Schwanger über 40 – Frauen sind länger fruchtbar als gedacht

Mit Mitte 30 oder mit über 40 noch ein Kind? Ist das auf natürlichem Wege überhaupt möglich? Eine US-Wissenschaftlerin forschte nach und fand heraus, dass viele Statistiken falsch sind. Frauen sind länger fruchtbar als bisher gedacht.

Wie ist die ideale Lebensplanung vieler Frauen? Erst eine Ausbildung, dann ein Studium, ein wenig Erfahrung im Beruf sammeln, einen Mann fürs Leben finden, ein Haus bauen und dann ein Kind? Doch das alles soll am besten möglichst schnell geschehen, denn immer wieder ist zu lesen, dass das Alter der Fruchtbarkeitskiller Nr. 1 ist.

Auch für Anja (39) war immer klar, dass sie Kinder haben wollte. „Ich werde immer wieder gefragt, ob ich denn glücklich bin, so als Karrierefrau. Aber ich habe es mir nie ausgesucht, keine Kinder zu bekommen, ich habe bisher einfach keinen passenden Partner gefunden.“ Seit zwei Jahren ist sie nun glücklich mit ihrem Freund Jens. „Natürlich spielt der Kinderwunsch eine Rolle, wir sind uns einig, dass wir gern Nachwuchs hätten, wenn es denn noch klappt.“

Frauen sind länger fruchtbar als gedacht (© Thinkstock)

Frauen sind länger fruchtbar als gedacht (© Thinkstock)

Doch wenn Anja im Internet guckt und Zahlen liest, wird ihr eher flau. Die biologisch erfolgreichste Zeit für die Fortpflanzung reiche bis zum Alter von 25 Jahren, erklärt beispielsweise der Ulmer Reproduktionsmediziner Friedrich Gagsteiger in einem Interview der Zeit-Online. Danach beginne bereits die Fruchtbarkeit zu schwinden: erst leicht bis zum Alter von 30 Jahren, dann stärker bis 35. Danach falle die Fruchtbarkeitskurve steil ab. Mit jedem Jahr sinke die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, um einige Prozent. Frauen über 40 könnten nur noch in seltenen Fällen ein Kind bekommen.

Solche Zahlen lesen sich schlimm für viele Frauen. Wen die biologische Uhr schon so früh zu ticken beginnt, wie soll das mit der langen Ausbildungszeit und dem nicht immer einfachen Berufseinstieg zusammen funktionieren? Haben Frauen wie Anja überhaupt gar keine Chance noch ein Kind zu bekommen? Gehässig werden viele Frauen mit späten, oft erfolglosen Kinderwunsch, auch damit gehänselt, unter dem Aniston-Syndrom zu leiden. Einfach zu lange gewartet, Pech gehabt.

Woher kommen die Zahlen eigentlich?

Aber woher stammen eigentlich diese Zahlen, die viele Frauen verzweifeln lassen? Das wollte die amerikanische Psychologin und Wissenschaftsautorin Jean Twenge wissen. Sie selbst hatte nach einer gescheiterten ersten Ehe auch erst mit Mitte 30 einen Kinderwunsch. Viel zu spät sei das, erklärte man ihr. Sie solle sich nicht so viel Hoffnung machen, sagte man ihr, und verwies auf die Zahlen zur weiblichen Fruchtbarkeit.

Twenge forschte nach, woher eigentlich die viel zitierten Stastiken kommen und berichtete darüber in „The Atlantic„. Sie fand heraus, dass fast immer die gleichen Zahlen genannt werden, etwa dass eine von drei 35- bis 40-Jährigen innerhalb eines Jahres nicht schwanger wird. Sie alle berufen sich auf einen Studie, die 2004 im Journal „Human Reproduction“ gedruckt wurde. Und die Datenbasis, auf der diese Studie beruht, bezieht sich auf französische Geburtsregistereinträge aus den Jahren zwischen 1670 und 1830. Wie bitte?!

Das Leben vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ist wohl kaum mit dem Leben von heute zu vergleichen. Wo soll man mit dem Vergleichen anfangen? Es gab keine Antibiotika, eine hohe Kindersterblichkeit, Hungersnöte, Kriege, schwere Arbeiten. Die meisten Frauen im 18. Jahrhundert waren sicher froh, wenn die Zeit der vielen Schwangerschaften (keine Verhütungsmittel) endlich vorbei war. Doch heute haben wir nicht nur eine ganz andere medizinische Versorgung, die Frauen in den Industrienationen können selbstbestimmt verhüten, sich gesund ernähren und arbeiten selten körperlich hart. Auch Kriege hat es schon lange nicht mehr gegeben. Eine durschnittliche 35jährige aus Deutschland im 21. Jahrhundert hat ganz andere gesundheitliche Voraussetzungen als eine gleichaltrige Französin vor 300 Jahren!

Neuere Studien zeigen ein ganz anderes Bild der „späten Fruchtbarkeit“

Dr Jean TwengeJean Twenge ist entsetzt und forscht weiter. Tatsächlich stößt sie sehr wohl auf neuere Untersuchungen. Und die ergeben ein anderes Bild. David Dunson veröffentlichte 2004 in „Obstetrics & Gynecology“ eine Untersuchung, deren Grundlage die aktuellen Daten von 770 Frauen aus Europa sind. Diese Untersuchung zeigt, dass die Fruchtbarkeit von Frauen um 35 sich nur um vier Prozent von Frauen um 25 unterscheidet, vorausgesetzt, sie haben zwei Mal in der Woche Sex. Auch die Studie von Anne Steiner von der Universität von North Carolina bestätigt, dass die Fruchtbarkeit der Frauen in den 30ern durchaus noch hoch ist. Von den Studienteilnehmerinnen zwischen 38 und 39 Jahren, die schon Mutter waren und ein normales Gewicht hatten, wurden 80 Prozent innerhalb von sechs Monaten auf ganz natürliche Weise schwanger. Jean Twenge befragt Anne Steiner zu der Untersuchung und die erklärt: „In unseren Daten sehen wir kein großes Sinken der Fruchtbarkeit, das beginnt erst im 40. Lebensjahr.“

Wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappt, muss das nicht mit dem Alter zusammenhängen

Tatsächlich gibt es viele Gründe, warum Frauen (und Männer) keine Kinder bekommen. Doch die Fruchtbarkeit hängt nicht nur vom Alter, sondern auch von vielen anderen Faktoren ab, das beweist beispielsweise das Anti-Müller-Hormon. Wenn Eileiter nicht gut funktionieren oder hormonelle Probleme wie etwa PCOS vorliegen, hat das wenig mit dem Alter tun. Sehr oft wird auch verkannt, dass es eher die Paare sind, die Kinderwunschpraxen aufsuchen, die eben einen Kinderwunsch haben. Es gibt auch viele Frauen Ende 30, Anfang 40 die überhaupt gar keine Kinder haben möchten, aber eventuell noch sehr fruchtbar sind. Sie tauchen in den Zahlen der Praxen nicht auf, da sie ja auch nicht behandelt werden.

Es gibt noch viele Gründe, die dafür sprechen, dass die Zahlen einfach nicht stimmen. Früher gab es keine Pille, Ehen wurden auf Lebenszeit und meist sehr früh geschlossen. Heutige Lebensentwürfe sind ganz anders. Und frisch Verliebte um die 40 haben vermutlich mehr Sex als Paare, die schon über 20 Jahre zusammen sind und gar keinen Kinderwunsch mehr haben. Späte Schwangerschaft über 40 war lange kein Grund zur Freude, sondern eher zur Sorge. Vor allem, weil die Frauen schon viele Schwangerschaften erlebt hatten und oft gesundheitlich angegriffen waren.

Heute jedoch gibt es viele Berichte von Frauen, die auch mit über 40 auch ohne Kinderwunschbehandlung schwanger geworden sind. Und viele Frauen, die gern noch spät Mutter werden. Stefanie (47) ist heute dreifache Mutter. Sie berichtet, dass ihre dritte Schwangerschaft vor vier Jahren sogar diejenige war, die am schnellsten funktionierte. „Je älter ich werde, desto fruchtbarer bin ich scheinbar.“ Mit 43 Jahren wurde sie gleich im ersten Zyklus ohne Verhütung schwanger. „Damit habe ich nicht gerechnet, denn es hat vier Jahre gedauert, bis das erste Kind kam, beim zweiten dauerte es 24 Monate.“ Auch die Geschichte von Anthea Nicholas ging durch die Medien. Die 50jährige Australierin und ihr vier Jahre älterer Mann wurden ohne medizinische Unterstützung Eltern einen kleinen Jungen. Sie fühlt sich nicht als alte Mutter. „Man kann mit 20 alt und mit 70 jung sein. Alles eine Frage der Einstellung und der Gesundheit,“ erklärt sie.

Wann ist denn nun der richtige Zeitpunkt für eine Schwangerschaft?

Was bedeuteten diese neuen Studien und die Erkenntnis, dass die weibliche Fruchtbarkeit sehr wohl noch länger vorhanden ist, als bisher angenommen wurde, für Frauen mit Kinderwunsch? Auf jeden Fall zeigen sie, dass sich Frauen von Medien und Zahlen nicht verunsichern lassen sollten. Eine statistische Wahrscheinlichkeit ist eine rechnerische Zahl. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich können Frauen Ende 30 und mit Anfang 40 durchaus schwanger werden. Sicher ist das allerdings nicht, denn viele Faktoren müssen zusammen kommen.

Relaxed durch die Schwangerschaft

Relaxed durch die Schwangerschaft (© Thinkstock)

Die Amerikanerin Jean Twenge selbst jedenfalls wurde eine späte Mutter. Sie hat heute drei Kinder, sie alle wurden geboren, als ihre Mutter älter als 35 war. An ihrem 40. Geburtstag besuchte  ihr ältestes Kind zum ersten Mal den Kindergarten und fünf Monate später wurde ihr jüngstes Kind geboren. „Ich mache mir keine Sorgen mehr über meine Fruchtbarkeit, sondern darüber, wie hoch die Betreuungskosten im Kindergarten sind und ob ich es schaffe alle drei gleichzeitig ins Bett zu bringen. Solche Probleme sind gute Sorgen.“

  • Stern

    „Schwanger über 40 – Frauen sind länger fruchtbar als gedacht“ – Woher kommen die Zahlen eigentlich?

    Leider gibt es heutzutage eine nicht so lustige Statistik. Mit Mitte 30 bekommen viele die verfrühte Menopause. Diese Frauen
    können also nicht ihre eigenen Eizellen nutzen, um schwanger zu werden.

  • Arin

    Frauen sollen lange darüber nicht nachdenken,
    denn Sie werden gar nicht merken, dass Ihr reproduktives Alter sich schon dem
    Ende nährt und es schwierig ist, alleine und auf natürliche Weise schwanger zu
    werden. In den letzten Jahren ist das Alter der Mütter, die ihr erstes Kind
    bekommen haben, deutlich reifer geworden.

  • Hans Frosch

    Wie schon im Artikel ganz am Ende erwähnt:
    An Ausnahmen sollte man sich nicht orientieren.
    Es gibt auch Menschen bei denen Rauchen Alzheimer verhindert und die keinen Krebs davon bekommen.
    Rauchen ist also auch gesünder als man denkt.

    Wer ernsthaft Kinder bekommen möchte sollte die Sache vor 35 planen.
    Es gibt keinen Grund es über 35 nicht zu probieren, aber ob man zu denen gehört wo es dann noch klappt oder nicht weiss man ja nicht.

    • renata

      Renata ich hatte mein erstes Kind mit 35 und das zweite mit 39 hatte nie Probleme!! Dieses ewige Geschrei um das Alter der Mutter nervt mich!!! Wenn ein Mann seine greisen Spermien verteilt schreit kein Hahn

  • Eureka

    Es wird immer wieder Frauen geben, die mit 35 oder sogar jünger, bereits in die Wechseljahre kommen! Dies ist umso tragischer, wenn sich gerade diese Frauen so sehr ein Kind wünschen. Auch gibt es viele Frauen, die noch jenseits der 50 eine regelmäßige Menstruation haben und dementsprechend auch noch auf natürlichem Wege schwanger werden könnten. Trotzdem ist es meine Meinung, daß nicht alles, was die Natur möglich macht, auch unbedingt gut sein muß! Eine 50-jährige ist für mein Empfinden einfach zu alt für ein Baby, es ist einfach ein Alter, in dem man sich darauf einrichten kann, bereits Großmutter zu werden. Dies gilt meines Erachtens auch für Männer. Ich finde es genauso unschön, wenn „Greise“ noch KInder zeugen, die bereits ihre Urenkel sein könnten! Die Mode, ich bezeichne es so, kurz vor „Toresschluß“ doch noch unbedingt ein KInd zu wollen, finde ich unerträglich! Die Alternative, im noch höheren Alter durch gezielte Hormonmanipulation noch schwanger zu werden, finde ich absolut unnatürlich und verwerflich.