Kinderkacke. Das ehrliche Elternbuch

Das Paar Heilmann/Lindemann hat zwei Kinder. Die stellen das Leben ihrer Eltern auf den Kopf – und zwar nicht nur positiv. Das ist manchmal kacke, finden die Autoren. Ob solcher Sprache mag so mancher zusammenzucken. Darf man das überhaupt sagen, selbst wenn man es so empfindet?

Viel Prügel in Leserbriefen an die Tageszeitung „Die Welt“ haben sie einstecken müssen, die beiden schreibenden Eltern, nachdem Auszüge ihres „ehrlichen Elternbuchs“ ganzseitig abgedruckt wurden. Kein Wunder, nehmen die beiden Eltern doch kein Blatt vor den Mund.

Sie berichten von öden Sonntagen, an denen regelmäßig Streit zwischen dem Paar ausbricht, weil der Sonntag “das Grab aller Ideale” ist, und Eltern kaum etwas anderes übrig bleibt, als auf den Spielplatz zu gehen. An Ausschlafen ist nicht mehr zu denken, und wenn man doch einmal nach Mitternacht leicht angeschickert ins Bett fallen sollte, kommt die Quittung am Morgen danach: Die Kinder quälen einen aus dem Bett. Hunger. Langeweile. Nervig. Da kann es schonmal vorkommen, dass statt eines Nachmittagskaffees am Sonntag um 17 Uhr die Rotweinflasche geöffnet wird, schreibt Vater Lindemann. Wer sollte es ihm verdenken?

Sex? Was war das? Müdigkeit und Stress scheinen zärtliche Begegnungen unmöglich zu machen, falls nicht die Kinder selbst Aufmerksamkeit einfordern. Abends sind die jungen Eltern einfach nur todmüde. Augen zu, weggetreten.

Manchmal, gesteht der Papa, kommt er in Versuchung, schlichtweg zu verschwinden aus seinem Leben. Zigaretten holen und alles hinter sich lassen, um wieder ein selbstbestimmter Mensch zu sein. Seiner Frau, schreibt Lindemann, geht das genauso. Ist das verwerflich? Nein, es ist ein Tabubruch. Gedacht hat dies vielleicht schon so mancher gestresster Elternteil. Aber wer spricht schon aus, was sich nicht gehört?

Für Menschen, die das Leben seit der Geburt ihres Nachwuchses vorwiegend durch die rosa Brille sehen, ist das ein Affront. Für solche, die überrascht waren von der Vehemenz der Umstellung in nahezu allen Lebensbereichen, eine echte Erleichterung.

Schwangeren Userinnen würde ich das Buch nicht unbedingt empfehlen – die sollen lieber die Zeit mit dem Babybauch in vollen Zügen genießen, denn die Realität (“Das Kleinkind ist eine nach allen Seiten offene Bedürfnismaschine…”) wird sie früher oder später einholen. Aber allen anderen Müttern und Vätern, die zwischen Windeleimer und Augenringen versuchen, ein eigenes Leben zu bewahren, kann ich nur raten, dieses Buch zu kaufen. Es ist eine völlig neue, mutige Art, das Elternsein zu beschreiben.

Und ich kann da nur für mich sprechen – es ist ein wirklich ehrliches Buch. Und unterhaltsam dazu, lachen und Elternsein schließen sich zum Glück genauso wenig aus wie Glücksmomente und Kleinkinder.

Julia Heilmann und Thomas Lindemann, Kinderkacke. Das ehrliche Elternbuch.
Hoffmann und Campe Verlag, 2010.
221 Seiten, 15 €
ISBN 978-3-455-501150-6.