Schwere Schwangerschaftsübelkeit – ein Überlebensbericht

Herzogin Kate leidet unter schwerem Schwangerschaftserbrechen. Sie konnte nicht einmal zur Einschulung ihres Sohnes. Wie ihr erging es auch Christiane Braun. Die zweifache Mutter, berichtet von ihrer unendlichen Übelkeit und dem schwierigen Umgang damit.

Unendliche Übelkeit, trotz größtem Glück? Drei Wochen war Christiane Braun, gelernte Erzieherin und Verwaltungsangestellte, verheiratet, als ihre Periode ausblieb. Der Test zu Hause war negativ, doch beim Frauenarzt fiel der Test positiv aus. „Als ich aus der Praxis rausging, freute ich mich und fing an zu weinen.“  Jahrelang hatte sie sich in ihren Träumen ausgemalt, wie es wäre, schwanger zu sein. Freude und Unsicherheit wechselten sich ab, als sie ihrem Mann Tom die frohe Botschaft mitteilte, waren beide einfach nur glücklich.

Schwere Schwangerschaftsübelkeit

Schwere Schwangerschaftsübelkeit

Ein paar Tage später fuhr das Paar in den Urlaub, eine Woche lang ging es in den Bayrischen Wald. „Dieser erste Hotelurlaub wurde unvergesslich, aber leider anders, als ich es mir vorgestellt hatte“, sagt Christiane Braun heute. „Als wir da waren, wurde mir komisch. Erst war mir nur flau im Magen, ich mochte das Essen nicht riechen.“

Wirklich schlecht ging es Christiane Braun dann aber erst eine Woche später. Es begann ganz plötzlich. Sie konnte nichts mehr bei sich behalten, weder Essen noch Trinken war möglich, sie übergab sich ständig. In der 9. Schwangerschaftswoche hatte die zierliche Frau gut neun Kilogramm abgenommen. „Mein Kreislauf war im Keller, ich war nur noch in einem Dämmerzustand.“ Schließlich fährt Tom seine Frau in die Klinik.

Es dauerte, bis die Diagnose „Hyperemesis“ kam. Eine Zeit, die die werdende Mutter sehr belastete, denn Hilfe fand sie zunächst nicht. „Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, woher diese Übelkeit kommen könnte, hatte aber keine Lösung dafür. Es war ein absolutes Wunschkind, ich wollte Kinder, ich war so glücklich, ich war frisch verheiratet. Alles war so wie ich es mir wünschte – bis auf diese furchtbare Übelkeit“.

Furchbare Übelkeit – und kein Verständnis

Schlimm war für die werdende Mutter, dass sie kein Verständnis fand. „Der behandelnde Arzt erklärte mir, dass ich mein Baby wohl nicht wollte, sonst wäre mir nicht so schlecht.“ Zwei Wochen lang war Christiane Braun in der Klinik und bekam Infusionen.

Christiane Braun fühlte sich in ihrer Verzweiflung nicht ernstgenommen. „Ich wollte das Baby. Dass mir ein Arzt etwas anderes unterstellt, ein psychisches Problem, das war frustrierend und enttäuschend.“ Ihr Mann Tom blieb an ihrer Seite. Doch viele andere reagierten nicht so positiv. „Mir war in den ersten sechs Schwangerschaftmonaten sehr, sehr übel. Danach nur noch übel“, berichtet Christiane Braun. Sie fühlte sich unverstanden und allein, zog sich in dieser Zeit immer mehr zurück: „Niemand konnte nachvollziehen, wie es mir ging.“

Die Ärzte hatten ihr erklärt, dass die Übelkeit in der 12. Schwangerschaftswoche aufhören würde, sie bekam Medikamente. Die halfen, doch absetzen konnte Christiane sie nicht. „Ich hatte  Angst, damit dem Baby zu schaden“, sagt sie.  Sie nahm weiter ab, bis zur 15. Schwangerschaftswoche waren es zehn Kilo. “ Sie wog dann noch 55 Kilo und das bei einer Körpergröße von 1,74. Sie war müde und geschwächt. Erst im sechsten Monat wurden die Beschwerden etwas besser. „Ich erkläre oft, man sollte sich vorstellen, neun Monate unter einem Noro Virus, mit Erbrechen und allem, zu leben. Wer das einmal nur ein paar Tage hatte, bekommt eine leise Ahnung wie es der Betroffenen geht.“

Direkt nach der Geburt ihrer Tochter Lea hörten die Beschwerden auf „Die Nachgeburt war noch nicht einmal da, da merkte ich sofort, dass es mir wieder gut ging. Ich hatte Appetit und konnte endlich wieder essen und trinken. Das war toll.“

Die pflegeleichte Lea glich die Strapazen der Schwangerschaft rasch aus. „Die erste Zeit war überhaupt nicht anstrengend. Nach zwei Wochen schlief sie zwölf bis 15 Stunden im Stück. Sie war ein glückliches pflegeleichtes Baby und ich kam ganz schnell wieder zu Kräften, auch durch ellenlange Spaziergänge mit Lea im Wagen.“

Auch in der zweiten Schwangerschaft kam die extrem Übelkeit wieder

Eigentlich hatten sich Christiane und Tom Braun viele Kinder gewünscht. Doch nach den Erfahrungen in der ersten Schwangerschaft bleibt zwar der Kinderwunsch, doch die Angst ist da. Würde es wieder so schlimm werden? Lea sollte kein Einzelkind bleiben und tatsächlich wurde Christiane Braun wieder schwanger. Auch die Übelkeit kam wieder: „In der zweiten Schwangerschaft war es mir definitiv bis in den Kreissaal sehr, sehr übel.“

Eine sehr schwere Zeit für die damals 29-Jährige. Denn ihre Lea war erst drei Jahre alt „ Ich lag drei Monate im Krankenhaus und danach unansprechbar auf dem Bett oder Sofa neben meinem Eimer.“ Es war ein Spagat zwischen völliger Verzweiflung und Freude. Einerseits die Freude auf ein weiteres Kind, andererseits das Gefühl, der älteren Tochter überhaupt gerecht werden zu können. „Ich fühlte mich wieder sehr isoliert und dazu kamen auch noch viele unschöne Bemerkungen von allen Seiten.“

Auch nach der Geburt ihrer Tochter Carolin war die Übelkeit sofort weg. „Ich erholte mich wieder ungeheuer schnell und hatte noch einen Sonnenschein, der ebenso gut schlief und pflegeleicht war. Diese lieben Babys waren wahrscheinlich der Lohn für die wirklich harte Zeit der Schwangerschaft.“

Familie Braun

Familie Braun (Foto: privat)

Heute ist Christiane Braun 43 Jahre alt und Mutter von Lea (18) und Carolin (14). Mittlerweile kann sie mit Distanz auf die schweren Zeiten der Schwangerschaften  zurück blicken. „Ich weiß jetzt , dass man mich damals oft als Hypochonder eingestuft hat .“ Die Diagnose Hyperemesis gravidum wird noch heute oft sehr spät gestellt, Betroffene schnell selbst verantwortlich für das eigene Leiden gemacht.

Ein Grund, warum sich Christiane Braun noch immer intensiv mit dem Thema „Schweres Schwangerschaftserbrechen“, beschäftigt. Die zweifache Mutter möchte anderen Frauen helfen, möchte sie zum Austausch ermuntern und aufklären. Deswegen hat sie vor die Website www.hyperemesis.de ins Leben gerufen und auch ein Buch zu dem Thema veröffentlicht. „Trotzdem gibt es selbst heute noch Kommentare von Freunden, die mir noch so vielen Jahren weh tun.“ Vor knapp einem Jahr sagte eine Freundin: „Mal war dir schlecht und mal nicht. Man wusste ja nie, ob das jetzt stimmt oder nicht. Mal hieß es, du kannst reden, mal nicht. Da haben wir es lieber gelassen mit dir zu sprechen und uns bewusst bis zum Ende der Schwangerschaft zurückgezogen!“

Die vielen Kommentare wie „Ach, das bisschen Morgenübelkeit, gehört dazu“, waren schlimm. „Frauen mit Hyperemesis wünschen sich von Herzen, dass ihnen nur am Morgen übel wäre“, sagt Christiane Braun. Sie wünscht sich,, dass Betroffene mehr Verständnis bekommen, dass Ärzte und Hebammen besser aufgeklärt werden. Mittlerweile hat die Erkrankung ein prominentes Gesicht bekommen, denn der englische Hof erklärte, dass die Herzogin von Cambridge an Hyperemesis in jeder ihrer drei Schwangerschaften litt. Tatsächlich lasen das auch Freunde und Bekannte von Christiane Braun. Ein Bekannter erklärte: „Als ich das mit Kate gelesen habe, habe ich an Dich gedacht. Ich wusste gar nicht, dass es dir damals so schlecht ging. Wir dachten oft, du übertreibst. Naja, aber jetzt verstehen wir dich. Wenn auch ein bisschen spät.“

Das Verständnis, dass ihr vor 18 und vor 14 Jahren fehlte, wünscht sich Christiane Braun für alle Betroffenen, nicht nur für Herzogin Kate. „Es tut Frauen gut, wenn sie merken, dass ihre Krankheit ernst genommen wird. Verständnis hilft. Und einfach Dasein. Sprechen fällt oft scher, manchmal möchte man auch einfach nur Ruhe. Aber Nachfragen und Interesse zeigen, das hilft.“

Betroffenen Frauen rät sie, Belastungen zu vermeiden, viel zu schlafen. Und vor allem den Mut nicht zu verlieren. „Keine Frau ist mit diesem Problem allein. Deswegen hilft auch ein Austausch über Gefühle und mögliche Behandlungsformen.“ Bis heute macht es Christiane Braun Spaß, andere Frauen zu unterstützen, unter anderem durch das von ihr geschriebene Buch:

„Ich hätte in meiner Übelkeitszeit nicht in einen PC oder ein Smartphone schauen wollen. Aber in einem Buch hätte ich stundenweise blättern können“, sagt sie. Die Internetseite und das Buch sollen Hilfe bieten, doch eine genaue Anleitung könne es nicht geben, weder für Betroffene noch für Freunde und Verwandte „Man muss auf sein Gefühl hören und dann handeln.“

Ausführliche Informationen und Tipps „Hyperemesis gravidarum – schwere Schwangerschaftsübelkeit“ zu lesen.

Infoseite: www.hyperemesis.de

Buch Hyperemesis Gravidarum

Buchtipp: Hyperemesis Gravidarum – Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft
von Anna Hubrich und Christiane Braun
erschienen im Fidibus-Verlag, 2013
Bestellmöglichkeit, Auszug und Inhaltsverzeichnis

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