Mama – allein zu Haus

Ein lang ersehnter Traum ging für Redakteurin Silke Plagge in Erfüllung. Endlich ein Wochenende ohne Krümel, ohne Spielplatz und ohne Streit. Denn sie durfte ganz allein zu Hause bleiben. Ohne Kinder. Doch war das wirklich so schön und erholsam wie gewünscht?

Es gibt diese hektischen Tage im Leben einer Mutter. Die selbst mit bester Planung wie bereits am Abend geschmierten Broten und zurecht gelegter Kleidung für die Kinder von Anfang an schief gehen. Der Zweijährige bekommt Wutanfälle, weil die Monstersocke in der Wäsche ist, die Vierjährige meutert, weil sie doch schon gestern Zähne geputzt habe.

Der aussichtslose Kampf der liebevollen Mutter gegen die Uhr

So nimmt die liebevolle Mutter tapfer den aussichtslosen Kampf gegen die Uhr auf. In allerletzer Minute erreicht sie den Kindergarten, kommt zu spät ins Büro und findet dort wie immer zuviel Arbeit für die paar Stunden vor. Ständig klingelt das Telefon und kurz vor dem wichtigen Gespräch mit dem Chef ruft der werte Gatte an und bittet darum, doch noch ein Geschenk für seine Mutter zu besorgen. So fällt die Mittagspause aus und auch zu Hause gibt es keine Verschnaufspause. Zwischen Geschirrspüler leeren und Waschmaschine füllen müssen Streitigkeiten geschlichtet und Popos abgewischt werden.

An genau solchen Tagen, an dem selbst das stille Örtchen nie ruhig ist, weil ständig jemand etwas von mir will, hatte ich immer nur einen sehnlichen Wunsch: Einfach mal allein sein. Nicht Kevin, sondern Mama allein zu Haus. Ohne klingelndes Handy, gestressten Mann und vor allem ohne Kinder! Diesen Wunsch muss ich so oft auch laut ausgesprochen haben, dass ich zum Geburtstag einen Gutschein bekam.

Ein verlängertes Wochenende für mich. Allein. Mein Mann fuhr schon am Freitag mit den Kindern zu seinen Eltern. Ich konnte es gar nicht fassen, als es endlich soweit war.

Ganz allein zu Hause – ein ganzes langes Wochenende lang

Am ersten Tag tat ich genau das, was ich schon lange nicht mehr getan hatte. Ich machte Überstunden im Büro. Und hatte kein schlechtes Gewissen dabei. Danach ging ich bummeln und traf mich mit einer Freundin im Kino. Wir versackten in einer Cocktailbar und ich kam etwas beschwipst in eine sehr ruhige Wohnung. Fand ich herrlich.

Der nächste Morgen begann irgendwie komisch. Kein Wecker, kein Kind. Und doch war ich um acht Uhr schon wach. Ein langes Wochenende lag vor mir. Was ich alles tun könnte.. Wäsche ohne Störung aufhängen. Fenster putzen. Staubsaugen. Hüstel. Das war ja doch nicht wirklich für mich oder? Ich drehte mich erst einmal im Bett um. Und dann duschte ich ausgiebig. Ohne Störung. Herrlich. Ein bisschen Wäsche waschen wäre aber schon ok, oder? Denn sonst stresst das ja nächste Woche.

Als ich die Wohnung saugte überlegte ich, was ich noch machen könnte. Ins Freibad gehen? Lange im Café sitzen? Blöderweise regnete es. Ich nahm den Schmöker, den ich schon ewig lesen wollte und verkrümelte mich aufs Sofa. Lesen und schlafen. Am Stück. Und dabei Schokolade essen ohne in Erklärungsnot zu geraten. Herrlich.

Komisch – alles sah so sauber aus

Später ging ich lauter Dinge einkaufen, die nur ich gern esse und freute mich über die absolute Macht über die Fernbedingung. Kein KIKA, kein Sport. Nur meine Krimis. Aber irgendetwas fehlte. Besonders deutlich wurde mir das, als ich am Abend in das Kinderzimmer guckte. Natürlich schlief da kein Kind. Es war komisch, kein Lego lag auf dem Boden, alles sah so sauber aus. Und es war ruhig. Plötzlich wurde mir klar, dass ich den ganzen Tag kein Wort gesprochen hatte. Kein Streit, kein Schmimpfen. Aber auch ein kaltes Bett und kein kleiner oder großer Mensch, der mein Bett wärmte. Kein Schnarchen, kein verschwitztes Kind, das einen Albtraum hatte. Ungewohnt. Aber auch erholsam. Denn ich kann mich nicht erinnern, dass ich seit der Geburt meiner Tochter auch nur eine einzige Nacht richtig durchgeschlafen hatte.

Lektion in Freiheit und mütterlichen Grenzen

Am nächsten Tag wachte ich auf und fühlte mich einsam. Es war zu ruhig. Was die Kinder jetzt wohl machten? Ob sie mich vermissten? Ich zwang mich zum Aufstehen, denn ich wollte mit einer Freundin brunchen. Das war schön. Und doch merkte ich, dass ich anfing mich auf den Abend zu freuen. Am Nachmittag verordnete ich mir einen Spaziergang. Ohne Karre. Einfach gehen, um sich zu bewegen, nicht um den Nachwuchs an die frische Luft zu bugsieren oder um einkaufen zu gehen. Die Gedanken schweifen lassen. Mir wurde klar, wie sehr ich mich im Alltag fremdbestimmt fühlte. Von meinem Chef. Von meinem Mann. Von den Kindern.

Freiheit. Das ist einfach allein duschen können und im Bad zu sein, ohne dass schon jemand herein rennt. Und diese Freiheit, so mein Sonntagsbeschluss, die führe ich ab sofort ein. Denn es muss doch möglich sein, einmal am Tag zwanzig Minuten für mich zu haben?

Als mein Mann und die Kinder wieder kamen, war die Freude riesig. Der Mann sah erschöpft aus. Und die Kinder wollten mich gar nicht wieder los lassen. „Schatz, mir war gar nicht klar, wie anstrengend so ein Tag allein mit den Kindern ist“, seufzte der Gatte. Dabei hatte er bei seinen Eltern weder aufräumen noch kochen müssen. Ich grinste ihn nur erholt an.

Ein paar Jahre später führte ich ein Interview mit der Psychologin Felicitas Heyne. Sie betonte, wie wichtig es gerade für Mütter ist, richtig auszuspannen. Sich auch mal wieder selbst zu spüren, eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. „Eigensinn macht Spaß“ sagte auch Hermann Hesse. Doch warum fällt es mir bis heute schwer, diese Freude zu genießen? Meldet sich das schlechte Gewissen, was alles erledigt werden müsste, wenn ich eine freie Stunde abknapse? Vielleicht weil ich einfach noch mehr lernen muss. Über mich. Und über mütterliche Freiheiten und Grenzen.

Tage ohne Kinder sind für mich noch immer herrlich. Aber heute stehe ich dazu, dass auch alleine aufzuräumen toll ist. Ich brauche manchmal Zeit für mich. Damit ich mich freue, wenn ich mit den Kindern zusammen bin und mir wirklich Zeit für sie nehme. Zum Beispiel gleich, beim Bauen einer Playmobil-Rittermannschaft, die gegen Feen antritt. Ich muss los…

 

Bild oben: © StockLib für istockphoto.com
Bild unten:Silke R. Plagge ©Inga Sommer

Und wie ist das bei Ihnen? Haben Sie auch schon Tage ohne die Kinder verbracht? War das schön oder schrecklich? Wir sind gespannt auf Kommentare!

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  • Stephanie

    Es ist wunderschön mal Zeit für sich zu haben, aber ich habe die Vermutung man verlernt diese Zeit dann auch für sich zu nutzen! Merke, dass ich immer versuche etwas sinnvolles zu machen…. dabei sollte es darum gehen etwas zu tun das einem selbst gut tut.

    lg,
    Stephanie von http://www.ferdinand-und-ich.de