Kind und Hund – Interview und Verhaltenstipps von der Hundetrainerin

Rund 5 Millionen Hunde leben in Deutschland. Die meisten sind friedliche Haustiere. Eltern sind oft verunsichert. Sind die Tiere für Kinder gefährlich? Wie sollten Kinder, die Hunde nicht gut kennen an die Tiere herangeführt werden? Und was, wenn ein Hund im Haushalt lebt und ein Baby kommt? Wichtige Grundregeln im Experteninterview mit zwei Hundetrainerinnen.

Die Hundetrainerinnen Anja Haufs und Janine Inoks von „Leinenstolz“ arbeiten als Coach für Menschen und Hunde – sie haben im liliput-lounge.de Interview die wichtigsten Fragen rund um das Thema Hunde und Kinder gern beantwortet:

liliput-lounge.de: Welche Erfahrungen haben Sie mit Hunden und Kindern gemacht?
Janine Inoks: Oft erleben wir, dass Kinder unsicher und ängstlich auf Hunde reagieren, wir merken auch, dass auch immer mehr Eltern ihre eigenen Ängste übertragen. Es gibt auch einen Unterschied zwischen Stadt und Land. Im ländlichen Umfeld reagieren Kinder offener und weniger ängstlich, im städtischen, beengten Umfeld vorwiegend sensibler und ängstlicher auf Hunde.

Junge küsst seinen Hund auf die Schnauze

Keine Angst vor Hunden (Bild: Thinkstock)

Was kann gegen diese Ängste unternommen werden?
Janine Inoks: In unseren Welpengruppen haben wir gern die Kinder der Hundebesitzer dabei und setzen auch unsere eigenen erwachsenen Hunde ein. Unter Anleitung erleben wir, dass auch ängstliche Kinder einen entspannteren Umgang lernen können. Auch für die Welpen ist es wichtig, sich frühzeitig an Kinder zu gewöhnen.

Woran kann ich als überhaupt erkennen, ob ein Hund gefährlich sein kann?
Janine Inoks: Das kann man sehr gut an der Körpersprache erkennen. Wenn mir ein Hund entgegen kommt, der sehr steif geht, den Kopf, Rücken und Rute in einer Linie hält, den Blick auf mich fixiert und die Ohren aufgerichtet hat – dann ist er mit Vorsicht zu genießen. Am besten bleibt man stehen, dreht sich seitlich zum Hund und blickt ihm nicht in die Augen. Einen solchen Hund in diesem Moment in die Augen zu sehen kann provozieren. Bitte keine hektischen Bewegungen machen oder wegrennen. Ruhig stehen bleiben, bis der Besitzer kommt oder der Hund von alleine weiter geht.

Man erlebt oft auch, dass Hunde auf rennende Kinder zustürmen. Kindern sollte früh beigebracht werden, dass sie dann stehen bleiben sollten und nicht schreiend weiterlaufen. Der Hund hat nämlich im Kopf, das Kind zu begrenzen und zu stoppen, denn Kinder sind aus Hundesicht Welpen und diese dürfen sich nicht ungehemmt und dynamisch bewegen.

Die meisten Bissunfälle passieren nicht mit fremden, sondern mit bekannten Hunden. Wie kann es dazu kommen?
Anja Haufs: Tatsächlich wurde in einer Studie der Universität Graz vor wenigen Jahren festgestellt, dass es sich bei Beißsvorfällen in 25% der Fälle um den eigenen Familienhund handelte und rund 75% der Beißvorfälle durch Hunde, die das Kind kannte, geschah.
Ursache ist oft falsches Verhalten im Umgang mit dem Hund. Lautes, frontale Zustürmen auf den Hund oder falsches Verhalten beim Spielen mit dem Hund. Oft bedrängen Kinder Hunde, verstehen ihre Signale nicht oder stören sie beim Schlafen oder Fressen.

Wie nehmen Hunde Kinder wahr?
Anja Haufs: Hunde müssen im Umgang mit Kindern lernen, sie zu akzeptieren. Wenn das Tier gelernt hat, dass Kinder eine Sonderrolle außerhalb der Rudelrangordnung einnehmen und für deren Hierarchie nicht von großer Bedeutung sind, gibt es für den Hund keinen Grund, in Konkurrenz mit den Kindern zu treten.

Babys- und Kleinkinder werden vom Hund als Welpen des Sozialverbandes angesehen. Sie bewegen sich ungeschickt, bedürfen der Erziehung, Pflege und Versorgung. Kleine Kinder dürfen bei einem Hund, der gut geprägt und sozialisiert ist, häufig viel, ein Krabbeln über den Hund, eine feste Umarmung oder Toben wird toleriert.

Das ist aber auch ein heikler Punkt, denn „Welpen“ brauchen aus Wahrnehmung des Hundes Erziehung. Ist der Hund überstrapaziert, wird er zu Verhalten aus dem hundlichen Repertoire greifen, kann den Nackenstoß oder Schnauzgriff einsetzten. Und das führt natürlich zu Ängsten und im schlimmsten Fall zu Verletzungen.
Hunden darf nicht gestattet werden, erzieherische Massnahmen zu ergreifen. Hier sollten Eltern sofort einschreiten. Auch wenn sie erkennen, dass der Hund vom Kind bedrängt wird, müssen Eltern sofort handeln

Bei Schulkindern und Jugendlichen gibt es anderes Konfliktpotential: Ältere Kinder möchten den Hund auch wie ihre Eltern erziehen, Jugendliche können vom Hund als Konkurrenten im Rudel wahrgenommen werden – hier kann es zu Spannungen kommen.

Es ist daher in allen Entwicklungsstufen von Kind und Hund wichtig, dass Eltern ihre Kinder niemals alleine mit dem Hund lassen sollten!

Oft ist der Hund zu erst in der Familie. Wie bereitete man einen Hund am besten darauf vor, dass ein Säugling ankommen wird?
Anja Haufs: Es ist wichtig, dass das Kinderzimmer als Taburaum für den Hund festgelegt wird. Dieser Raum sollte vorhanden sein, bevor das Baby nach Hause kommt. Der Hund sollte das Kinderzimmer nicht ohne das Beisein von Vater oder Mutter betreten.

Wichtig ist, wer die Bezugsperson des Hundes ist. In den meisten Fällen sind es die Frauen der Familie. Der Hund sollte daher in langsamen Schritten daran gewöhnt werden, dass der Mann für ihn nun mehr zum Sozialpartner wird.

Und das muss geübt werden. Am besten übernimmt der Partner schrittweise die Fütterung, den Spaziergang, das Training und Spielen mit dem Hund.
Man sollte auch schon vorher trainieren, das die werdende Mama ein Baby auf dem Arm trägt oder mit einem Kinderwagen unterwegs ist. Hierzu ein Puppen-Training, auch wenn das komisch klingt. Dadurch, das man eine Puppe im Arm trägt und sich ausschließlich mit ihr beschäftigt, kann man den Hund daran gewöhnen, dass ihm nicht mehr uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu Teil wird. Wichtig ist, dem Hund dabei keine Beachtung zu schenken und mit beiden Eltern wechselseitig üben.

In weiteren Trainingsschritten kann das Unterwegssein mit dem Kinderwagen geübt werden. Die Mutter schiebt dabei den Kinderwagen, beschäftigt sich mit dem „Baby“ und der Hund wird vom Partner an der Leine geführt. Idealerweise kann der Partner durch Suchspiele mit Trockenfutterstückchen oder Spielzeug vom Hund den Hund beschäftigen. So lernt der Hund, dass es positiv und spannend für ihn ist, mit dem Baby unterwegs zu sein.

Auch mit der Babywiege im Wohnzimmer kann geübt werden. Die Mama kümmert sich um die Puppe, der Partner lässt den Hund Dinge suchen oder macht mit Trockenfutter Suchspiele in dem Raum, wo auch die Wiege steht. Aber bitte nicht zu nah an dem Bettchen trainieren.Der Hund soll die positive Erfahrung machen, dass er weiterhin die Zuwendung und Aufmerksamkeit bekommt, die er braucht.

Bitte keine benutzte Windel des Babys aus dem Krankenhaus mit nach Hause bringen und den Hund daran schnüffeln lassen. Es macht keinen Sinn für den Hund. Er bringt den Geruch der Windel nicht mit dem Baby, dass einige Zeit später zu Hause sein wird, in Verbindung.

Wie eng darf ein Kontakt sein? Darf der Hund auf die Krabbeldecke oder den Säugling ablecken?
Janine Inoks: Es kommt dabei natürlich immer auf den Hund an. Die Krabbeldecke und das Spielzeug von dem Kind sollten für den Hund tabu sein. Grundsätzlich sollte man wie gesagt nie einen Hund unbeaufsichtigt mit dem Kind alleine lassen. Wenn man seinen Hund sehr gut kennt und dabei ist, dann kann der Hund kontrolliert natürlich auch an das Kind herangelassen werden und es auch mal ablecken. Die Hunde sollten, gerade wenn die Kinder noch sehr klein sind, öfter entwurmt werden, aber ansonsten ist es aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter bedenklich. Im Gegenteil, Kinder, die mit Tieren aufwachsen, haben später weniger mit Allergien zu tun oder sind weniger krankheitsanfällig.

Dieser Welpe kann nicht vom neuen Familienmitglied lassen und findet das Baby zum Knutschen (Youtube)

Wie gut kann man den eigenen Hund in so einer neuen Situation wirklich kennen?
Janine Inoks: Da man bei einer für den Hund neuen Situation zunächst einmal nicht weiß, wie er reagieren könnte, würde ich immer äußerste Vorsicht an den Tag legen.  Diese Frage würde ich zunächst einmal mit: „nie zu 100 %“ beantworten wollen. Wir empfehlen sich zu Anfang der Schwangerschaft einen kompetenten Trainer zu Rate zu ziehen, der einem erklärt, wie man den Hund auf die neue Situation vorbereiten kann und der einem eine Einschätzung zu dem Hund und eine Hilfestellung geben kann, wie man sich bestenfalls zu verhalten hat.

Inwieweit profitieren Kinder und Hunde von einander?
Anja Haufs: Der Hund kann für ein Kind Kuschel- und Spielpartner, aber auch ein Lebewesen sein mit dem man spannende Abenteuer besteht.
Kinder, die zusammen mit Hunden aufwachsen, lernen Verantwortung zu übernehmen und Respekt von dem Lebewesen Hund.

Wenn auch ein Hund zur Familie gehören soll – was wäre der ideale Zeitpunkt für die Anschaffung? Wenn das Kind klein ist oder älter? Eher Welpe oder ausgewachsener Hund?
Janine Inoks: Unsere Empfehlung wäre erst dann einen Hund dazu zu holen, wenn das Kind schon in den Kindergarten geht, damit auch genügend Zeit da ist, den Hund zu erziehen, zu prägen und auf seine Umwelt zu sozialisieren. Oder aber genau anders herum, wenn der Hund etwa drei Jahre alt und somit erwachsen ist, erst dann ein Baby zu bekommen. Aus unserer Erfahrung heraus hat es sich als schwierig erwiesen, einen Welpen zu einem Säugling dazu zu holen, da sonst sozusagen zwei Kinder mit viel Arbeit auf einen warten.

Da natürlich ein Säugling gerade am Anfang sehr viel Aufmerksamkeit braucht, die Nächte auch sehr kurz sind, ist es eine große Herausforderung und ein hoher Anspruch, parallel dazu auch noch einen Welpen zu erziehen. In der Regel bleibt die Arbeit dann ja nur an einer Person hängen und nicht selten ist diese dann sehr überfordert. Man kann sowohl einen Welpen als auch einen erwachsenen Hund zu einem Kind holen, wobei bei dem älteren Hund natürlich seine Herkunft und Vorgeschichte berücksichtigt werden sollte.

Weiterlesen:  Verhaltenstipps von Hundetrainerin Anja Haufs

Kontakt zwischen Kindern und fremden Hunden?

Verhaltenstipps von Hundetrainerin Anja Haufs:
Wichtig ist, dass Kinder nicht einfach so Kontakt mit Hunden aufnehmen. Folgende Punkte sollten beachtet werden:

  • Kindern sollte erklärt werden, nie mit einem lauten Begeisterungsschrei auf einen Hund zuzustürmen. Die Kontaktaufnahme zu einem Hund geschieht leise und eher beiläufig.
  • Man sollte darauf achten, dass sich Kinder in der Umgebung eines Hundes ruhiger und undynamisch verhalten, also kein schnelles Laufen, keine schnellen Bewegungen, kein lautes Rufen.
  • Mütter sollten darauf achten, wie ihr Kind auf den Hund reagiert. Sind Kinder Hunde nicht gewöhnt, können sie vor Angst erstarren und empfinden die Begegnung mit dem Hund oft als bedrohlich. Dabei wird aus Angst der Blick fest auf den Hund gerichtet. Damit signalisiert das Kind dem Hund, dass etwas nicht stimmt. Der Hund kann das Verhalten des Kindes als bedrohlich empfinden und selbst der freundlichste Hund kann hier mit Bellen oder Anspringen reagieren.
  • Hundebesitzer sollten immer erst gefragt werden, ob Hund es überhaupt mag, von Fremden angefasst zu werden.
  • Mütter sollten immer erst einige Zeit im Gespräch mit dem Hundebesitzer verbringen, bevor der Fokus auf den Hund gelegt wird. Der Hund sollte bei diesem Gespräch erst einmal ignoriert werden. Dabei kann sich die Mutter etwas vor das Kind stellen, damit Hund sieht, dass das Kind vom Erwachsenen kontrolliert und geschützt wird.
  • Eine Annäherung an den Hund, egal ob er freilaufend oder an der Leine ist, sollte nie frontal geschehen. Dies kann als Bedrohung vom Hund aufgefasst werden. Kinder sollten sich gemäßigt in einem Bogen auf Hunde zu bewegen und nicht zu dicht an den Hund herantreten. Stehen sie vor dem Hund, sollten sie dies am besten seitlich, mit leicht abgewandtem Kopf und Blick tun.
  • Hunde mögen kein Tätscheln auf den Kopf und werden sich wegducken. Lieber werden Hunde mit dem Handrücken seitlich an der Flanke berührt.

Für Kinder ab 7 Jahren gibt es in vielen Orten Hundegewöhnungsseminare. Neu ist ein Projekt für ein sicheres Verhältnis zwischen Kindern und Hunden, das sich schon an Kinder ab drei Jahren wendet. “Der blaue Hund”  ist ein Zeichentrickfilm, der im Internet und auf CD zu sehen ist und Risiko-Szenen zeigt und erklärt, wie diese zu vermeiden sind. In einigen Orten gibt es hier auch Kindergartenprojekte.

Mehr Informationen über das Coaching von Mensch und Hund und die Hundetrainerinnen Janine Inoks und Anja Haufs unter:
www.leinenstolz.de
Bild Mitte: Janine Inoks und ihre Hund © privat
Bild unten: Anja Haufs © privat

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  • Gisela Kliche

    Hallo zusammen, wir haben seid 6 Jahren eine Französische Bulldogge. Da unsere Kinder groß sind haben wir sie behandelt wie unser Baby,ich weiß das dies ein Fehler wahr. Wir haben schon zwei Enkelkinder 6 und 9 Jahre din in Frankreich leben und wir sie zwei mal im Jahr sehen. Jetzt wo sie größer sind klappt es auch mit unserem Hund. Nun hat unsere Tochter ein Baby bekommen und damit ein für mich großes Problem,sie versucht jeden anzuspringen der die kleine auf den Arm hat,oder sie sitzt vor einem Hechelt ohne Ende und dabei Fixiert sie das Baby und meine Tochter. Ich weiß jetzt einfach nicht wie verhalten wir uns richtig ohne das wir bei dem Hundi etwas verkehrt machen bis zuw Reagieren. Hat jemand vielleicht Erfahrung gemacht wie man sich am besten verhält. Haben einfach Angst das sie unserem Enkel etwas böses will.

    Gisela