Gebärmuttersenkung vermeiden

Probleme mit dem Beckenboden sind ein Tabu. Dabei gibt es gute Therapien. Worauf Frauen achten sollten, damit sie den Halt nicht verlieren.

Ulrike war es so schrecklich peinlich. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes hatte sie immer wieder Probleme mit Inkontinenz. Beim Tragen schwerer Lasten, beim Hochheben der Kinder und selbst beim plötzlichen Niesen funktionierte der Schließmechanismus ihrer Blase nicht mehr richtig.
Ihr Frauenarzt diagnostizierte schließlich eine leichte Senkung der Gebärmutter mit Harnblasenvorwölbung. Der Gynäkologe empfahl eine regelmäßige Gymnastik. Denn zu einer gezielten Rückbildunggymnastik nach der Geburt war Ulrike nicht gegangen. Ein Fehler.
Prävention bei Gebärmuttersenkung

Gebärmuttersenkung: Vorbeugen ist möglich (© panthermedia.net David Rehner)

Doch jetzt hielt sie sich an den ärztlichen Rat und erarbeitete sich mit konsequenten Beckenbodenübungen ihre Lebensfreude zurück. Sie kann jetzt wieder mit ihren Kindern herumtoben ohne Angst zu haben, dass plötzlich Tropfen daneben gehen.
Doch für viele Betroffene ist der Weg ein anderer. Sie trauen sich oft erst zu spät zum Arzt. Und dann reichen Übungen allein meist nicht mehr aus.
Wenn der Boden nachgibt
Was genau ist eigentlich eine Gebärmuttersenkung? „Normalerweise werden die Organe des kleinen Beckens durch die Beckenbodenmuskulatur und den so genannten Halteapparat der Gebärmutter in Position gehalten“, erklärt Prof. Dr. Stefan Niesert, Direktor der Essener Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Elisabeth-Krankenhauses. „Ist die Muskulatur geschwächt, kommt es zur Senkung und die Gebärmutter kann sich in die Scheide senken. Auch die benachbarten Organe Harnblase und Darm können betroffen sein und ihre Lage verändern. Es gibt unterschiedliche Schweregrade, im Extremfall kann es vorkommen, dass die Gebärmutter soweit absinkt, dass sie ganz oder teilweise aus der Scheide herausragt. Man spricht dann von einem Gebärmuttervorfall.“
Zu einer Schwäche des Beckenbodens neigen viele Frauen. Meistens machen sich die Folgen dieser Veranlagung allerdings erst in oder nach den Wechseljahren bemerkbar. Aber manchmal kann solch eine Senkung auch schon jüngere Frauen treffen. Auslösende Faktoren sind  anstrengende körperliche Arbeiten und der Druck der während einer Schwangerschaft und Geburt auf dem Beckenboden lastet.
Besonders gefährdet sind Frauen mit mehreren schnell aufeinanderfolgenden Schwangerschaften. Das gilt auch für Frauen, die große und schwere Kinder geboren haben oder Mehrlinge. Eine chronische Verstopfung oder ein dauerhafter Husten, wie etwa bei einer chronischen Bronchitis, führen ebenfalls zu einer Druckerhöhung im Bauchraum und zu einer Überlastung des Beckenbodens. Ein weiterer Risikofaktor ist Übergewicht.
Als ob etwas herausfällt
Nicht immer verursacht eine Gebärmuttersenkung auch Probleme. Prof. Niesert: „Während einige Frauen keine Beschwerden angeben, beschreiben andere ein Druck- oder Fremdkörpergefühl in der Scheide, bis hin zum Gefühl des ‚Herausfallens’ von Organen und Schmerzen im Unterbauch und Rücken. Beim Geschlechtsverkehr kann es ebenfalls zu Schmerzen oder einem Druckgefühl kommen.” Oft entsteht durch die Beckenbodenschwäche zusätzlich eine so genannte Stressinkontinenz. Anfangs kommt es nur bei einer Druckerhöhung im Bauchraum – beispielsweise beim Lachen oder schwerem Tragen – zum unfreiwilligen Urinabgang. Je nach Ausprägung kann dies auch im Sitzen und Liegen passieren.
Symptomatisch sind wiederkehrende Blasenentzündungen und eine so genannte Restharnbildung, bei der die Blase nicht vollständig entleert wird. Wölbt sich auch der Darm durch die Schwäche in die Scheide vor, können Schwierigkeiten bei der Darmentleerung auftreten. Kommt es zum Gebärmuttervorfall und tritt die Gebärmutter aus der Scheide aus, ist der natürliche Scheidenverschluss gestört. “Unangenehme Reizungen, Druckgeschwüre, Entzündungen, Blutungen am Gebärmutter- und Scheidengewebe können die Folge sein, “  so Prof. Niesert.
Wirkungsvolle Hilfe
Da eine Gebärmuttersenkung durch eine Schwäche des Bindegewebes und der Beckenbodenmuskulatur verursacht wird, können nur die Symptome therapiert werden. Die Behandlung ist abhängig vom Befinden der Betroffenen, den Beschwerden und dem Schweregrad der Senkung. „Es wird zwischen konservativen und operativen Therapiemethoden unterschieden“, erklärt Prof. Niesert. „Konservative Behandlungsmethoden können bei leichtgradiger Senkung oder einem kleinen Inkontinenzproblem bereits gute Erfolge erzielen.”
Eine konsequente Beckenbodengymnastik  hat eine stärkende Wirkung auf die Muskulatur. Durch tägliches Training kann ein vorhandenes Inkontinenzproblem wieder zurückgehen. “Für einen dauerhaften Erfolg ist es aber notwendig, dass die Übungen auch nach dem Verschwinden der Symptome weiter geführt werden.“
Zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur kann ebenfalls Reizstromtherapie eingesetzt werden. Dabei wird ein Stab in die Scheide oder den Enddarm eingeführt. Mit Strom wird dann die Muskulatur angeregt, sich zusammen zuziehen. Die von Östrogenen kann nach den Wechseljahren hilfreich sein. Das weibliche Hormon verbessert als Tablette oder lokal als Salbe oder Zäpfchen die Durchblutung des Bindegewebes und der Schleimhaut im Bereich des Beckenbodens.
Ein Netz für sicheren Boden
Bei einer stärkeren Gebärmuttersenkung oder einem Vorfall mit Harninkontinenz bleibt oft nur eine operative Behandlung. Es gibt heute viele Operationsmöglichkeiten. Welche Methode zum Einsatz kommt, muss von Fall zu Fall entschieden werden. „Ziel eines operativen Eingriffs ist es, die Organe wieder zu stabilisieren und langfristig in Position zu halten. Dabei wird der Winkel zwischen Gebärmutter, Blase und Harnröhre verbessert und somit auch die Inkontinenz behoben“, erklärt Prof. Niesert. „Treten die Beschwerden nach dem gebärfähigem Alter auf, wird oftmals eine Entfernung der Gebärmutter mit einer stützenden vorderen und hinteren Scheidenplastik kombiniert.“
Seit kurzem gibt es verschiedene sanftere Behandlungsmethoden: Beispielsweise ein Netz, das in den Beckenboden implantiert wird und dort das erschlaffte Gewebe ersetzt und die Gebärmutter stützt. Ein anderes Netz wurde so entwickelt, dass es sich nach dem Einsetzen zum Teil wieder auflöst. Für diese Eingriffe ist kein Bauchschnitt notwendig und die Patientinnen bereits nach wenigen Tagen das Krankenhaus verlassen. Ein anderes Operationsverfahren, gerade bei Stressinkontinenz, ist das Einsetzen einer stabilen Schlinge. Sie wird von der Scheide her eingeführt und stabilisiert die Harnröhre.
Vorbeugen ist möglich
Genauso wie über eine Gebärmutttersenkung geschwiegen wird, ist Inkontinenz ein Tabuthema. Der Verlust der Kontrollfunktion der Blase ist für sehr viele Menschen ein Problem:  Allein in Deutschland sind etwa 4 bis 6 Millionen Menschen betroffen – hauptsächlich Frauen. Die Dunkelziffer dürfte noch einmal so hoch sein, schätzen Urologen.
Mit entsprechender Prävention lässt sich die Problematik aber verhindert. Schwangere sollten in den letzten Monaten der Schwangerschaft beginnen, den Beckenboden zu schonen. Tipps dazu gibt es meist bei den Hebammen. Besonders wichtig: Schweres Tragen vermeiden.
Entscheidend ist auch eine gute Rückbildung. Denn ein gesunder Beckenboden verhilft einerseits zu einer befriedigenden Sexualität und schützt andererseits nachhaltig vor Blasen- und Kontinenzproblemen. Gezieltes und regelmäßiges Beckenbodentraining ist eine kürzlich von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte essenzielle Therapiemethode bei Frauen.
Wie haben Sie es gehalten? Haben Sie an einem Rückbildungskurs teilgenommen? Lesen Sie hier unsere aktuelle Umfrage.

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