Mist, das Kind flucht!

„Assloch“ ruft der Anderthalbjährige und die Mutter möchte vor Scham im Boden versinken. Kinder lieben verbotene Worte. Doch wie sollen Eltern reagieren, wenn der Nachwuchs schimpft und flucht? Experten raten zu Gelassenheit.

Kinder saugen Worte auf wie kleine Schwämme. Wunderbar. Aber leider auch manchmal ganz schön unangenehm. Ich erinnere mich noch zu gut an die Szene, als ich gemeinsam mit dem 18-Monate alten Sohn und seiner Oma im Auto fuhr. Jemand nahm mir die Vorfahrt. Ich grummelte vor mich hin und von hinten rief ein Stimmchen: „Assloch!“ Es war eines der ersten Worte des Juniors. Ich habe so eine Ahnung, wo er es aufgeschnappt haben könnte – denn immerhin rief er es ja nur im Auto.

Aber auch andere Kraftausdrücke kamen schnell in das kindliche Vokabular. Kein Wunder, denn ehrlich gesagt rutscht mir auch schon einmal ein deftiges Wort heraus, etwa wenn die Apfelsaftflasche auf den Küchenboden knallt und ich danach klebrige Scherben aufwischen muss. Also selbst Schuld, wenn die Kinder Schimpfworte benutzen?

 

Alle Völker dieser Welt fluchen

Mit Worten Wut abzulassen ist eigentlich ganz normal. Erklärt jedenfalls der Sprachwissenschaftler Roland Ris. Sein Spezialgebiet ist die Malediktologie, ein Zweig der Psycholinguistik, der sich mit dem Fluchen und Schimpfen beschäftigt. „Fluchen kommt in den besten Familien vor“, erklärt er. Egal, wo und wann, überall auf der Welt wurde schon immer Sprache als Ventil benutzt. Zorn und Wut zu unterdrücken sei auch gar nicht richtig, findet der Sprachexperte: „In einem Milieu aufzuwachsen, in dem die Eltern nie ein böses oder lautes Wort von sich geben, ist ja unglaublich drückend.“

Aber Kinder kopieren nicht nur die eigenen Eltern, sie lernen mit Sprache zu spielen. Sie testen die Reaktionen ihrer Umwelt auf neu gelernte Worte, das sieht auch der Diplom-Psychologe Andreas Engel von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke): „Kinder sind auch Sprachforscher, Worterfinder und Wortakrobaten, fasziniert von der Macht der Worte und mit Freude am Tabubruch“, erklärt er.

Schon mit zwei und drei Jahren merken die Kleinen, dass man Eltern ärgern und schockieren kann. Mit dem Eintritt in den Kindergarten wird das Vokabular dann noch reichlich gefüttert. Vor allem alle Begriffe, die vermutlich Tabu sind, finden die Kleinen besonders lustig. „Du Pupser,“ ist ein schwere Beschimpfung. Oder nicht? Erst die Reaktion der Erwachsenen zeigt den Kindern, welche Wortwahl und welche Sprache in welcher Situation angemessen sind. Aber was, wenn die Kinder wirklich schlimme Worte benutzen? Oder ständig fluchen? Der Erziehungsexperte rät zur Gelassenheit: „Erfahrungsgemäß wendet sich das besondere Interesse von Kindern bald neuen Gegenständen zu.“

Richtig Schimpfen

Für Eltern ist das aber nicht unbedingt einfach. Die Kinderpsychologin Colette Heinemann rät daher, genau hinzuhören, wann der Nachwuchs Schimpfwörter benutzt. „Geht es darum, negative Emotionen über die Sprache zu kanalisieren, ist das nicht nur in Ordnung, sondern verhindert, dass Wut und Ärger körperlich ausgedrückt werden.“ Wenn der kleine Bruder das Kunstwerk der Fünfjährigen mit Filzstiften zerstört, dann ist ihr zorniges „Du Blödi“ also eine bessere Reaktion als ein Schlag. Wenn Kinder allerdings bei eigenen Missgeschicken ständig vor sich hinschimpfen, sollten Eltern mit gutem Vorbild zeigen, dass das nicht sein muss.

Schwieriger wird es für Eltern, wenn Kinder sie ganz gezielt verletzen möchten. „Mama, du bist ’ne blöde Schlampe“ etwa ist ganz bestimmt nicht sprachlich kreativ, sondern eine pure Provokation – mit einem Wort, dass das Kind wahrscheinlich noch nicht versteht, dass aber trotzdem eine völlige Entgleisung ist. „Da muss man sofort einen Riegel schieben und seinem Kind vermitteln, dass es dieses Wort nicht mehr gebrauchen darf“, so die Kinderpsychologin. Denn auch ein verbaler Tritt gegen das Schienbein ist tabu.

Die wirklich schlimmen, bösen Wörter schnappen Kinder meist von Gleichaltrigen auf. Fast immer kommen sie aus der Fäkalsprache. Das liegt schlichtweg daran, dass Deutsch auch tatsächlich sehr viele Schimpfworte aus diesem Bereich hat. Das fängt ja schon beim Mist an und geht munter weiter. Neu ist das nicht. Schon meine Mutter sah mich als Kind böse an bei bestimmten Worten und erklärte mir, dass ich da Begriffe in den Mund nähme, die andere nicht einmal anfassen mögen, so dreckig seien sie.

Wenn aber Ausdrücke aus dem Bereich der Sexualität benutzt werden, sind Eltern häufig besorgt. Ist da irgendetwas vorgefallen? Tatsächlich geben die Experten hier Entwarnung. Die f-Wörter, die inzwischen auch Kindergartenkindern locker über die Lippen gehen, sind einfach nicht mehr so tabuisiert wie früher. Kinder hören sie im Fernsehen, bei älteren Geschwistern von Freunden oder im Bus. Die Nutzung solcher Worte ist noch kein Grund zur Sorge.

Unangenehm ist natürlich auch, wenn Kinder „Behindi“ oder anderes Diskriminierendes sagen. Sprachwissenschaftler Roland Ris unterscheidet hier zwischen Ärgerloslassen und gemeinen Beleidigungen. Political Correctness oder Verbote nützen allerdings nicht wirklich viel, meint er. „Es ist schlicht unrealistisch, ein bestimmtes Vokabular zu verbieten. Denn sobald die Kinder wieder unter sich sind, fallen die Ausdrücke wieder.“ Eltern sollten erklären warum solche Begriffe unter die Gürtellinie zielen und das sie auch einen selbst ins Abseits stellen. Denn durch solche eine Wortwahl grenzen sie sich in Kindergarten selbst sozial aus.

 

Was können Eltern tun?

Wenn Kinder fluchen und schimpfen, können Eltern sollten Eltern gelassen bleiben. Sich sichtbar über die heftigen Wörter aufregen ist genauso falsch, wie das Lachen darüber. Denn eine solche Reaktion lockt nur weitere verbale Attacken. Wenn ein Elternteil beschimpft wird, sollte mglichst ruhig der Satz: „Das ist ein schlimmes Wort, ich will nicht, dass du so etwas zu mir sagst, weil mich das traurig/wütend macht“, gesagt werden.

Auch ein eigener kreativer Umgang beim Zorn kann Entspannung und Lachen bringen. Der Briefträger, der den wichtigen Brief zerknickt hat, also in der Wut lieber einen „Heini“ nennen und beim nächsten Apfelsaftmalheur „Ju de pommes“ (Französisch für Apfelsaft) brüllen. Das hilft auch beim Dampfablassen.

Ansonsten, so Ris sollten man Kindern den eigenen Wortschatz lassen und ihnen erklären, was wann und wo angebracht sei: „Ich sagte meinen Kindern: So kannst du meinetwegen mit deinen Freunden reden, aber nicht zu Hause und erst recht nicht, wenn wir Besuch haben.“

 

Tipps zum Umgang mit Fluchen und Schimpfwörtern:

  • Die eigene Wortwahl bei Missgeschicken oder Streitigkeit beobachten und eventuell ändern. Wer selbst f-Wörter benutzt, darf sich nicht wundern, wenn die Kinder diese Worte normal finden
  • Eigene kreative Fluch- und Schimpfwörter in der Familie erfinden und auch selbst benutzen
  • Für besonders heftige Worte eine ‚Schimpfkiste’ hinstellen. In die werden böse Wörter gelegt
  • Je nach Alter versuchen dem Kind zu erklären, warum bestimmte Ausdrücke nicht verwendet werden sollten, warum sie weh tun oder gemein sind
  • Kindern erlauben im eigenen Zimmer zu schimpfen, ansonsten aber auf angemessene Wortwahl bestehen
  • Einmalige Ausrutscher ignorieren, denn ohne spannende Reaktion ist das Wort nicht aufregend. Dies gilt vor allem bei sehr kleinen Kindern – hier gar keine besondere Aufmerksamkeit schenken
  • Wenn Kinder wütend oder frustriert sind, dürfen sie Dampf ablassen. Passiert dies ständig, sollten sich Eltern allerdings Hilfe suchen
  • Wenn ein Kind wie unter Zwang und ohne Anlass Schimpfwörter benutzt, könnte dies auf eine psychische Erkrankung hinweisen. Auch hier Rat beim Kinderarzt oder Erziehungsstellen suchen

Bild oben: ©istock.com


 

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