Kinder brauchen Matsch und Liebe

Kinder lieben es klebrig. Eine körperfreundliche Erziehung ist wichtig, betont Expertin Helga Gürtler. Denn so können Eltern dabei helfen, dass ihre Kinder stark und selbstbewusst werden – und sie vor Gefahren schützen.

Eltern kennen es manchmal von sich selbst. Und auch in den Medien wird es immer wieder deutlich: sehr viele Menschen haben ein schlechtes Verhältnis zu ihrem Körper. Er ihnen zu dick oder zu dünn, die Nase passt nicht oder das Kinn ist zu fliehend. Diäten und Schönheitsoperationen werden vor einem breiten TV-Publikum inszeniert.

Die Diplom-Psychologin Helga Gürtler, selbst Mutter von drei Kindern, sieht diese Entwicklung sehr kritisch. „Immer mehr Mädchen, zunehmend auch Jungen, werden in der Pubertät magersüchtig oder ess-brechsüchtig. Und sehr, sehr viele sind mit ihrem äußeren Erscheinungsbild unzufrieden.“ Die Jugendlichen bekämpfen ihren Körper, kasteien sich und laufen verzweifelt einem Schönheitsideal nach.

Wer seinen eigenen Körper nicht mag, die stämmigen Beine oder die Segelohren als schlimmen Fehler sieht, kann kein solides Selbstwertgefühl entwickeln. „Wenn ich einen Teil meiner selbst nicht ausstehen kann, unbedingt verändern will, kann ich auch mich selbst als Ganzes nicht so akzeptieren, wie ich bin“, erklärt die Psychologin.

Den eigenen Körper zu spüren, auf seine Bedürfnisse und Signale achten zu können, ist besonders wichtig, betont die Expertin. Nur Kinder, die ihren Gefühlen vertrauen, können und ihre eigenen Körpersignale verstehen, merken, ob ihnen etwas schmeckt oder nicht, ob sie eine Berührung angenehm finden oder nicht, können anderen Menschen Grenzen setzen.

Doch wie können Eltern Kindern helfen, ein stabiles selbstbewusstes Gefühl für ihren Körper zu entwickeln?

Den eigenen Körper entdecken macht stark © Thinkstock

Den eigenen Körper entdecken macht stark © Thinkstock

Kinder müssen lernen sich selbst zu spüren

Wir nehmen unseren Körper nicht mit unserem Verstand, sondern mit unseren Sinnen wahr. Wir sehen, riechen, hören, fühlen und schmecken. Kinder lernen ihren eigenen Körper mit all seinen Funktionen erst noch kennen. Und sind von Anfang an fasziniert. Neugeborene sind noch vom Anblick der eigenen Hand begeistert, Babys finden es wahnsinnig interessant, wenn sie in der Badewanne ein Geschäft erledigen und sie ihren eigenen Kot untersuchen können.

Wir Erwachsenen hingegen finden das alles selbstverständlich. Nehmen unseren eigenen Körpergeruch als unangenehm war und achten selten darauf, was wir ertasten, fühlen oder riechen können. Halten Sie doch jetzt eine Sekunde inne. Was hören Sie gerade? Wie riecht es ihm Raum?

Kinder haben die sinnliche Wahrnehmung noch nicht verlernt. Sie können sie sogar noch bewusst lernen und darauf mit ihren Eltern achten. Helga Gürtler erklärt das so: „Ein Kind, das sich in seinem Körper wohl fühlen soll, braucht Nahrung für alle seine Sinne, es soll sich darin bestätigt fühlen, auf alle seine Sinneswahrnehmungen zu achten, auch die Gefühle, die sie auslösen – angenehme und unangenehme, lustvolle und widerliche oder schmerzhafte zu beachten und zu berücksichtigen. Dann wird ihm sein Körper weniger fremd bleiben.

Körpervertrauen ist für die Entwicklung wichtig

Der Körper eines Kindes ist etwas, über das zunächst die Eltern bestimmen. Sie entscheiden, wann das Baby gewickelt, gewaschen oder gefüttert wird. Im Vordergrund steht die Versorgung. Doch auch für Zärtlichkeiten, Liebkosungen und Bewunderung muss Raum sein.

Wichtig ist, dass das Kind lernt seinen Körper zu spüren, auch nackt strampeln darf und seine Füße auch lustvoll abschlecken darf.

Wie fühlt sich Gras auf nackter Haut an? © Thinkstock

Wie fühlt sich Gras auf nackter Haut an? © Thinkstock

Babys kennen noch keinen Ekel

Eltern schränken oft die Wahrnehmung ihres Kindes ein. Für das Kind ist der große Haufen im Topf nicht ekelig, es ist stolz auf ihn. Aber wenn die Eltern ihn voller Abscheu leeren, das Wickeln immer rasch und effektiv erledigen, lernt das Kind, dass ein Teil von ihm schmutzig und unanständig ist. Sie verlieren die Freude am eigenen Körper und können übertriebenen Ekel entwickeln.

Wie gut ein Kind seine Ausscheidungen kontrollieren kann, gilt in unserem Kulturkreis oft als Gütekriterium für elterliche Erziehungskunst. Manche Eltern entwickeln einen unnötigen Eifer. „Kinder werden auch dann sauber, wenn man einfach wartet, bis sie selbst das Bedürfnis haben, die Windel loszuwerden und auf den Topf oder die Toilette zu gehen“, erklärt Helga Gürtler. Denn wenn das Kind selbst anfängt, sich für die Ausscheidungen zu interessieren und dies auch darf, wird es das Sauberwerden selbst spannend finden.

Aber darf ein kleines Kind mit dem eigenen Kot spielen oder mit den Geschlechtsteilen? Die meisten Erwachsenen akzeptieren das nicht und erklären „Pfui” und „Das tut man nicht!” Eine körperfreundliche Erziehung akzeptiert den kindlichen Forscherdrang und die sinnlichen Freuden der Kinder – und lenkt sie vorsichtig in bestimmte Bahnen.

Natürlich muss das Kind lernen, dass es nicht überall mit dem Inhalt der Windel herummatschen kann oder verschmieren darf. Nacktsein sollte sich auf bestimmte geschützte Räume oder das Haus beschränken. Wichtig ist auch den Kindern zu erklären, dass das Anfassen der eigenen Geschlechtsteile nicht falsch ist – aber eben etwas sehr privates, nicht schlecht, aber etwas, dass andere Leute nicht sehen müssen. „Wenn Ihr Kind lustvoll mit seinem Geschlecht spielt, zeigt es, dass es sich in seinem Körper wohl fühlt und sich gesund entwickelt. Wenn es sich dabei nicht versteckt, zeigt es, dass es Vertrauen zu Ihnen hat“, so Helga Gürtler.

Zu Hause sollen Kinder alles über ihren Körper erforschen dürfen und offen darüber sprechen können. Wichtig ist darum, dass alle Körperteile Namen bekommen, nüchterne oder zärtlich-verspielte. Und es nicht bei einem verschämten „da unten“ bleibt. „Wenn Kinder darin bestätigt werden, auf ihre eigenen Empfindungen zu achten und sich nach ihnen zu richten, werden sie auch unbefangen anzeigen, welche Berührungen durch andere ihnen angenehm sind und welche nicht. Und sie sollen wissen: Ich darf alles mit meinem Körper machen, andere dürfen das nicht ohne meine Erlaubnis“, betont die Psychologin Helga Gürtler. So ein stabiles Selbstwertgefühl schützt die Kinder auch vor Übergriffen.

Schmutzig machen muss sein dürfen ©Thinkstock

Schmutzig machen muss sein dürfen ©Thinkstock

Kinder müssen ihrem eigenen Gespür vertrauen dürfen

„Kinder haben sehr früh schon ein feines Gespür dafür, was ihr Körper braucht, was ihm gut tut,“ erklärt Helga Gürtler. Eltern können sie darin bestärken und unterstützen. In dem wir fragen: „Hast du Durst?“ oder „Ist dir kalt?“ Viel zu oft entscheiden Eltern, dass ein Kind friert oder durstig ist. Und ob es Hunger hat oder auf den Topf muss.

Kleine Kinder, die sinnliche Erfahrungen machen dürfen, lernen auch ihre Bedürfnisse besser zu spüren. Kinder lieben es ihren Körper zu erspüren. Sie haben eine natürlichen Bewegungsdrang, wollen kreischen, bis die Ohren klingen, rennen toben, solange bis der Kopf rot ist. Beim Verausgaben spüren sich Kinder intensiv selbst. Und auch das stärkt das Selbstwertgefühl.

Doch Kinder haben noch lange eine hintergründige Freude an allem, was matscht und stinkt, so die Psychologin. „Mit Modder manschen oder sich gar darin wälzen, bis man aussieht wie ein Ferkel. Wissen Sie noch, wie lustvoll das sein kann? Wie sauwohl man sich da in seiner Haut fühlen kann?“

Eltern können Kinder helfen die Welt mit allen Sinnen zu erkunden, zu matschen mit Lehm oder Papiermaschee, Burgen aus Sand oder Teig bauen. Nachtwanderungen machen und Fühlpfade bauen. Und sich selbst dabei von der riesigen sinnlichen Freude der Kinder anstecken lassen. Um sich gemeinsam sauwohl und geliebt zu fühlen.

Helga Gürtler, geb. 1936, Dipl.- und Kinderpsychologin, ist Autorin zahlreicher Bücher und Aufsätze, hält Vorträge und ist in der Fortbildung von Erziehern sowie in der Elternarbeit tätig. Sie hat neben drei erwachsenen Kindern auch drei Enkelkinder und lebt in Berlin.
Buchtipp: Helga Gürtler: Glückliche Dreckspatzen. Kinder brauchen Matsch und Liebe. Patmos Verlag, 180 Seiten, Juni 2011, ISBN: 978-3-8436-0016-3,
€ 14,90

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