Fehlgeburten – Irrglaube & Fakten

Viele Paare fühlen zweifeln an sich oder hören sogar Vorwürfe, wenn eine Schwangerschaft frühzeitig endet. Wissenschaftler aus den USA sammelten Irrglauben und Fakten rund um das Tabuthema Fehlgeburt, um Eltern zu helfen.

Die Trauer um ein ungeborenes Kind ist oft groß. Auch wenn die Schwangerschaft noch nicht weit fortgeschritten war, ist es für Mütter und Väter nicht einfach zu verarbeiten, dass die gute Hoffnung so ein jähes Ende genommen hat. Eine Studie der Universitätsklinik Charité zeigt, dass Frauen eine Fehlgeburt meist als persönliches Scheitern empfinden. Neben den Schuldgefühlen stünden Selbstwertprobleme und der Neid auf andere Mütter laut den Forschern im Vordergrund.

Fehlgeburten – Irrglaube & Fakten (© Thinkstock)

Fehlgeburt – woher kommen die Selbstzweifel und Schuldgefühle? (© Thinkstock)

Woher kommen diese Gefühle?

Auch international beschäftigen sich Wissenschaftler damit, wie Frauen und Männer mit Fehlgeburten umgehen. Auf einem internationalen Treffen von Reproduktionsmedizinern (ASRM) stellte der Gynäkologe Dr. S. Zev Williams vom Albert Einstein College of Medicine Ergebnisse einer Untersuchung vor. Williams und sein Team befragten 1.083 Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu persönlichen Erlebnissen und über Fakten zum Thema Fehlgeburt.

Die Ergebnisse zeigen, das Fehlgeburten nur sehr selten thematisiert werden. Die Betroffenen haben oft das Gefühl, mit ihren Erfahrungen sehr alleine dazustehen und fühlen sich verantwortlich.

Die Befragten glaubten:

65 Prozent glaubten, dass Fehlgeburten selten seien.

76 Prozent gingen davon aus, dass kurzfristiger Stress Fehlgeburten verursache.

74 Prozent meinten, „Dauerstress“ verursache ein vorzeitiges Ende der Schwangerschaft.

64 Prozent waren überzeugt, dass schweres Heben Fehlgeburten auslösen könne.

41 Prozent vermuten, dass sexuell übertragbare Infektionen eine Ursache sind.

25 Prozent nehmen an, dass eine Fehlgeburt daran liege, dass die betroffene Frau, das Kind nicht wirklich haben wolle.

Die wahren Fakten:

Der Anteil der Fehlgeburten ist höher als allgemein angenommen. Einige Experten erklären, dass auf jede Geburt eine Fehlgeburt kommt, andere gehen von einem Anteil von bis zu 25 Prozent aus.

Bei frühen Fehlgeburten wird in 60 bis 80 Prozent der Fälle von genetischen Ursachen ausgegangen.

Auch Infektionen und andere gesundheitliche Gründe können zu Fehlgeburten führen.

Kurzfristiger Stress oder ein einmaliges „Fehlverhalten“ (wie etwa Heben) sind laut den Forschern nicht verantwortlich.

Warum muss jemand „schuld“ sein?

Einfach nicht mehr schwanger? Die meisten Menschen gehen davon aus, dass eine Fehlgeburt eine Ursache haben muss – und sprechen daher Schuldzuweisungen aus. Dr. Williams: „Nach einer Fehlgeburt haben Patienten das Gefühl, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben. Und darüber wird meist nicht gesprochen.“

Die Mischung aus Schweigen und Scham führt zu einer Tabuisierung, die es den Betroffenen noch schwerer macht. Der Reproduktionsmediziner Dr. Elmar Breitbach fasst das so zusammen: „Wir möchten änderbare Ursachen erkennen können, um in Zukunft entsprechend zu handeln. Die Verteilung von Chromosomen im Embryo ist jedoch nicht beeinflussbar, sondern schicksalhaft.“

Der Verlauf einer Schwangerschaft hängt von so vielen Faktoren zusammen – doch die meisten sind unbekannt und können nicht gelenkt werden. So traurig Fehlgeburten sind, noch immer sind die meisten Ursachen nicht genau zu zuordnen. Sie sind Schicksal und daran hat keiner Schuld. Und das ist gut zu wissen.

Bergner, Annekathrin; Beyer, Reinhard; Klapp, Burghard F.; Rauchfuß, Martina: Trauer, Bewältigung und subjektive Ursachenzuschreibungen nach Frühaborten: Adaptivität von Verarbeitungsmustern untersucht in einer Längsschnittstudie. PPmP Heft 02; Jahrgang 59: Februar 2009: S. 57