenen Welt in Ruhe sein lässt. Dann ist es auch nicht notwendig, da aktiv zu werden.

Wichtig ist, dass die Mutter in einem guten Kontakt mit der Kleinen bleibt, ihr immer wieder vermittelt, dass sie sie versteht und genau so akzeptiert, wie sie ist, und dass sie immer wieder mal fragt, was in ihr vorgeht. Und teilweise vielleicht auch als “Übersetzerin” oder “Anwältin” von Leonie fungiert – wenn es in der Schule z B. so kommen sollte, wie sie befürchtet. Aber auch da ist es wichtig, dass sie nicht zu sehr projiziert. Vielleicht hat Leonie ja viel mehr Glück mit ihren Lehrern und die sehen eher die positiven Seiten ihres Charakters und es gibt gar keinen Ärger?

Schlecht wäre es, wenn Bettina ihre Ängste quasi vorab auf Leonie überträgt und Leonie schon mit dem Gefühl in die Schule geht: „Meine Mama macht sich Sorgen, also wird es mir in der Schule bestimmt nicht gut gehen!“ So was wird dann nämlich ganz fix zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung! Es läuft also ein bisschen auf eine Gratwanderung zwischen Identifikation einerseits und Unterscheidung andererseits hinaus für Bettina.

Und natürlich geht nicht nur um reine Charakterfragen, sondern um den ganz normalen Alltagstrotz einer Fünfjährigen – ihren Kopf setzen die ja alle gerne durch, wo sie nur können, und da ist es ja auch wichtig, ihnen Grenzen aufzuzeigen. Ich glaube aber, gerade durch die Ähnlichkeit der Charaktere wird Bettina, wenn sie erst mal anfängt, darauf zu achten, bald sehr fein unterscheiden können, wo ihre Tochter gerade einfach nur bockig sein will, und wo sie wirklich nicht anders kann – und dann eben entsprechend unterschiedlich reagieren.

Auf keinen Fall sollte sie versuchen, Leonie auf Biegen und Brechen „alltagstauglicher umzuformen“ nur um ihr vermeintlich unangenehme Erfahrungen zu ersparen. Damit tut sie ihr nicht nur keinen Gefallen, sondern sogar etwas richtig Schlimmes an – sie macht ihre Persönlichkeit und ganz viele ihrer besonderen Begabungen kaputt!“

Felicitas Heyne ist Dipl. Psychologin, Mitglied des Bundesverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)  und Autorin. Zudem ist sie auch systemische Einzel-, Paar-, und Familientherapeutin.
Mehr Info auch unter: http://www.heyne.com

*Alle Namen auf Wunsch geändert
Bild: © Damir Cudic für istock.com

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