Wie sexy fühlen sich Mütter?

Nach der Schwangerschaft hat sich der der Körper verändert. Wie schaffen Frauen es, wieder ein Gespür für sich selbst zu finden? Sexologin Ann-Marlene Henning erklärt, wie das geht und warum es so wichtig für die ganze Familie ist, wenn Frauen auch an sich selbst denken.

liliput-lounge.de: Wahrscheinlich fühlen sich viele Frauen nach einer Geburt unattraktiv und unsicher, oder?
Ann-Marlene Henning:
Natürlich verändert eine Schwangerschaft den Köper. Mutter zu sein ist auch noch ein ganz neues Gefühl. Da ist dieses kleine Wesen und fordert Aufmerksamkeit und Liebe. Der Partner möchte ebenfalls wahrgenommen werden. Das weibliche Gehirn signalisiert, dass Kümmern angesagt ist. Zeit sich selbst zu spüren und diesen neuen mütterlichen Körper zu entdecken können sich viele Frauen gar nicht nehmen. Und so werden sie unsicher und fühlen sich tatsächlich wenig ‚sexy’.

Wie sexy fühlen sich Mütter?

Wieder sexy fühlen nach der Geburt (Foto: Getty Images / Hemera)

Wenn der eigene Körper einem fremd geworden ist, wie ist es möglich, wieder ein Gespür für ihn zu entwickeln?
„Fremd geworden“ ist so eine Sache … Das Problem bei vielen Frauen ist, dass der eigene Körper nie richtig bekannt war. Jedenfalls, was die Sexualität angeht oder die Geschlechtsorgane.

Männer haben es da einfacher. Sie sehen und fühlen ihre Genitalien ja häufig. Frauen haben es oft gar nicht gelernt den Blick bei sich selbst in diese Richtung zu lenken. Und wenn dann nach der Geburt alles noch wieder anders und neu ist, sind viele verunsichert.

Nach einer Geburt fühlt sich die Brust anders an, sie ist prall und voller Milch – und als sexuelle Lustzone fällt sie zunächst eher aus. Auch die Vagina fühlt sich vielleicht anders an. Sieht sie auch anders aus? Das können viele Frauen gar nicht beantworten, denn sie haben sich, wie schon gesagt, auch vor der Geburt nicht wirklich mit ihrem Geschlecht oder ihrer eigenen Weiblichkeit angefreundet.

Der Körper ist den Frauen also nicht fremd geworden, er war ihnen auch schon vor der Geburt unbekannt?
Genau. Frauen haben oft nicht gelernt, sich selbst zu spüren. Die Lustorte ihrer eigenen Vagina sind ihnen unbekannt. Die Grundlage dazu wird schon in der Kindheit gelegt. Wie nennen Sie ihre ‚private parts’, wie die Amerikaner sagen? Einfach nur ‚da unten’?

Kleine Jungen berühren ihren Penis, setzten sich damit auseinander. Kleine Mädchen wissen oft nicht, wie sie wirklich aussehen. Wie funktioniert das eigentlich? Was macht mir Lust? Das ist ein Lernprozess – der oft zu spät oder gar nicht anfängt. Aber Frauen können das lernen. Aber es ist nie zu spät für eine Frau es zu lernen. Besser spät als nie!

Aber wenn so eine Sprachlosigkeit herrscht, ist es dann nicht sehr schwer, die eigenen sexuellen Wünsche und Bedürfnisse auszusprechen?
Der Lernprozess fängt damit an, sich um sich selbst zu kümmern. Kaum eine Frau fragt sich ‚Was möchte ich? Was kann ich Gutes für mich tun?’. Ich bitte Frauen, die zu mir kommen oft, eine Liste zu erstellen, mit zehn Dingen, die Ihnen Freude bereiten. Vielleicht eine schöne Zeitschrift lesen. Oder ein Bad. Damit tun sich einige sehr schwer, etwas aufzuschreiben, das wirklich nur für sie ist. Diese Liste sollte täglich anguckt werden. Und an jedem Tag sollte mindestens eine Wohltat drin sein, möglichst sogar viele. Eben der Moment der Stille mit einem Milchkaffee und ein Bummel über den Markt.

So beginnen Frauen zu spüren, was sie selbst mögen. Plötzlich entsteht auch ein Freiraum und der Blickwinkel kann sich ändern. Es geht eben nicht um das Kind oder den Mann, sondern um die eigenen Bedürfnisse. Das muss zunächst im Alltag umgesetzt werden.

Aber ist es nicht egoistisch, wenn eine Frau zu erst an sich selbst denkt?
Das ist ein gesunder Egoismus, der sogar für die ganze Familie notwendig ist. Wenn eine Frau immer nur denkt: ‚Ich darf mir keine Zeit für mich nehmen, ich bin doch eine Mutter!’ und sich nie kleine Auszeiten gönnt, sich immer zurückstellt, dann wird sie irgendwann richtig unglücklich. Und dann zickig und mit ihrer schlechten Grundstimmung die gesamte Atmosphäre in der Familie verdunkeln. Etwas für sich zu tun, vielleicht wieder Sport zu machen oder einfach mit einer Freundin alleine ins Café zu gehen, das ist für jede Mutter wichtig.

Und das wirkt sich auch auf den Sex aus?
Ja. Denn wenn eine Frau lernt, ihre eigenen Bedürfnisse im Alltag anzusprechen, dann wirkt sich das auch beim Sex aus. Sie merkt  im Bett vielleicht: ‚Oh, das würde ich jetzt gerne’ tun und traut sich dann auch diesen Gedanken auszusprechen. Wer sich selbst mehr spürt, bewegt sich anders, kann denn Beckenboden trainieren, hingucken und vielleicht sogar auch Neues entdecken.

Gerade wenn ein Baby da ist, ist das ja auch ein Rollenwechsel. Eben noch Stillen, Wickeln und Spuckflecken auf  der Schulter –  und danach glamouröse  Sexgöttin.  Wie soll das funktionieren?
Genauso funktioniert das eben nicht. Es geht ja nicht nur um Zeit für mich selbst, sondern auch um Zeit für uns als Paar. Was ist schöner Sex für mich? Muss es immer der ‚Gourmet-Sex’ sein, von dem wir schon sprachen? Oder geht es um Nähe, Zärtlichkeit?

Es muss nicht immer eine wilde Nacht mit zig Orgasmen sein. Sex ist ganz vielfältig. Wenn man den Partner spürt, dann ist der Orgasmus nicht immer nötig. Zwischen Windeln und Stillen ist es eben eine andere Nähe, als wenn ein Paar das Baby bei Oma abgibt und ein Rendevouz im Hotel hat.

Die Falle ist vor allem die eigene Anspruchshaltung. Und mangelnde Kommunikation. Denn wenn eine Frau gerade eher Lust auf einen Quickie hat und der Partner sich Stöckelschuhe und Dessous wünscht, dann ist es wichtig, sich nicht zu verstellen. Wer nur eine Rolle spielt, ist nicht bei sich selbst und spürt sich dann viel weniger. Glamoursex kann toll sein – aber kann überhaupt nur so genannt werden, wenn beide darauf Lust haben.

Was ist überhaupt mit den Männern? Wie können sie ihrer Frau helfen, wenn die sich nicht gut fühlt?
Sie können ihren Frauen Zeitinseln ermöglichen und sich um das Kind kümmern, damit eben das Bad in der Wanne oder der Kaffee mit der Freundin möglich wird. Und sie können ihrer Partnerin tägliche Rückversicherungen geben. In dem sie Dinge aussprechen, die ihnen an ihrer Frau gefallen. Zuspruch und ehrlich gemeinte Komplimente sind für Frauen unwahrscheinlich wichtig.

Also dürfen Mütter sexy sein?
Ja, wenn sie selbst es sich erlauben. Wer es lernt, den eigenen Körper zu spüren, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, fühlt sich besser. Das ist ein Prozess, der mit kleinen Schritten anfängt. Und bei dem man sich selbst gegenüber nicht zuviel verlangen sollte. Wer beispielsweise abnehmen möchte und mehr Sport machen sollte, fasst am besten einen realistischen Plan. Jeden Tag eine Stunde? Das ist so ein hoher Anspruch und lähmt. Zweimal die Woche dagegen ist realistisch.

Wenn eine Frau sich wieder besser mit ihrem Körper fühlt und sich Zeit nimmt, ihn so wie er ist, zu erkunden. Dann bekommt sie auch wieder Lust, sich schön zu machen – zunächst für sich selbst. Das wird auch der Partner attraktiv finden. Denn Frauen, die sich selbst lieben, sind sehr erotisch. Auch, oder vielleicht gerade, wenn sie Mütter sind.

Die Hamburger Beziehungsberaterin ist gebürtige Dänin und Mutter eines Sohnes (17). Sie studierte zunächst Neuro-Psychologie in Deutschland und später in Kopenhagen Sexologie. Heute berät sie in ihrer Praxis Menschen zum Thema Partnerschaft und Sexualität. Mehr über ihre Arbeit und über die “schönste Sache der Welt” berichtet sie auf ihrer Internet-Seite www.doch-noch.de.Mit viel Humor präsentiert sie auch seit kurzem garantiert schmuddelfreie aber handfeste Tipps für Frauen und Männer auf ihrem eigenen TV-Blog: www.doch-noch.tv.

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