Depressive Väter

Seit dem tragischen Tod von Nationalspieler Robert Enke wird endlich über ein Tabu gesprochen: Depressionen. Wenig bekannt ist bisher, dass auch Väter nach der Geburt ihres Kindes depressiv werden können. Was können Angehörige tun?

Jule (8 Wochen) hat Koliken. Sie schreit. Und schreit. Ihre Eltern wechseln sich mit dem Tragen ab: An Schlaf am Stück ist nicht zu denken. Trotzdem muss Papa Dirk wieder eine 40 Stunden-Woche im Büro verbringen. Kommt er nach Hause, übergibt ihm seine Frau Andrea sofort die Kleine.
Schlafmangel, das ständige Weinen, keine Zeit für sich oder die Partnerin. So hatte sich Dirk die Vaterschaft nicht vorgestellt. Und während es Jule immer besser geht, wird ihr Vater immer trauriger. Igelt sich ein und spricht kaum noch mit seiner Frau. Er ist kein Einzelfall.
Britische Forscher fanden in einer Studie heraus, dass etwa drei bis vier Prozent der Väter an einer Postpartalen Depressionen leiden. In den USA gilt sogar jeder zehnte Vater als betroffen. Für Deutschland gibt es noch keine Untersuchungen. Denn Männer reden nicht über ihre Depressionen, eine sehr hohe Zahl wird aber vermutet.
Vater leidet an Depressionen

Auch Väter können an Depression leiden (© panthermedia.net Dunca Daniel)

Bekannt ist, dass etwa zehn bis fünfzehn Prozent aller frischgebackenen Mütter an Postpartalen Depressionen leiden. Eine Depression der Eltern wirkt sich stark auf die Beziehung zum Kind aus. Betroffene Väter und Mütter beschäftigen sich weniger spielerisch mit dem Kind. Auch der gesunde Partner scheint weniger Zeit für das Kind zu haben, denn Untersuchungen zeigen, dass Kinder in solch einer Situation auch vom anderen Elternteil weniger Geschichten hören und Lieder vorgesungen bekommen.
Britische und amerikanische Wissenschaftler haben schon 2005 herausgefunden, dass Kinder von Vätern mit postnatalen Depressionen häufiger hyperaktiv sind. Das Zusammenleben mit einer depressiven Mutter hat dagegen eine stärkere Auswirkung auf die emotionale Ausgeglichenheit. Ihre Kinder sind ängstlicher und häufig traurig. Erstaunliches Ergebnis der Forscher: Mütterliche Depression wirkt auf Töchter und Söhne gleichermaßen, die väterliche Depression beinflusst vor allem Söhne.
Die Experten betonen, dass es für das Kind und für die betroffenen Eltern äußerst wichtig ist, eine Depression nach der Geburt zu erkennen und einen Arzt zu Rate zu ziehen.
Für Mütter ist es natürlich eine zusätzliche Belastung, wenn der Partner erkrankt. Eine Depression ist oft eine zermürbende Erkrankung, die nicht nur beim Betroffenen Spuren der Erschöpfung und Anspannung hinterlässt. Zusätzlich zum kranken Partner stehen die Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt. Für Frauen stellt das eine enorme Belastung dar. Unterstützung können hier Freunde und Bekannte und auch Selbsthilfegruppen geben.

Tipps für Angehörige:

  • Informieren Sie sich über Depressionen und suchen Sie ärztliche Hilfe. Viele Depressive haben – gerade in der Anfangsphase – meist keine Einsicht in ihre Krankheit. Je früher sie behandelt werden kann, desto besser.
  • Zeigen Sie Geduld. Vermeiden Sie Vorwürfe. Versuchen Sie, den Kranken nicht zu bedrängen. Machen Sie sich klar, dass der Partner ihre Ratschläge nicht will.
  • Denken Sie auch an sich! Die Grenze zu ziehen, ist schwierig. Lassen Sie sich nicht mit hinunterziehen, pflegen Sie Kontakte, achten Sie auf einen normalen Tagesrythmus. Pflegen Sie Ihre eigenen Freundschaften und Kontakte, damit Sie durch den Rückzug des Kranken nicht selbst in die Isolation geraten. Besonders in Ihrer Situation ist ein funktionierendes Netzwerk wichtig.
  • Auch Sie sind nicht endlos belastbar. Innezuhalten und Kraft zu tanken sind berechtigte Bedürfnisse. Gestehen Sie sich diese Bedürfnisse zu. Sie sind kein Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber Ihrem Partner oder Freund und seinen Anliegen und Nöten.
  • Im Zweifel sollten Sie sich selbst professionelle Hilfe suchen. Und zwar nicht erst, wenn Sie zusammengebrochen sind.

Literaturtipp: Laura Epstein Rosen: Wenn der Mensch den du liebst, depressiv ist. Rowohlt Verlag, 9,95€

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