Mein kleiner Fussel-Sauger

Sobald das Baby mobil ist, geht es los: Angucken, anfassen und ab damit in den Mund! Viele Mütter reagieren panisch. Kann das Kind krank werden, wenn es Staubflocken isst? Muss jetzt alles im Haushalt sterilisiert werden? Experten geben Entwarnung: Babys tut so eine Erfahrung meist gut. Aber einige Gefahren gibt es schon…

Meine Tochter hatte es als Baby eilig. Sie hob besonders früh den Kopf und fing zeitig mit dem Robben an. Aber als sie sechs Monate alt war, entdeckte sie etwas völlig Neues: winzige Teile auf dem Boden. Ich konnte es erst gar nicht glauben. Ganz schnell robbte sie plötzlich los und pickte etwas unter dem Tisch auf. Und dann – schwupps – hatte das Krümelmonster schon einen Brotkrümel, der herunter gefallen war, im Mund.

Nun gibt es verschiedene Varianten der mütterlichen Reaktion. Ganz stolz sein, dass das Kind schon motorisch so geschickt ist und auch mit den Fingern so etwas kleines Feines greifen kann. Ganz gestresst sein, weil das Baby sicher nun jede Menge Dinge aufsammeln wird und der Haushalt entsprechend aussehen muss. Oder ganz viel Erleichterung, weil nun kein Staubsauger mehr im Haushalt benötigt wird. Irgendwie war meine Reaktion eher eine Mischung aus den Varianten a und b.

Erst beim nächsten Treffen der Krabbelgruppe wurde Panik geschürt. Denn meine Kind kümmerte sich auch um die Bodenhygiene bei meiner Freundin. Und die wurde richtig hysterisch. „Oh Gott, sie hat irgendetwas gegessen, schnell in die Notambulanz!“ (es war natürlich Mittwochnachmittag). Ich war eigentlich ganz gelassen und sah überhaupt keinen Grund für die Aufregung der anderen Mutter. Fünf Babys lagen entspannt auf der Decke, eines machte sich gerade auf dem Weg unter das Sofa. Ich hob meine neugierige Tochter hoch und sah in ihr zufriedenes Gesicht. „Och, die isst gerade alles“, erklärte ich und blieb weiterhin gelassen. Danach brach eine heftige Diskussion aus. Wir Mütter waren uns uneinig, wie entspannt man auf Fussel und Babys reagieren darf.

Babys erobern mit allen Sinnen ihre Umwelt

Im Gegensatz zu den Müttern sind sich Experten allerdings sehr einig. Kinderarzt Dr. Peter Voitl erklärt besorgten Eltern: „Eine all zu saubere Umgebung für Babys und Kleinkinder kann kontraproduktiv sein, denn Bakterien im Hausstaub können gegen Allergien und Asthma vorbeugen.“ Er zitiert den Leiter einer US-Studie aus Denver, die dies Phänomen untersucht hat. Der Leiter der Studie, Andrew Liu, sagte: „Dies mag erklären, warum Kinder, die in einer ländlichen Umgebung aufwachsen, etwa auf Bauernhöfen mit Tieren, ein geringeres Allergie- und Asthmarisiko haben. Das könnte ein wichtiger Anhaltspunkt bei der Suche nach effektiver und sicherer Asthma-Vorbeugung sein.“

Krümel auf dem Boden schützen also vor Allergien. Sie können aber noch mehr: Sie helfen dem Kind, die Welt zu begreifen. Der Dipl. Psychologe Dr. Heinz Krombolz vom Münchener Staatsinstitut für Frühpädagogik verdeutlicht, wie wichtig es für kleine Kinder ist, erste körperliche und sinnliche Erfahrungen zu machen. Er erklärt im ‚Familienhandbuch’: „Das Kleinkind, das lernt, sich selbständig fortzubewegen, kann dadurch seinen Lebensraum beständig erweitern und erforschen, seine Unabhängigkeit steigern und neue Erfahrungen sammeln, die für seine weitere Entwicklung entscheidend sind.“

Auf dem Boden robben und etwas vom Boden aufpicken ist tatsächlich eine neue Art, die Welt zu „begreifen“. Das Baby spürt zunächst mit dem Körper den Fussboden, dann sieht es den interessanten Gegenstand – den Krümel – ertastet ihn, riecht ihn und schmeckt ihn. Für das Kind eine wichtige Erfahrung, die es ganz allein gemacht hat.

Wenn das Kind soweit ist, dass es seine Umwelt erobern möchte, beginnt für Eltern allerdings auch eine anstrengende Zeit. Sicher, so ein Brotkrumen oder eine paar Staubfussel sind überhaupt nicht schlimm. Wie die Experten erklärten stärken sie ja sogar die Abwehr. Aber Gefahren lauern doch auf die kleinen Entdecker – und die sollten Eltern kennen.

Mögliche Gefahrenquellen erkennen – runter auf die Knie!

Was könnte für das aktive Baby gefährlich werden? Um die Schwachstellen im eigenen Haushalt zu erkennen, hilft nur eines: runter auf die Knie! Oder noch besser auf den Bauch. Denn aus dieser Perspektive sieht der Nachwuchs ja sein Zuhause. Legen Sie sich besten selbst auf den Teppich im Wohnzimmer und untersuchen Sie das Bad, den Flur und die Küche. Was können Sie herankommen? Was könnte interessant sein? Was risikoreich?

Die häufigsten Gefahrenquellen für Babys auf Entdeckungsreise: Dinge, an denen sie sich stoßen oder verletzen können. Scharfe Kanten, etwa vom Couchtisch, können mit einem Kantenschutz gesichert werden. Auch Steckdosen- und Treppensicherung sind selbstverständlich.

Tatsächlich sind Staubfussel für Babys harmlos. Wer einmal entdeckt hat, dass die blöd schmecken, wird nicht mehr so häufig in Versuchung kommen, sie zu essen. Vorsicht ist allerdings schon bei festen Kleinteilen angesagt, denn auch wenn es lustig klingt, dass das Baby einen Staubsauger ersetzt, bei Dingen wie Murmeln, kleinen Legosteinen oder Nüssen kann es gefährlich werden. Achten Sie also darauf, was in die Greifweite des Kindes kommt.

Nicht mit der Sauberkeit übertreiben!

Wenn das Baby aktiv wird, haben einige Eltern das Gefühl, sie müssten sich nun mit einem ganzen Arsenal an Putzmitteln ausrüsten. Schmutzige Schuhe von Besuchern können richtige Putzattacken auslösen. Aber zuviel Sauberkeit ist tatsächlich übertrieben. Für einen normalen Hausputz reichen harmlose und wirksame Reiniger wie Essig, Spülmittel oder Neutralseife völlig.

Laut dem Deutschem Grünen Kreuz für Gesundheit e.V. wird vor allem von antibakterielle Reinigungsprodukten abgeraten. Sie wirken nicht besser als normale Reinigungsmittel, vor allem aber haben Untersuchungen gezeigt, dass sie Bakterien gar nicht oder nur für kurze Zeit verschwinden lassen. Antibakterielle Reiniger fördern nachweislich die Entstehung von Allergien, schwächen das menschliche Immunsystem und belasten außerdem die Umwelt.

Die gilt erst recht für Desinfektionsmittel! Desinfektionsmaßnahmen in Privathaushalten sind nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich, erklären die Experten vom Deutschen Grünen Kreuz. Denn Desinfektionsmittel vernichten nützlichen Mikroorganismen, führen zu Resistenzen bei krankheitsverursachenden Bakterien und können daher das menschliche Immunsystem schwächen.

Den wenigsten ist klar, das desinfizierende Mittel meist Stoffe enthalten, die für Menschen gefährlich werden können: Triclosan etwa kann über die Haut aufgenommen werden und in den Stoffwechsel schädigen. Der Zusatzstoff Benzalkoniumchlorid gilt als allergieauslösend. Und Natriumhypochlorid, eine Substanz, die in vielen Reinigern zu finden ist, setzt Chlor frei, das Haut und Schleimhäute reizen kann. Der Einsatz von Desinfektionsmitteln sollte nur in Rücksprache mit dem Hausarzt (etwa nach einer ansteckenden Magen-Darm-Erkrankung) erfolgen.

Sobald das Baby nicht mehr krabbelt oder robbt, verlieren kleine Gegenstände auf dem Boden ohnehin ihren Reiz. In den Mund stecken Kleinkinder allerdings immer noch vieles – ihr Einsatz als Fusselsauger ist jedoch wirklich zeitlich sehr begrenzt.

Bild:© Lisa Valder für istockphoto.com

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