Schwangerschaft wird zur Krankheit – wo bleibt die gute Hoffnung?

Schwangere Frauen werden immer mehr verunsichert, sie werden gemessen, gewogen. Machen Tests und sorgen sich. Was können Frauen tun, um der Verunsicherungs-Maschinerie zu entkommen? Welche Rollen spielen Hebammen und Frauenärzte?

Eine Schwangerschaft fängt heute mit einem Test an. Oder auch mit zweien? Früher mussten sich Frauen auf ihr Bauchgefühl verlassen, die Zeichen ihres Körpers deuten. Heute können wir einen Schwangerschaftstest kaufen und beobachten einen chemischen Prozess, der uns zeigt: „positiv“. Der nächste Gang ist der zum Frauenarzt, wieder ein Test, eine Untersuchung. Wann fühlt sich eine Frau schwanger? Wenn sie merkt, dass ihre Periode ausbleibt, sie erste körperliche Veränderungen spürt oder erst dann, wenn sie ein Ultraschallbild gesehen hat und dieses in der Hand halten kann?

Wer krank ist, geht zum Arzt. Wer ein Kind in Deutschland bekommt, auch. In anderen Ländern werden Schwangerschaften und Geburten hauptsächlich von Hebammen begleitet, bei uns hauptsächlich von Ärzten. Das war nicht immer so. Noch bis zu Mitte des 20. Jahrhunderts waren Hebammen für die Gesundheitsfürsorge der Schwangeren zuständig, zum Arzt gingen werdende Mütter nur, wenn es Probleme gab. Ultraschall und viele der heutigen Tests kannte man noch nicht.

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Der Freundin von den ersten Ultraschallbilder berichten(© Thinkstock)

Die noch heute in der Schwangerschaftsvorsorge geltenden Mutterschaftsrichtlinien, die immer wieder überarbeitet werden, wurden 1966 verabschiedet. Ihr Ziel war die Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit durch eine engmaschige medizinische Vorsorge. Erarbeitet wurden die Richtlinien von Krankenkassen und Ärzten. Schwangerschaft und Geburt sind heute sicherer, das ist eine unbestrittene Leistung.

Aus der guten Hoffnung wurde Vor-Sorge

Doch für diese vermeintliche Sicherheit wird ein Preis gezahlt. Prof. Dr. Jael Backe, Gynäkologin aus Würzburg, fasst die so zusammen: „Der Mutterpass ist heute ein einziger Risiko-Parcours, den eine Mutter angstvoll absolviert.“ Die Frauenärztin hat das Buch „Schwangerschaft ist keine Krankheit“  geschrieben, in dem sie die heutige „Untersuchungs-Maschinerie“ sehr kritisch betrachtet. Ihr Wunsch: Weg von der „Vor-Sorge“ hin zur „guten Hoffnung“. Warum über 160 Analysen bei einer unkomplizierten Schwangerschaft? Warum muss ständig gemessen, gewogen und analysiert werden?

„Die Untersuchungen werden immer, immer mehr“. Viele Schwangere werden in der gesamten Schwangerschaft von Ängsten begleitet. Immerhin gelten ja auch 80 Prozent der werdenden Mütter als Risikoschwangere, eine Entwicklung, die zeigt, dass Schwangerschaft – und auch erst recht auch die Geburt – immer mehr überwacht, reglementiert und in Raster gepackt werden.

Auch Mediziner selbst kritisieren diese Pathologisierung

„Jede Schwangerschaft wird ärztlich überwacht wie eine hochriskante Angelegenheit. Fast alle Kinder werden in der Klinik geboren, weil es da sicherer sei. Die moderne Geburtsmedizin schwört auf Sicherheit durch Perfektionierung der Überwachung“, so Frauenärztin und Psychotherapeutin Dr. Claudia Schumann. „Wenn auch nicht wegzudiskutieren ist, dass die hohe Technisierung ein Segen für manche Schwangere ist – sie hat auch eine Kehrseite: Durch die vielen Kontrollen werden neue Ängste und Sorgen geschürt. Jeder Besuch in der ärztlichen Praxis ist wie ein TÜV für Mutter und Kind. Und das problematischste: es verschwindet dadurch bei vielen auch das Vertrauen auf sich selbst, auf die eigene Beurteilungskraft.“

Ärztinnen und Ärzte müssen sich an die strengen Richtlinien halten

Gynäkologen müssen sich haftungstechnisch absichern und werdende Mütter aufklären. Doch muss jedes mögliche Risiko wirklich untersucht werden? Ein Beispiel ist die Untersuchung auf Toxoplasmose, wie Prof. Jael Backe ausführt. Natürlich müsse hier aufgeklärt werden, der Test selbst helfe Schwangeren aber wenig. Auch viele andere so genannte Igel-Leistungen werden vom Igel-Monitor und anderen Experten kritisiert. Der Zytomegalie-Infektions-Test beispielsweise wird von vielen Gynäkologen angeboten. International wird er nicht empfohlen, denn selbst wenn er positiv ausfällt, so ist eine Therapie in der Schwangerschaft gar nicht möglich. So ein Test verunsichert nur, da auch gar keine Prognose gestellt werden kann.

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Zu viele Kontrollen schüren eher Sorgen und Ängste (© Symbolfoto: Thinkstock)

Prof. Jael Backe wünscht sich, dass es mehr Fürsorge in der Vorsorge gibt und mehr Rücksicht darauf, dass vieles eben nicht messbar sei. So vieles sei noch unbekannt.  „Wir wissen nicht, wer das Startsignal für die Geburt gibt.“ Wichtig sei daher auch die Unterstützung der Hebammen in der Geburtshilfe.

Für viele Frauen ist die Vorsorge durch eine Hebamme eine Alternative

Hebammen leisten wichtige Fürsorge. „Hebammen können für eine Atmosphäre sorgen, in der Frauen sich wieder aktiver beteiligen können“, erklärt Prof. Sabine Dörpinghaus, Hebamme, Pflegewissenschaftlerin und Professorin für Hebammenkunde in Köln. “Wir leben in einer Zeit, in der das Numerische, das Vermessbare, Abbildbare und Nachweisbare eine wirkmächtige Bedeutung erlangt hat – das zeigt beispielsweise das Ultraschallbild.” Es sei aber eine Fehlmeinung, dass Schwangersein und Geburt messend zu erfassen seien.

„Gerade die Trennung zwischen normal und „unnormal“, zwischen regelrecht und „regelwidrig“ geht mit einer zunehmenden Pathologisierung einher”, führt die Gründerin des Kölner Kreises für humane Geburtskultur aus.  „Für eine solche Denke gibt es immer eine Schablone, die bemüht wird und zugleich tritt mit der Ausschließlichkeit eines rein biomedizinischen Zugangs ein reduktionistischer Denkstil zu Tage.“ Für die „Betroffenen“ stehen allerdings auch ihre Empfindungen, ihre Gefühle im Vordergrund. „Auch wenn mittlerweile genetische, physiologische und biochemische Daten in der Praxis handlungsleitend sind – das bloße „Faktum Geburt“ rein biologisch gedacht  kommt sehr schnell an seine Grenze, denn Geburt ist ein lebendiger Vorgang, der nicht steuerbar ist.“

Viele der heutigen Tests schüren Ängste. Frauen wird abgesprochen, ihrer eigenen Beurteilungskraft zu folgen. „Frauen haben oft ein ausgezeichnetes Gespür, aber die Tests verunsichern sie.“ So wäre es sinnvoller vor den Tests zu überdenken: „Möchte ich das? Was bringt mir das Wissen?“, sagt Prof. Dörpinghaus. Es müsse klar sein, dass ein Test keine absolute Sicherheit biete. Auch „High-Tech“ Medizin könne keine Garantie für ein gesundes Kind geben. Viele Untersuchungen seien wirklich nicht nötig – Stichwort IGel-Leistungen -, vielmehr entstehe die Situation, dass die Frauen durch Sicherheitsversprechungen gefügig gemacht würden.

Mehr Selbst-Bestimmung und mehr Selbst-Verantwortung für Schwangere

Frauen sollten wieder mehr lernen sich nicht in die Abhängigkeit von „Experten“ zu begeben und sich von Technik dominieren zu lassen, sondern selbstverantwortlich und selbst bestimmt mit ihrer Schwangerschaft und ihrer Geburt umzugehen. Wieder mehr auf ihr Gespür und ihre Empfindungen hören. „Mir ist schon bewusst, dass in fachlichen Auseinandersetzungen immer wieder beobachtbar ist, dass das Sprechen über die Empfindungen als schambesetzt erlebt wird, sobald die „angemessene“ Diagnostik und Therapie zum Thema wird. Das liegt daran, dass das Vor-rationale mit dem falschen Etikett des Ir-rationalen gleichgesetzt wird,“  erklärt Prof. Dörpinghaus.

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Selbstbestimmt durch die Schwangerschaft (© Thinkstock)

Natürlich ließen sich biometrische Daten und andere “vermessbare” Werte einfacher und leichter kommunizieren als ein „seltsam anmutender Eindruck“. Es gebe jedoch etwas, das vergessen werde:  „Wirklichkeit lässt sich weder mathematisieren noch objektivieren. Gerade in einer Geburtssituation kann beispielsweise ein Klima der Geborgenheit, Ängstlichkeit oder Unsicherheit vorherrschen – das auch von den Anwesenden gespürt. aber eben nicht vermessen oder objektiviert werden kann.“ Hier sei ein Umdenken zwingend erforderlich, denn nicht alles auf dieser Welt passe in Raster und sei zu erfassen. „Dinge, die nicht messbar sind, sind nicht irrational. Zugleich geht die Fähigkeit, darauf zu hören, damit umzugehen verloren“, sagt Prof. Sabine Dörpinghaus, die sich mit diesem Thema umfassend beschäftigt.

„Schwangerschaft und Geburt sind nicht standardisiert zu erfassen “, betont die Professorin für Hebammenkunde. Damit passe dieser Vorgang aber auch nicht in das Raster von Controllern und Betriebswirten „Es geht nicht darum, moderne Entwicklung und Technik generell abzulehnen, sondern wir müssen uns fragen, wie sehr diese uns dominieren dürfen. Frauen sollten wieder guten Mutes sein und Vertrauen in die eigene Gebärfähigkeit entwickeln dürfen.“

Noch haben Frauen in Deutschland die Möglichkeit, sich in der Schwangerschaft auch von einer Hebamme unterstützen zu lassen. Hebammen helfen den werdenden Müttern auf die Signale ihres Körpers zu achten, ihre Hilfe ist weniger medizinisch-technisch.

Die aktuelle Debatte um die Versicherungen der freien Geburtshilfe ist ein erschütterndes Signal. Wird es bald nur noch die Möglichkeit geben, dass die Vorsorge und Geburtshilfe von Medizinern durchgeführt wird? Prof. Dörpinghaus sieht die derzeitigen Entwicklungen mit Sorge. „Die Hebammenbetreuung ist sehr gefährdet. Es ist kein schillernder, spektakulärer Beruf, aber enorm wichtig.“ Die Wahlfreiheit der Frauen ist ernsthaft gefährdet. „Die Risiken von Atomkraftwerken können versichert werden, aber die Geburtsbegleitung scheitert an der Haftpflicht?“ Ein Weg hin zu mehr Selbstbestimmung – den kann es nur geben, wenn die gesamte Gesellschaft die Arbeit von Hebammen als wertvoll und wichtig erachtet.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wird Schwangerschaft immer mehr zur Krankheit gemacht? Wir freuen uns über Kommentare….

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  • Sandra Wasmuth

    Danke für diesen tollen Artikel! Ich stimme der Kritik voll zu. Als Erstgebährende hab ich mich in so eine nackenfaltenmessung+blutuntersuchung reinschwätzen lassen, ohne wirklichen anlass. Der prozentsatz an Falschdiagnose davon ist immens…der horror, den man vorher+bis zum erhalt der Ergebnisse hat, auch. Wirklich nur zu empfehlen, wenn es zuvor Auffälligkeiten beim Ultraschall gab. Der einzige Vorteil: ich weiss jetzt, dass ich auch ein behindertes Kind austragen würde. Und damit werden die meisten dieser Igel für mich in Zukunft überflüssig!
    Ich habe jetzt beschlossen, die regelmässigen Untersuchungen zwischen Hebamme und FA gleichmässig aufzuteilen. Hab das Gefühl, die Herangehensweise der Hebi entspricht viel mehr meiner Wahrnehmung der Schwangerschaft+das gibt mir Sicherheit.

    • Silke R. Plagge

      Liebe Sandra,
      vielen Dank! Auf die eigene Wahrnehmung und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten – das ist sicher sehr wichtig. Nicht nur in der Schwangerschaft ;)
      Alle Gute,
      wünscht
      Silke R. Plagge, Redaktion liliput-lounge.de