Aggression im Familienalltag

Wenn ein Familienmitglied plötzlich aggressiv wird, heißt das: „Ich habe das Gefühl, dass ich euch nichts bedeute. Das wünsche ich mir aber. Ich fühle mich missverstanden, außen vor oder wie eine Last“. Gerade deshalb ist es wichtig, Aggressionen in der Familie willkommen zu heißen.

Menschen haben unterschiedliche Temperamente

Es besteht kein Zweifel, dass jeder von uns mit einem anderen Temperament geboren wurde. Einige sind philosophische und zurückhaltende Charaktere, andere sind dynamisch und stecken voller Eigeninitiative. Wieder andere sind aggressiv – ich nenne sie „die Krieger”. Sie betrachten jede Herausforderung als etwas, das mit der ganzen Kraft des Kriegers bekämpft werden muss.

Einige Kinder weinen im Stillen, wenn sie frustriert sind oder das Spiel nicht so funktioniert, wie sie es gerne hätten. Die Krieger hingegen fangen laut an zu schreien und schmeißen das Spielzeug weit weg oder treten dagegen. Genau so werden sie oft bis weit in ihr Erwachsenenleben reagieren, und es lohnt sich nicht zu versuchen, sie zu ändern. Wir wissen nicht genau, warum sie so werden. Was wir jedoch wissen ist, dass es oft sehr schwierig ist, aus einem solchen Holz geschnitzt zu sein. Es erfordert viel Energie und gestaltet die Beziehungen zu anderen Menschen kompliziert. Abgesehen von den „Kriegern“ haben unsere Aggressionen – d.h. Irritation, Zorn, Wut und Hass – unterschiedliche Ursachen:

Was Angst und Schuldgefühle mit Aggression zu tun haben

Angst ist eine Ursache. Die Angst vor der Übermacht, die Angst zu verlieren, die Angst zu sterben. Schuld führt oft zu aggressivem Verhalten, wenn wir die Schuldgefühle und die Selbstkritik nicht länger ertragen können und anfangen, andere zu kritisieren und ihnen die Schuld zuzuschieben. Normalerweise liegt den Aggressionen jedoch die Einsicht zugrunde, unseren Nächsten nicht so nahe zu stehen, wie wir es uns wünschen.

Tieferliegende Gründe für Aggressionen

Es ist ein tiefes zwischenmenschliches Bedürfnis zu wissen, dass wir den Menschen, die wir lieben und gern haben, etwas bedeuten. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist die Grundlage unseres Selbstwertgefühls. Es ist nicht zu vermeiden, dass die Kommunikation in einer Familie von Zeit zu Zeit schlecht ist. Wir drücken uns unklar aus und fühlen uns missverstanden. Wir denken und fühlen so unterschiedlich, dass es schwierig ist, sich auf halber Strecke zu treffen. Wir schaffen es nicht, anwesend zu sein, und der andere fühlt sich dann verlassen und abgewiesen … und so könnte es immer weitergehen, denn es gibt zahllose Dinge, die ab und zu den Kontakt schwächen und uns das Gefühl geben, einsam zu sein.

Wenn das passiert, verlieren wir gleichzeitig das Gefühl, einander oder unseren Eltern etwas zu bedeuten. Manchmal ist diese Empfindung nur schwach und vorübergehend, ein anderes Mal erscheint es uns jedoch, als ob wir den Halt im Dasein verlieren.

Der Ablauf: So entsteht Aggression

Unsere erste Reaktion ist Aggression. Wir sind leicht gereizt, irritiert, wütend oder aufgebracht. Diese Gefühle äußern sich auf unterschiedlichste Art und Weise und in vielen Ausdrucksarten. Frauen war es früher nicht erlaubt, auf die gleiche offene, schreiende Art wie Männer böse zu werden, und darum weinen sie stattdessen. Kindern war es seit Generationen nicht gestattet, ihren Eltern gegenüber zu äußern, wenn diese sie gekränkt hatten. Stattdessen entwickelten sie so genannte psychosomatische Symptome – Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Fieber und chronische Müdigkeit, um die häufigsten zu nennen. Männer schweigen eher und suchen Zuflucht hinter einer Zeitung, vor dem Fernseher oder beim Angeln.

Das alles sind jedoch einfach unterschiedliche „Ausdrucksarten“ – also unterschiedliche kulturell akzeptierte Arten, aggressiv zu sein. Dasselbe gilt für diejenigen, die die Aggressionen konsequent nach innen richten – gegen sich selbst, in Form von Selbstvorwürfen, Depressionen, Schuldgefühlen und Ähnlichem.

Aggression in der Familie – ein besonderer Kontext

Wenn ein Familienmitglied plötzlich aggressiv wird, heißt das: „Ich habe das Gefühl, dass ich euch nichts bedeute. Das wünsche ich mir aber. Ich fühle mich missverstanden, außen vor oder wie eine Last“. Gerade deshalb ist es wichtig, Aggressionen in der Familie willkommen zu heißen. Die Aggression ist nicht der Feind der Liebe und Fürsorge. Sie ist eine der vielen Ausdrucksformen der Liebe. Wenn man sie ignoriert oder unterdrückt, wird sie größer und mit der Zeit heiß wie ein Vulkan oder eiskalt. Es ist eigentlich unlogisch! Warum werden wir aggressiv, kritisch und vorwurfsvoll, wenn wir nicht das Gefühl haben, für die Gemeinschaft von Bedeutung zu sein? Warum reagieren wir nicht logisch und werden beispielsweise traurig? Es ist doch traurig!

Bei den Erwachsenen kommt dies oft zum Ausdruck, indem sie wachsamer sind, wie eine latente Irritation, die dafür sorgt, dass man oft das Gefühl hat, sich wegen „nichts“ zu streiten. Wenn das passiert, ist es an der Zeit, sich zusammenzusetzen und die Beziehung, sich selbst und einander einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Es ist nämlich so, dass das Gefühl, unseren Nächsten nichts zu bedeuten, fast immer damit zusammenhängt, dass wir ihnen nicht so viel bedeuten, wie wir selbst glauben und hoffen. Lassen Sie uns ein klassisches Beispiel anschauen:

Unterschiedlicher Umgang mit Aggressionen bei Männern und Frauen

Viele Jahrhunderte lang waren Männer in der Familie vor allem als Ernährer von Bedeutung. Die Arbeit hatte selten etwas mit Lust oder Interesse zu tun. Das hat sich in den reichen Teilen der Welt im Laufe der Generationen langsam geändert. Ein Mann, der eine Familie hat, wird jedoch vor allem von seiner uralten Pflicht getrieben – die Familie zu ernähren und ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Obschon auch die Frauen den Arbeitsmarkt inzwischen betreten haben, sind sie es häufig, die in ihren Herzen dem Zusammensein und der Nähe der Beziehung zu ihrem Partner und ihren Kindern den Vorrang geben. Da haben wir den Konflikt: Er arbeitet hart, um die Bedürfnisse der Familie zu erfüllen und ihre Finanzen zu verbessern, und sie hat das Gefühl, dass er sie und die Kinder nicht vorrangig genug behandelt. Es gibt nur wenige Männer, die deren Selbsteinschätzung gut genug ist, um sagen zu können „Hör mir mal zu, ich bin eigentlich aus Rücksicht auf meine Familie auf der Arbeit!“ Sie ist meistens zu Hause, versucht, dort eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen, und hat das Gefühl, dass er ihren Einsatz nicht ausreichend würdigt. Beide Seiten verwenden viel Energie darauf, dem anderen etwas zu bedeuten, haben jedoch nicht das Gefühl, dass das wirklich so ist.

So können Sie konstruktiv mit Aggression in der Familie umgehen

Darum ist es wichtig, hin und wieder zu klären, wie wir, und zwar jeder für sich, versuchen können, für einander von Bedeutung zu sein, und es schaffen können, dass uns das gelingt. Ist eine oder sind beide Seiten aggressiv, so ist das ein Zeichen, dass dieses Thema auf die Tagesordnung gesetzt werden sollte.

Als Eltern fallen uns die Zusammenhänge zwischen Bedeutsamkeit und Aggression am deutlichsten in der Beziehung zu unseren Kindern auf. Es gibt kaum eine andere Beziehung, in der wir Erwachsene so schnell und so einfach das Gefühl haben, nicht mehr gut genug oder ausreichend zu sein und an Bedeutung zu verlieren. Und sobald das passiert, fangen viele von uns an, mit den Kindern zu schimpfen. Einige bestrafen die Kinder, und manche gehen sogar so weit, sie zu schlagen. Auch diese Aggressionen entspringen der Ohnmacht, dem Verlustgefühl und der Angst.

Aggression von Eltern gegenüber dem Kind

Ob Eltern physisch oder „mit dem Mund“ zuschlagen – wie einige Kinder es nennen, wenn Erwachsene schimpfen – macht dabei, wie die Kinder die Situation erleben, keinen großen Unterschied. Sie vermissen ganz einfach das Gefühl, den Eltern etwas zu bedeuten, und sie reagieren – ja, ganz genau: aggressiv. Sie reagieren genauso oder schlagen selbst auch, schlagen der kleinen Schwester auf den Kopf oder fressen alles in sich hinein, werden traurig und haben Schuldgefühle, die sie belasten. Die Aggressionen der Eltern sind immer auch deren eigene Verantwortung. Niemals sind die Kinder schuld daran.

So sind wir Menschen nun mal, und darum müssen wir aufpassen, dass Aggressionen sich nicht zu einem Teufelskreis entwickeln, indem Aggressionen nur zu noch mehr Aggressionen führen. Als Erwachsene können wir miteinander reden und die Ursachen klären. Kinder und Jugendliche brauchen unser Mitgefühl und unseren Willen zu verstehen, was in ihnen vorgeht. Es ist bei Kindern niemals ihre Liebe zu den Eltern, sondern ihr Selbstwertgefühl, das auf dem Spiel steht.
 

Jesper Juul wurde 1949 in Dänemark geboren. Er arbeitete unter anderem als Bauarbeiter und Koch und studierte schließlich Geschichte und Religion. Zunächst war er als Heimerzieher und Sozialarbeiter tätig und ließ sich später zum Familientherapeuten ausbilden.

Der amerikanische Psychiater und Familientherapeut Walter Kempler und der dänische Kinderpsychiater Mogens A. Lund sind seine Vorbilder bei dem Ansatz aktiv mit den Familien und den Kindern zusammen zu arbeiten. Er gründete 1979 gemeinsam mit Lund und Kempler das Kempler Institute of Scandinavia  und 2004 gründete er das „familylab“.

Jesper Juul ist der Autor von rund zwanzig Büchern, von denen zehn auf Deutsch erschienen sind. Seine bekanntesten sind „Das kompetente Kind“ und „Was Familien trägt – Die kompetente Familie – das familylab-Buch“. Auch „Nein aus Liebe“ und „Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr geht“ sind  Bestseller.

Gemeinsam mit Jeser Juul berät „familylab – die Familienwerkstatt” die liliput-lounge.

www.familylab.de
www.jesperjuul.com

Ursprünglich veröffentlicht auf www.familylab.no

Foto: © Maya Kruchancova für istockphoto.com