Grenzen für Babys – ab wann fängt Erziehung an?

Kinder sollten die Spielregeln des menschlichen Miteinanders lernen. Aber ab wann sollten Babys erste Grenzen gesetzt bekommen? Und wie soll das gehen?

Kleine Menschen haben von Geburt an Bedürfnisse und die möchten sie erfüllt bekommen. Meist bemühen sich Eltern dem Kind Nahrung, Nähe und frische Windeln zukommen zu lassen. Das Baby soll lernen, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden.

Kinder brauchen dies, um ihr Urvertrauen zu behalten und eine innerliche Grundsicherheit zu bekommen. Sie müssen aber auch lernen, dass es andere Menschen mit eigenen Bedürfnissen gibt. Eltern müssen Kindern die eigenen Grenzen aufzeigen, manchmal Einhalt gebieten und ihnen zeigen und vorleben, welche Werte und Regeln im Zusammenleben gelten.

Aber auch wenn das Thema „Grenzen“ in allen Erziehungsratgebern vorkommt und immer wieder diskutiert wird – viele Eltern tun sich sehr schwer damit, ihren Kindern klare Ansagen zu machen. Gründe dafür gibt es viele: Manche haben in der eigenen Kindheit Erfahrungen mit viel zu strikten Grenzen gemacht und möchten solche Fehler vermeiden, andere mögen sich beim Kind nicht unbeliebt machen und scheuen den Konflikt, den ein „Nein“ mit sich bringt. Was ist richtig, was ist falsch in der Kindererziehung? Nicht immer sind sich beide Elternteile einig und oft vertrauen Mütter und Väter nicht auf ihr instinktives Gefühl – aus Angst, etwas falsch zu machen.

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Doch gerade dieser Wunsch nach Perfektion – schon von Anfang an – erzeugt für Eltern und Kinder einen enormen Druck. Der dänische Erziehungsexperte Jesper Juul erklärt:

Es gibt keine perfekten Eltern! Es gibt nicht einmal annähernd perfekte Eltern!

Der Pädagoge betont, dass selbst die besten Eltern mindestens 20 Fehler an einem einzigen Tag machen.

Wann sollten dem Kind die ersten Grenzen gesetzt werden?

Die Frage, wann Erziehung beginnt, belächeln die meisten Experten. Und geben sie meist zurück. Denn alle Eltern kennen die Antwort: von Geburt an. Sicher sollen Babys merken, dass sie und ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Doch selbst die geduldigsten und liebevollsten Eltern können ihre eigenen Bedürfnisse nicht immer zurückstecken. Und das sollen sie auch gar nicht – denn das Kind muss ja auch lernen, dass die Mutter auch ein eigener Mensch mit eigenen Bedürfnissen ist. Ein Säugling kann das natürlich noch nicht, aber für die Eltern ist es wichtig, sich abzugrenzen. Das Baby schreit jedes Mal, wenn Mama sich zum Essen hinsetzen will? Dann kann es keine Lösung sein, dass die Mutter darauf verzichtet, Mahlzeiten einzunehmen. Das Baby muss daher eine erste Eingrenzung des eigenen Bedürfnisses nach ständiger Nähe erfahren – weil die Bedürfnisse der Mutter eben auch wichtig sind.

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Je aktiver Babys werden, desto häufiger wird es erste Konflikte geben. Denn an den schön schimmernden Ohrringen von Oma darf es nicht ziehen. Oder Papa die Brille von der Nase greifen. Automatisch wird man die Hand des Babys wegnehmen und ein erstes „Nein“ aussprechen. Was den Nachwuchs nicht daran hindert wird, die Brille gefühlte 100 weitere Mal am Tag herunterziehen zu wollen. Doch irgendwann verstehen die meisten Kinder, dass das Verhalten eben nicht geht.

Je aktiver die Kinder werden, umso mehr weiten sie ihren Aktionsradius aus

Der mobile Krabbler findet schnell heraus, dass die Klappe vom Videorekorder sehr lustig ist. Da passt eine Kinderhand rein – was noch? Aus eigener Kraft kann das Kind nun reichlich schnell spannende Dinge erreichen – das Bücherregal, den CD-Schrank, das Handy oder Blumentöpfe. Toll. Überall kann man etwas ausräumen, herumwühlen oder draufdrücken. Es kann sehr spannend sein, die Welt zu entdecken. In dieser Phase müssen Kinder aber auch erste Enttäuschungen erleben. Sie dürfen eben nicht alles erforschen. Papas Stereoanlage ist tabu. Und Gefahrenquellen wie Steckdosen (auch mit Sicherung besteht ein Restrisiko) erst recht. Eltern müssen mit einem klaren „Nein“ Grenzen zu setzten.

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Natürlich bleibt es nicht nur bei einem „Nein“. Im Blumentopf wird weiter herumgebuddelt, die CD weiter fröhlich aus dem Schrank gezogen. Kleine Kinder hören zwar das „Nein“ und merken, welche Gesten, Handlungen und Wörter auf ihre Taten folgen. Aber sie denken noch nicht strategisch und leben im Augenblick. Nur weil es gestern „Nein“ gesagt wurde, kann es heute ja anders sein. Weltentdecker testen noch Ursache und Wirkung. Und das in endlosen Versuchsreihen. Lieblingsobjekt der Forscher sind sehr oft die Eltern. Wie ist die Reaktion, wenn ich meinen Breilöffel herumdrehe? Es sieht so interessant aus, wenn der Brei auf den Tisch fällt und ist witzig mit beiden Händen darin herumzumatschen. Und Mama läuft dann immer in die Küche und holt den schönen gelben Lappen. Hinter dem Verhalten steckt purer Forscherdrang, keine böse Absicht. Auch wenn es die Eltern manchmal reichlich nerven kann.

Es gibt Kleinkindeltern, die jeden Bereich der Wohnung absichern, alle unteren Regale leer räumen und Schränke verschließen. Doch ehrlich gesagt macht das nicht wirklich Sinn – denn das Kind muss ja lernen, dass es nicht alles darf. Einige Schränke  – etwa den mit Putzmitteln – sollte man sicher verschlossen halten. Auch Glas gehört nicht in Kinderreichweite. Aber das Kind sollte natürlich entdecken dürfen. Aber eben mit Einschränkungen.

Diese Einschränkungen können für Eltern natürlich reichlich anstrengend sein. Manchmal scheint es, als ob Kinder unter zwei Jahren das „Nein“ gar nicht wahrnehmen. Im Blumentopf wird täglich fast zwanzig mal herumgewühlt, die CD aus den Hüllen geholt. Wichtig ist es, die Geduld nicht zu verlieren. Das Kind abzulenken. Oder zu gucken, was es da eigentlich genau macht. Buddeln ist so klasse? Dann ab in die Sandkiste (und später den Blumentopf mit einer alten Nylonstrumphose schützen). Die CD-Hülle wird so gerne auf den Boden gehauen, weil es toll klingt? Dann setzten Sie sich zu ihrem Kind und geben ihm ein Spielzeug, beispielsweise einen Ball mit Glocke, der auch witzige Geräusche macht.

Und wenn das Kind wirklich Unsinn macht?

Je größer der Nachwuchs wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es etwas anstellt, das Eltern wirklich zur Weißglut treibt. Doch was tun, wenn ein Zweijähriger das Bett mit Kot beschmiert oder ein 18-Monate altes Kind das edle Sofa von Oma mit einem Stift ruiniert? Die erste Maßnahme ist oft eine Auszeit – für die Eltern. Denn am besten ist es, sich erst einmal zu beruhigen. Wer in solchen Situationen laut brüllt und das Kind am liebsten schütteln möchte ist kein Monster, sondern ein ganz normaler unperfekter Mensch. Und auch das müssen kleine Kinder lernen. Wenn sie massiv die Grenzen verletzten, wird dies meist massive Reaktionen bewirken.

Wenn die innere Ruhe wiederhergestellt ist, können Sie erste Hilfe Maßnahmen für Bett und Sofa einleiten und dann Kontakt zu dem Kind herstellen. Wichtig ist, dass Sie mit kleinen Kindern das Geschehene nicht ausdiskutieren. Denn das verstehen die Kleinen noch nicht.

>Neurobiologen erklären, dass sich Kinder unter zwei Jahren Verbote gar nicht merken können, da sie in der Regel nur für drei bis vier Minuten im Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden. Erst, wenn das Kind in der Lage ist, zu verstehen, warum es ein „Nein“ ausgesprochen wurde und sie eigene Erfahrungen gesammelt haben, können sie lernen, dass etwas verboten ist.

Weniger ist mehr

Um sich optimal zu entwickeln, brauchen Kinder eine spannende und abwechslungsreiche Umgebung. Sie müssen sich ausprobieren dürfen und ihre Umgebung erforschen. Und sie müssen lernen, dass nicht alles dürfen, weil einiges gefährlich sein kann. Wichtig ist, dass Eltern sich einig sind. Wenn Mama erlaubt, dass das Kind die Tuppertöpfe ausräumen darf, Papa das aber verbietet, ist ein Kleinkind verwirrt. Einige wenige, aber klare Grenzen sind für kleine Kinder das Beste.

Generell ist es wichtig, Sprache gezielt einzusetzen um das Kind nicht zu überfordern. „Was möchtest du Essen?“ überfordert knapp Zweijährige. Aber „Möchtest du eine Banane oder einen Apfel?“ gibt ihnen eine klare Möglichkeit sich zu entscheiden. Wer zu einem Kind sagt: „Ich will das du deine Socken anziehst“, wird schneller eine Reaktion bekommen, als die Ansage: „Zieh doch bitte deine Socken an, ja?“

Klare Ansagen machen es oft ganz unnötig, Grenzen zu ziehen und beugen Konflikten vor. Genauso wie Konsequenz. Die brauchen alle Kinder. Auf keinen Fall sollten aufgestellte Regeln wieder geändert werden. Kekse essen im Kinderzimmer ist immer verboten. Ja bedeutet Ja und Nein bedeutet Nein. Wenn ein Kind das begreift, dann wird es auch nicht endlose Diskussionen mit den Eltern führen. Sicher wird es das gelegentlich versuchen, aber wer einknickt und Verbotenes doch erlaubt, macht sich und dem Kind das Leben schwer.

Eines gehört übrigens noch zu dem „Nein, so nicht“ unbedingt dazu: Ehrlich gemeintes Lob. Denn genauso wie das Kind erfährt, was es nicht machen soll, so sehr ist es auch wichtig, dass seine Leistungen gewürdigt werden. Lob ist die beste Vorbeugung, denn es bestärkt ein Kind positiv und gibt Mut.

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  • Mami

    Super