Energieräuber stoppen

Annika ist gereizt, müde und erschöpft. Die berufstätige Mutter hat das Gefühl, dass andere sie ständig ausnutzen. Egal ob die Chefin, die Nachbarin, andere Mütter aus dem Kindergarten oder der eigene Mann – alle wollen immer etwas von ihr. Wie kann sie sich wehren? Kommunikationstrainerin Barbara Berckhan verrät erfolgreiche Strategien

Annika kam mal wieder zu spät zum monatlichen Treffen mit ihren Freundinnen. Eigentlich sollte sie sich ja auf diesen Abend freuen. Aber sie fühlte sich einfach nur müde und ausgelaugt. Sie arbeitet in einer Zahnarztpraxis und am Morgen hatten erst die Kollegin und dann auch noch eine Patientin ihr lange ihr jeweiliges Leid geklagt. Dann kam die Chefin und kritisierte Annika. Sie würde zuviel Zeit mit Quatschen verbringen. Das ärgerte Annika, denn wie hätte sie sich sonst verhalten sollen? Mit einem schlechten Gefühl hetzte sie nach der Arbeit in die Garage um schnell zum Kindergarten zu fahren.

Um 14 Uhr musste sie dort sein und ihre Töchter Mari (3) und Ella (5) abholen. Beide hatten sich verabredet und so tobte eine muntere Kinderschar durch das Haus, während Annika versuchte, ein wenig Ordnung zu schaffen. Erst klingelte eine Nachbarin und fragte Annika, ob sie ein paar Eier ausleihen könne. Annika seufzte und ging zum Kühlschrank. Ob sie wirklich in ein paar Tagen auch einen Eierkarton bekommen würde? Sie bezweifelte das, denn die Nachbarin mit dem mageren Vorräten hatte ein sehr schlechtes Gedächtnis. Ob Sie sie fragen sollte, wie das mit dem Kilo Mehl letzte Woche war? Aber Annika hatte keine Lust darüber zu reden.

Gegen 17 Uhr sollten die Freunde ihrer Töchter abgeholt werden. Doch die Mutter von Elena kam und kam nicht. Die Mädchen waren müde und fingen an zu streiten. Annika entschied, dass jetzt Zeit für ein Kinder-DVD war. Als die drei Kinder gerade zehn Minuten geguckt hatten, erschien dann Elenas Mutter. Vierzig Minuten nach der vereinbarten Zeit. Keine Entschuldigung. Nur ein Vorwurf. „Wie kannst du denn einfach die Kinder vor dem Fernseher parken, das geht aber nicht. Die sind doch erst fünf!“ schimpfte die andere Kindergartenmutter. Ohne Annika auch nur die Möglichkeit zu geben antworten zu können, fuhr sie fort: „Ich möchte dich bitten, solche Sachen mit mir abzusprechen. Denn Jule darf nur selten Fernsehen. Ach da fällt mir ein, kannst du Jule nächsten Dienstag nach dem Kindergarten mitnehmen? Ich habe da einen wichtigen Termin.“ „Oh ja, nächste Woche kommt du wieder!“ rief Annikas Tochter. Na super, so hatte Annika gar keine Wahl. Sie fühlte sich überrumpelt.

Während des Abendessens bekam Annika immer schlechtere Laune. Ihr Mann hatte doch versprochen, heute früher Feierabend zu machen. Nur einmal im Monat hatte sie einen festen Termin. Sie traf sich mit ihren Freundinnen aus der früheren Krabbelgruppe. Ohne Kinder in einem schönen Restaurant. Als Lutz endlich kam, hatte Annika den Kindern schon die Geschichte vorgelesen und sie lagen im Bett. Sie konnte ihrem Mann nur kurz ‚Hallo’ sagen und hetzte aus dem Haus. Eine Viertelstunde lang hatten die Freundinnen warten müssen. „Du kannst doch einfach anrufen, wenn du später kommst“, sagte Heike. Da explodierte Annika. „Ich muss doch keine Rechenschaft ablegen“, schrie sie. Und dann wurde sie richtig traurig. Wieso fühlte sie so aggressiv und so traurig?

Vier erfolgreiche Strategien gegen Energieräuber

Kommunikations-Expertin und Autorin Barbara Berckhan und findet es durchaus verständlich, dass Annika so gereizt ist. Denn als Mutter, Freundin, Ehefrau, Nachbarin und Angestellte, die auch noch für den Haushalt einer vierköpfigen Familie verantwortlich ist, lastet eine ziemliche Belastung auf ihren Schultern. Kein Wunder, dass sie erschöpft ist, denn ihre Batterien sind leer. Sie gibt anderen viel zu viel Energie ab.

Doch wie kann Annika das ändern? Vier Strategien können ihr helfen.

1. Annika muss lernen, sich gegen Kritik zu wehren. Denn natürlich waren die Worte der Chefin nicht angebracht. Hier kann es helfen, sich einen Schutzschild vorzustellen, an dem die Worte einfach abprallen. Auch die eigene Körpersprache kann bewusst eingesetzt werden. Aufrecht und gerade stehen ist eine königliche Muthaltung, die Stärke zeigt.

2. Sie sollte sich überlegen, wieso Energieräuber sie gerne anzapfen. Viele Frauen neigen dazu, automatisch mit dem Kopf zu nicken, wenn sie zuhören. Vielleicht ist auch Annika eine Frau, die so höfliches Zuhören zeigen möchte? Damit fühlt sich das Gegenüber bestätigt und Kollegin und Patienten fühlen sich ermuntert weiter zu reden. Und Annika wundert sich, warum sie „vollgequascht“ wird, ohne zu Wort zu kommen. Frauen wie Annika sind stets ansprechbar, hilfsbereit und zeigen Verständnis, etwa für das Zuspätkommen oder Nichteinhalten von Vereinbarungen. Und das raubt ihre Kraft. Dabei muss Annika überhaupt nicht immer für andere da sein. Sie darf auch eine Bitte, wie etwa den Besuch des Kindes in der nächsten Woche, ablehnen.

3. Annika sollte die Ansprüche an sich selbst herunterschrauben. Muss denn nach einem anstrengenden Arbeitstag auch der Haushalt perfekt sein? Hätte sie die Zeit, in der die Kinder allein mit den Freunden gespielt haben, nicht auch für eine kleine Aus-Zeit mit einem Buch oder einer schönen Tasse Tee nutzen können? Zum Abendbrot muss nicht immer ein frischer Salat zubereitet werden und Unterwäsche muss auch nicht gebügelt werden. Pausen sind nicht egoistisch, sondern gesunder Eigensinn, der wichtig ist.

4. Annika lädt sich zuviel auf. Sie muss dringend üben, Nein zu sagen. Es ist nicht unhöflich mit einem Lächeln abzulehnen. Viele Frauen neigen dazu, sich gleich zu entschuldigen. Ein „Es tut mir ja Leid, dass ich nächste Woche keine Zeit habe deine Tochter zu nehmen, aber ich habe so viele Termine und….“ ist eine typische lange Rechtfertigung. Damit wird das Gegenüber ermuntert, das Nein nicht zu akzeptieren und zu versuchen Annika umzustimmen. Ein klares „Nein, ich das möchte ich nicht“ ist viel klarer. Eine kurze knappe Begründung dazu reicht. Aber weder muss Annika sich entschuldigen, noch sich rechtfertigen. Wenn sie nach außen hin ihre Grenzen klar zieht, werden dies auch andere Menschen deutlicher erkennen und Annika als aufrichtiger wahrnehmen.

Buchtipps:

Barbara Berckhan: Jetzt reicht’s mir. Wie sie Kritik austeilen und einstecken können.ISBN: 978-3-466-30858-3. Kösel Verlag. Preis: 15,95 Euro

Barbara Berckhan: Die etwas gelassenere Art sich durchzusetzen. Ein Selbstbehauptungstraining für Frauen. ISBN: 978-3-453-86412-2. Heyne Verlag, Preis: 7,95 Euro

Link: www.barbara-berckhan.de

Bild oben: © MikLav für istockphoto.com
Bild unten: © Barbara Berckhan

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