Erziehung: Nein macht stark

Der dänische Experte Jesper Juul hat ein klares Konzept: Es ist das magische Wort “Nein”. Warum es die liebevollste Antwort ist, die Eltern ihrem Kind geben können.

“Den Erdbeerjoghurt will ich nicht. Ich will Schokopudding!” schreit der dreijährige Piet. Gernervt antwortet der Vater: “Soll ich etwa im Schlafanzug zum Supermarkt gehen und welchen kaufen?”
Eine typische Familiensituation am Frühstückstisch. Und ein Streit, der nicht sein müsste, so der dänische Familientherapeut und Erziehungsexperte Jesper Juul. “Kinder brauchen keine Grenzen, Kinder brauchen Erwachsene, die abgrenzt sind,” erklärt er.  Die Aufgabe von Eltern sei es, ein Leuchtturm zu sein, der Signale zur Orientierung aussendet.
Sind Kinder Tyrannen und Eltern Weicheier?

Nein tut Kindern gut (© panthermedia.net, Marina Cleve)

Nein aus Liebe
Aber gerade hier fühlten sich viele Eltern hilflos und ohne Vorbilder. Aus Angst, die Beziehung zu ihrem Kind zu zerstören, fällt es ihnen schwer, den Wünschen und Forderungen nicht nachzukommen. Piets Vater hat nicht wirklich vor, gleich in den Supermarkt zu gehen. Seine Antwort ist aber uneindeutig: Darf der Dreijährige wirklich wählen, was der Vater machen soll?
Ein “Nein” kann zu heftigen Auseinandersetzungen führen, davor scheuen sich Mütter und Väter. Aus Angst oder aus Bequemlichkeit. Doch dieses “Nein” gehört zur Elternrolle, so Jesper Juul. Und zwar aus Liebe, denn ein grenzenloses Gewähren zeigt dem Kind nicht, wo der Erwachsene steht und was er denkt. Dann kann sich das Kind auch nicht an ihm orientieren.
Ja ist einfacher
Wer nicht “Nein” sagt, kann auch nicht lernen, aus vollem Herzen “Ja” zu sagen. Das gilt für die Beziehung zum Kind und auch in der Paarbeziehung der Eltern. Juul rät Eltern, tief in das eigene Herz zu blicken. Sehr oft wird Ja gesagt, weil es einfacher ist. Nicht, weil man es möchte. Eltern wollen beliebt sein und scheuen den Konflikt, doch wenn das Ja nicht ehrlich gemeint ist, kann es nur falsch sein.
Die vierjährige Mia mault so lange, bis die Mutter mit ihr in eine Eisdiele fährt. Missmutig und schlecht gelaunt sitzt sie dem Kind gegenüber. Ein “Nein, ich möchte heute kein Eis essen. Wir machen das zusammen, wenn die Sonne scheint,” wäre ehrlicher gewesen. Mutter und Kind hätten dann den Ausflug genießen können.
Wünsche versus Bedürfnisse
In den 70er und 80er Jahren fand die letzte große Erziehungdebatte statt. In den Mittelpunkt wurde das Recht des Kindes gelegt. Ein Fehler, so Juul. Denn das Kind dürfe eben nicht die zentrale Rolle in der Familie spielen. “In den Familien müssen die Erwachsenen die Führungsrolle übernehmen.”
Eltern müssen unterscheiden lernen zwischen dem, was sich Kinder wünschen und dem, was sie wirklich brauchen. Wünsche wissen Kinder zu äußern, Bedürfnisse jedoch nicht. Eines der wichtigsten Bedürfnisse von Kindern sind klare Eltern, an denen sie sich orientieren können. Und natürlich elementare Dinge wie Nähe, Sicherheit, Nahrung, Kleidung und Fürsorge. Dieser Grundbedarf steht gar nicht zur Diskussion und sollte Kindern immer zur Verfügung stehen.
Nein bei Babys und Kleinkindern
Eltern sehr kleiner Kinder stecken ihre eigenen Bedürfnisse stets zurück, stehen auf, wenn sie schlafen möchten, unterbrechen ein Gespräch, wenn das Baby weint und vernachlässigen eigene Pläne, wenn das Kind krank ist. Wichtig ist, dass sie sich totzdem klar machen, dass sie als Eltern die Führungsrolle haben.
Wer müde neben dem Kinderbett sitzt, sollte sich sagen: ” Es ist mein Entschluss, hier mit dir zu sitzen, bis du einschläfst. Es bist nicht du, der darüber entscheidet.” Wenn das gelingt, spürt das Kind die Substanz des Erwachsenen und reagiert entsprechend. Eltern dürfen sich nicht als willenlose Opfer ihrer Kinder betrachten.
Umso älter Kinder werden, desto mehr Orientierung brauchen sie. Kleinkinder übertreten ständig Grenzen und sehen sich selbst als Mittelpunkt der Welt. Sie müssen ihre eigenen Bedürfnisse erst noch kennenlernen und testen, was den Eltern gefällt und was nicht. Wichtig sind hier vor allem klare Aussagen der Eltern.
Wenn die zweijährige Tochter ihrem Vater die Brille herunterreißt, kann er sagen: ” Papas Brille ist teuer. Die darf nicht kaputt gehen.” oder “Nein. Ich will nicht, das du die Brille nimmst.”  Wer von sich selbst in der dritten Person spricht hat nur wenig Aussagekraft. Ein klares, freundliches Nein bewirkt mehr.
“Nein ist die schwierigste und gerade deshalb die liebevollste Antwort – sie erfordert am meisten Umsicht, Engagement, Ehrlichkeit und Mut,” erklärt Jesper Juul, selbst Vater und Großvater.
Klare Eltern signalisieren ihren Kindern den Weg und das macht stark – ein Leben lang.
Photo: Jesper Juul, Kösel Verlag

, , , , ,