Regelbrüche

Eine gute Mutter tut so etwas nicht… Wie oft ich diesen Satz gehört habe? Gar nicht so oft. Aber beschämt gedacht. Denn schon in der Schwangerschaft habe ich mich nicht immer an die eigenen Regeln gehalten. Als das Baby dann da war, wurde es noch schlimmer…

Gerade wurde eine Studie veröffentlicht: 97 Prozent der deutschen Mütter halten sich für gute Mütter. Aha. Ich frage mich natürlich, wer da wie befragt wurde. Denn ich sitze hier gerade und fühle mich alles andere als perfekt.
Denn wie so viele Andere hatte ich mir genau das vorgenommen, als ich den Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Ich wollte für diesen kleinen Krümel eine perfekte Mutter sein und wirklich alles, alles für mein Baby tun. Blöd nur, dass ich schon mit einem leicht beschämten Gefühl anfing: Ich hatte nämlich rohen Fisch gegessen. Oh je, das ist doch in der Frühschwangerschaft verboten! Und dann hatte ich auch noch reichlich Wein beim Plauderabend mit der Freundin konsumiert. Gut, ich wusste ja nicht, dass ich schwanger bin. Aber hätte ich es ahnen sollen?
Schwangere haben eine lange Liste an Dingen die sie tun sollten und die sie eher vermeiden sollten. Ich habe es nicht so ganz geschafft, mich daran zu halten. so habe ich nicht immer genug Wasser getrunken, mich zu wenig bewegt und mich nicht wirklich ausgewogen ernährt. Ein paar Scheiben Salami habe ich auch genascht. Und Wein probiert – da der komischerweise wie Essig schmeckte, kam ich nicht mehr in Versuchung. Soweit die Schwangerschaft. Nach der Geburt, das hatte mir fest vorgenommen, da wollte ich mich an alle Regeln halten. Hier meine ernüchternde Liste – Anspruch und Wirklichkeit.
Ich bin immer für mein Baby da
Diese Regel habe ich schon an Tag 1 gebrochen. Denn nach der Geburt war ich so erschöpft, dass die Kleine und ich recht schnell in unser Zimmer kamen und dort auch gut schliefen. Leider tat mein Arm sehr weh, weil ich im Schlaf die ganze Nacht das Babybettchen festgehalten hatte. Denn sie sollte so nah wie möglich bei mir sein. Am nächsten Morgen half mir die Hebamme beim Stillen. Und ich offenbarte ihr meinen dringenden Wunsch, duschen zu wollen. Das konnte ich auch. Ich brachte meine Tochter zu den Kinderschwestern. Und ließ sie dort allein. Ich war nicht für sie da, weil ich diese halbe Stunde unter dem Wasser für mich brauchte. Erst später wurde mir klar, dass diese Regel auch völlig unrealistisch ist. Kein Mensch kann immer für jemanden jederzeit verfügbar sein. Auch Mütter brauchen Auszeiten und Pausen.
Als Stillende Mutter ernähre ich mich ausgewogen und gesund
Ja, dafür hatte ich mir extra ein Buch gekauft. In den ersten Wochen war ich gut. Mein Mann kochte für uns und ich hatte extra Essen im Tiefkühlfach auf Vorrat, so dass ich auch einhändig schnell etwas zubereiten konnte. Aber leider war mein Kind der Meinung, dass ich nicht am Tisch sitzen sollte. Immer wenn ich essen wollte, begann sie zu brüllen. Kein schönes Gefühl. So schlang ich viel zu hastig. Und viel zu oft habe ich keinen Appetit gehabt oder doch mal eben Schokolade genascht und dann irgendwie immer nur ein Häppchen hier und eines da gemacht. Getrunken habe ich auch erst nicht genug. Erst der Tipp der Hebamme, neben meinem Lieblingstillplatz eine Kanne mit Kräutertee aufzubewahren half ein wenig. Wer sich immer gesund und ausgewogen ernährt, schafft dies sicher auch in der Stillzeit. Für alle anderen ist das ein sehr hoher Anspruch. Viele Mütter schaffen es, aber viele eben auch nicht.
Gute Mütter sind ruhig und geduldig
Wahrscheinlich sind sie das. Wenn sie lange geschlafen haben, jemand für sie den Hausputz übernimmt und ihre Kinder immer fröhliche kleine Sonnenscheine sind. Dumm nur, dass das nicht die Realität ist. Wer ein unruhiges Baby hat, das einen Zahn bekommt und die Nacht zum Tag macht, ist meist leicht gereizt und grantig. Und wer gerade das dritte Mal eine Windel wechselt, weil die frische jedes Mal sofort wieder gefüllt wurde – der neigt auch dazu nicht mehr liebevoll zu gurren, sondern dem Töchterchen eher barsch zu erklären, dass es nervig sei.
Auch mit einem Baby kann ein Haushalt ordentlich sein
Davon bin ich überzeugt. Denn ich habe schon viele Haushalte mit Kind besucht, bei denen es immer toll aussah. Na, wenn ich ehrlich bin, wenn sich Besucher ankündigen, räume ich auch ein wenig auf. Aber nur ein wenig. Penible Gäste können ja gern zum Staubtuch greifen. Mir jedenfalls ist es nicht gelungen, diese Regel auch nur ansatzweise einzuhalten. Denn immer wenn es möglich gewesen wäre zu putzen, war ich so müde, dass ich einschlief. War die Kleine wach, habe ich vielleicht das halbe Waschbecken geschafft. Irgendetwas war immer…
Ich laufe nie ungepflegt herum und achte auf mich
Wie gut, dass keine versteckte Kamera bei mir installiert war. Denn schon in Babywoche zwei habe ich hier kapituliert. Duschen ging am Anfang nur, wenn mein Mann die Kleine nehmen konnte. Also meistens am Abend. Morgens purzelte ich aus dem Bett in meine gemütliche Hose. Das Oberteil war auch völlig egal, denn ich hatte ja immer lässig eine Mullwindel über der Schulter, damit Baby nicht alles vollspuckt. Und die Haare? Na ja. Ist dieser „Out of bed-Look“ nicht angesagt gewesen?
Ich bin ein gutes Vorbild
Fröhlich und freundlich. Wenn der Mann kommt, nie klagen oder jammern und natürlich nie heimlich naschen, fluchen oder anderes Böses tun. So habe ich mir eine optimale Mutter vorgestellt. Eine perfekte Übermutter schafft das auch. Aber leider bin ich keine Superheldin. Und nach einem nervigen Tag mit zahnendem Baby wollte ich rummotzen. Und natürlich brauchte ich gelegentlich Nervennahrung – auch wenn das Kind selbst gesunden Pastinakenbrei schlabbern sollte. Ich gebe also zu: Ja, ich esse Chips und Schoko, hasse Dinkelstangen und wenn der Kinderwagen durch einen Hundehaufen gefahren ist und ich dann an den Reifen herumschrubbe, dann gebe ich Wörter von mir, die nicht jugendfrei sind.
Die Elternzeit nutze ich zum Reisen
Ich bewundere diese Reiseberichte von Familien, die die gemeinsame Elternzeit für Weltreisen nutzen. Ehrlich. Wir kamen gar nicht auf die Idee. Zum einen, weil wir nicht auf das Gehalt meines Mannes verzichten konnten und daher nicht gemeinsam frei hatten. Zum anderen, weil ich das Reisen mit Baby nicht einfach fand. Als das Baby sechs Wochen alt war, stand die erste Wochenendreise zur Oma an. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde – und vorher war Logistik angesagt. Irgendwie musste furchtbar viel mit. In der ungewohnten Umgebung war die Kleine sehr unruhig und ich ziemlich gestresst. Bye-bye Reisepläne. Mein Vorhaben, im Babyjahr viele Freunde mal für ein paar Tage zu besuchen, strich ich komplett.
Auch als Mutter nehme ich mir Zeit für meine Hobbies
Wenn das Baby schläft, habe ich ja genug Zeit, den Computer anzuschalten und endlich wieder an meinen Kurzgeschichten zu schreiben. Auch Lesen und das wöchentliche gemeinsame Joggen mit Freundin und ein schöner Saunabesuch danach sollten weiter zu meinen persönlichen Ritualen gehören. Wirklich ein guter Plan. Denn Mütter müssen sich auch um sich sorgen und eben nicht nur „Muttertier“ sein. Aber wer furchtbar müde ist, hat keine Lust, kreativ zu sein. Und Laufen? Das habe ich verschoben. Immer wieder. Bis die Freundin sich eine neue Trainingspartnerin suchte. Allein kam ich schon gar nicht dazu.
Mittlerweile bin ich um noch eine Babyerfahrung reicher und stolze Mutter von zwei Kindergartenkindern. Noch immer nehme ich mir vieles vor, das dann doch unrealistisch ist. Aber ich habe gelernt, dass ich keine perfekte Mutter bin. Ich bemühe mich, konsequent zu sein und erlaube dann doch noch eine Ausnahme. Nach der Arbeit bin ich manchmal zu unmotiviert zum Putzen und ich habe überhaupt keine Lust, im Rollenspiel ein Tiger zu sein – auch meine Legobaukünste lassen zu wünschen übrig.
Fehler zu machen und unperfekt zu sein gehört zum Elternsein dazu. Mutter zu sein ist auch ein Lernprozess. Immer nur für das Kind da sein zu wollen und sich selbst und den Partner immer hinten anzustellen tut niemanden gut. Auch nicht dem Kind, denn glückliche Eltern haben glückliche Kinder. Wenn ich ehrlich bin, gibt es noch mehr Regeln, die ich als Mutter gebrochen habe. Und es werden auch noch einige hinzu kommen. Ich bin nicht perfekt. Ich bin ein Mensch. Und eine Mutter.
Bild: ©istockphoto

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